Niklas Kaul (Foto: Imago, imago/GEPA pictures)

Leichtathletik | European Championships Das Zehnkampf-Märchen des Niklas Kaul

Der Mainzer Zehnkämpfer Niklas Kaul hat bei der EM in Berlin beeindruckt. Der 20-Jährige wurde in seinem ersten großen Wettkampf Vierter und dankte dem verletzten Kai Kazmirek.

Er war die große EM-Überraschung unter den Zehnkämpfern: Am Rande des ebenfalls unerwarteten Titelgewinns von Arthur Abele in Berlin beeindruckte der Mainzer Niklas Kaul bei seinem ersten großen Wettkampf bei den Erwachsenen. Der 20-Jährige vom USC Mainz schob sich nach Platz 13 am ersten Tag dank seiner starken zweiten Hälfte mit persönlicher Bestleistung von 8.220 Punkten noch bis auf Rang vier vor. Und das, obwohl er erst eine Woche zuvor von seinem Start erfahren hatte.

Über zwei Tage hinweg cool geblieben

Doch Kaul lieferte, als wäre das für ihn eine Selbstverständlichkeit. "Ich war tatsächlich vor den 100 Metern sehr, sehr aufgeregt. In dem Moment, in dem ich mir die Kopfhörer aufgezogen habe und Musik angemacht hab, war das dann der ganz normale Ablauf, wie er sonst auch immer ist. Ab dem Moment lief es einfach." Und er blieb trotz der großen Hitze über zwei Tage hinweg cool: "Man hat ja gesehen, wie viele rausgeflogen sind. Die Bedingungen waren echt heftig. Das dann so durchzuziehen, da bin ich echt stolz drauf."

Ein Dank ging auch an Überraschungs-Europameister Abele: "Arthur hat mir mit seiner Erfahrung sehr geholfen, genauso wie das Team mit den Physios und allen, die dahinterstehen", sagte Kaul. "Ich habe mir einfach keine Gedanken darüber gemacht, wo ich bin und alles wie im Rausch erlebt. Ich habe die Stimmung super aufgesogen. Es waren wirklich zwei krasse Tage für mich."

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Dank an Kazmirek

"Das ist wirklich großer Sportsgeist"

Niklas Kaul über Kai Kazmirek

Dabei hatte Kaul erst sechs Tage vor dem Wettkampf von seinem Start als Nachrücker für Kai Kazmirek von der LG Rhein-Wied erfahren. Wegen einer Oberschenkelverletzung hatte sich der WM-Dritte von 2017 kurzfristig gegen seine Teilnahme entschieden, um den Weg für die Nachwuchshoffnung freizumachen. Kaul wusste, bei wem er sich in erster Linie zu bedanken hatte: "Wenn man vor einer Heim-EM merkt, dass man nicht ganz fit ist und dann sagt, ich ziehe zurück, ich überlasse dem Anderen die Chance, das ist wirklich großer Sportsgeist.“

Der verletzte Kazmirek zeigte sich zuhause sehr beeindruck von Kauls Leistung: "Darauf kann Niklas aufbauen, es freut mich dass er seine Leistung abrufen konnte."

Dass er untätig zuhause vor dem Fernseher sitzen musste, wurmte den 27-Jährigen umso mehr, da die Konkurrenz schwächelte: "Gerade Topfavorit Kevin Mayer hat viele Fehler gemacht. Mit der schlechtesten Punktzahl, die ich in den letzten Jahren erreicht habe, 8.450 Punkte, hätte es bei dieser EM für mich zu Gold gereicht." Zum Vergleich: Europameister Arthur Abele hatte den Wettkampf mit 8.431 Punkten gewonnen.

Begonnen hatte Kaul seinen Auftritt mit soliden, aber nicht überragenden Leistungen. 11,36 Sekunden über die 100 Meter, 7,20 Meter im Weitsprung, 13,85 Meter im Kugelstoßen, 2,08 Meter im Hochsprung, 49,28 Sekunden über 400 Meter. Damit war er zunächst im Rahmen seiner Möglichkeiten, ohne eine Saisonbestleistung zu schaffen – Platz 13 im Zwischenklassement. "Ich hatte das Training ja langsam zurückgefahren. Deswegen ist mir bei den 400 Metern ein bisschen die Luft ausgegangen", kommentierte Kaul den ersten Tag.

Aufholjagd am zweiten Tag

Doch schon bei seinen internationalen Erfolgen in der Jugend war der Mainzer stets einer für den zweiten Tag. So auch in Berlin: Die 14,78 Sekunden über die 110 Meter Hürden waren für Kauls Verhältnisse noch mäßig, doch mit dem Diskuswerfen begann er seine Aufholjagd. 46,30 Meter bedeuteten nicht nur persönliche Bestleistung, sondern auch die Bestweite des gesamten Feldes. Im Stabhochsprung blieb Kaul mit 4,70 Meter nur zehn Zentimeter unter seiner Bestleistung. "Gerade der Hochsprung und der Stabhochsprung haben riesig Spaß gemacht“, sagte er. Den Speer, sein Spezialgerät, schleuderte der Lehramtsstudent im zweiten Versuch auf 67,72 Meter: Platz zwei im Feld, für seine Verhältnisse jedoch sogar noch wenig.

Nur 70 Punkte hinter Bronze

Nicht auszudenken, was für das Top-Talent mit einer besseren Weite möglich gewesen wäre. Denn im abschließenden 1.500 Meter-Lauf, der Hass-Disziplin fast aller Zehnkämpfer, lief Kaul selbstbewusst an der Spitze mit und beendete seinen Wettkampf mit Saisonbestleistung von 4:23,67 Minuten als Lauf-Zweiter und Gesamt-Vierter. Ganze 70 Punkte fehlten ihm am Ende auf den Weißrussen Vitali Zhuk, der Bronze gewann.

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Für Kaul war das aber definitiv kein Grund zur Trauer: "Ich habe es einfach genossen, es war einfach schön, dabei sein zu dürfen. Das sind die Momente, für die wir Sportler leben und für die wir so viel trainieren.“ Der Mann, dem eine große Zukunft in der deutschen Leichtathletik vorausgesagt wird, blickte auch schon voraus: "Das gibt so viel Motivation fürs Wintertraining und auf dem Weg in Richtung Tokio 2020. Ich habe auch viel gelernt, was den ganzen Ablauf bei den Großen angeht. Deswegen war das für mich Gold wert auf dem Weg in Richtung Olympia."

U 20-Weltrekordhalter will zu Olympia

Schon vor dem EM war Niklas Kaul kein No Name in der deutschen Leichtathletik. U18- und U20-Weltmeister, U20-Europameister und Weltrekordhalter dieser Altersklasse: Kauls sportliche Vita liest sich schon in jungen Jahren beeindruckend. Bei den "Großen" durfte er sein riesiges Talent bislang erst einmal unter Beweis stellen. Beim prestigeträchtigen Mehrkampf-Meeting in Götzis im Mai wurde er mit 8.205 Punkten prompt Sechster und knackte die EM-Norm. Zur Nominierung reichte das aber zunächst nicht, weil drei Deutsche besser waren.

Erst der verletzungsbedingte Verzicht von Kazmirek ermöglichte Kaul, seinen Traum zu leben. Die unerwartete Chance nutzte der Youngster auf eine Art und Weise, die ihm wohl kaum einer zugetraut hatte. Sein Erfolgsrezept dafür war eigentlich ganz einfach: "Ich war einfach locker, hatte nichts zu verlieren und konnte einfach Spaß haben."

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