Hochspringerin Carolin Hingst startet bei den European Championships in Berlin (Foto: Imago, Sportfoto Zink / OGo)

Leichtathletik Die nimmermüde Spätzünderin

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Carolin Hingst hat es tatsächlich zu Leichtathletik-EM geschafft. In Berlin will die 37-Jährige nach einer Trainingsumstellung noch einmal ins Stabhochsprungfinale einziehen.

Sie wird und wird nicht müde. Im hohen Sportleralter von 37 Jahren ist Carolin Hingst noch einmal zurückgekommen. Nach vielen Verletzungen und anderen Rückschlägen in 20 Jahren als Stabhochspringerin hat sich die Athletin der TG Nieder-Ingelheim erneut für die EM qualifiziert. In Berlin will sie am Dienstag, den 7. August ab 19.05 Uhr über die Qualifikation ins Finale am Donnerstagabend springen. Dass es die Leichtathletin noch einmal so weit schaffen konnte, liegt daran, dass sie gelernt hat, auf ihren Körper zu hören.

"Hinfallen und wieder aufstehen"

Der Weg zurück in die Weltspitze ist hart. Das gilt auch für Eine, die schon 2001 bei der WM in Edmonton dabei war (Platz zehn). Ein Jahr später feierte Hingst ihre EM-Premiere in München. 16 Jahre später ist sie nun in Berlin, wo der Wettkampf im Rahmen der neuen "European Championships" ausgetragen wird, mal wieder dabei: "Jede Niederlage, jeder Rückschlag hat mich stärker gemacht, weil ich immer überlegt habe: Was war falsch? Was kann ich ändern", sagt Carolin Hingst und nennt das Motto, das ihren gesamten Lebensweg prägt: "Hinfallen und wieder aufstehen". Seit 2001 war Hingst mit Ausnahme des vergangenen Jahres bei jeder Deutschen Meisterschaft dabei. Die EM-Norm von 4,45 Meter knackte sie in diesem Jahr nicht bei der DM, wo sie Vierte wurde, sondern zuvor bei den bayerischen Meisterschaften in Erding. Und das, nachdem sie eine Knie-OP im Juli 2016 lange Zeit außer Gefecht gesetzt hatte.

Mehr Gespür für den eigenen Körper

"Der Weg zurück war zäh, aber jetzt geht es mir wieder gut. Ich höre viel mehr in meinen Körper hinein und habe ein besseres Gefühl für ihn", sagt die frühere Athletin des USC Mainz. Absolvierte sie früher im Training bis zu 30 Sprünge, begnügt sie sich heute auch mal mit zehn, wenn die Muskulatur zumacht: "Der Sport macht mir nach wie vor sehr viel Spaß. Aber ich kenne meinen Körper und weiß, was effektiv ist und was nicht. Früher habe ich nicht darauf gehört, sondern trainiert, trainiert und die Pläne abgearbeitet".

Auch heute gönnt sich Hingst selten einen Tag Pause. "Dafür mache ich auch mal Einheiten mit 50 bis 60 Prozent", sagt sie. "Ich beobachte den Körper und schaue, wie es ihm geht.Tut etwas weh? Wie ist die Belastung? Und kann ich wieder steigern?" Für diese Erkenntnis brauchte es 20 Jahre Hochleistungssport. "Ich bin eben eine Spätzünderin", sagt Hingst, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr Kunstturnerin war, lachend.

Soziales Engagement selbstverständlich

Seit Jahren trainiert sich Hingst, deren Bestleistung bei 4,72 Meter (2010) liegt, selbst, aber auch andere: Die Mainzerin ist als Personal Trainerin tätig, gibt Kurse und Workshops und hält Vorträge. Zugleich widmete sie sich ganz anderen Projekten und nahm in diesem Jahr an der ersten Staffel der Wettkampfshow "Team Ninja Warrior Germany" auf RTL teil.

Darüber hinaus engagiert sich Hingst für krebskranke Kinder. "Geld allein macht nicht glücklich, ich möchte einfach das Beste aus dem Tag machen und es freut mich, wenn ich anderen etwas zurückgeben kann". In diesem Jahr verlor sie gleich mehrere gute Freunde. "Da merkt man, wie schnell und kurz das Leben sein kann. Wir sollten versuchen, das Beste draus zu machen". Das Beste ist in ihrem Fall sportlich eigentlich bereits die Qualifikation für die EM. Doch die nimmermüde Hingst will noch mehr: "Der Endkampf wäre mega geil".

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