Die Junglöwen (Foto: SWR)

Handball | Nachwuchs Nach Folter-Vorwürfen in Flensburg - "Junglöwen" gut geschützt

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In der Nachwuchsakademie der SG Flensburg-Handewitt soll es über Jahre ein brutales Aufnahmeritual unter Jugendlichen gegeben haben. Die Vorwürfe erschüttern die Handball-Welt. Im Handball-Internat der Rhein-Neckar Löwen wird das Thema intensiv aufgearbeitet.

Die Vorwürfe eines heute 19-Jährigen Ex-Handballers wiegen schwer. In der Ausbildungsstätte der Flensburger soll es ein Aufnahmeritual für "Frischlinge" gegeben haben, bei dem ältere Spieler den Neuankömmlingen mit einer Rohrzange die Brustwarzen verdreht haben. Nicht nur körperlich seien die Opfer verletzt worden, sondern auch psychisch und seelisch.

Bei den "Junglöwen", der Nachwuchsschmide der Rhein-Neckar Löwen, ist man schockiert über das beschriebene "Zangenritual". Im Handball-Internat und im Nachwuchsleistungszentrum in Kronau werden die Junioren rund um die Uhr betreut, das wurden die Flensburger Talente nicht. Jahrelang, so heißt es, wurden die 14- bis 17-Jährigen in der Jugendakademie nachts allein gelassen. Den Skandal um das brutale Aufnahmeritual deckten Recherchen des NDR Schleswig-Holstein und des Magazins "Spiegel" auf.

Das Nachwuchsleistungszentrum "Junglöwen" wurde 2019 für seine exzellente Jugendarbeit ausgezeichnet. Neben Trainern stehen auch ein Sozialpädagoge und der Verein "Anpfiff ins Leben" an der Seite der jungen Handballer. Zurzeit sind elf Spieler im Alter zwischen 16 und 18 Jahren im Junglöwen-Internat.

"Wir haben nach den Vorkommnissen in Flensburg mit unseren Jugendlichen im Internat gesprochen und sie erneut für das Thema 'menschenwürdiger Umgang mit Mitspielern' sensibiliert. Sie kennen die Grenze. Seelische und physische Verletzungen sind absolut tabu."

Alexander Zimmermann, Sozialpädagoge im NLZ Junglöwen der SG Kronau-Östringen

Das Internat der "Junglöwen" ist das einzige Internat für Nachwuchshandballer im Südwesten. Die anderen Bundesligisten betreuen ihre Schützlinge nur tagsüber, aber das "Zangenritual" von Flensburg ist ein großes Thema in den Nachwuchszentren. Die Reaktionen: Schock und Entsetzen. Und alle beschäftigt die Frage, ob das im eigenen Nachwuchsbereich auch passieren könnte.

"Als ich davon erfahren habe, dachte ich mir nur: Das hat nichts mit Handball zu tun! Solche Rituale sind nicht üblich. Das einzige Ritual, das wir seit langem pflegen, ist das Kabinenfest zum Einstand, bei dem jeder neue Spieler seine Mitspieler auf eine Pizza oder Maultaschen einlädt."

Jürgen Schweikardt, Trainer der Profis beim TVB Stuttgart

"Man denkt darüber nach, wie so etwas passieren kann. Was beängstigend ist, ist die Tatsache, dass das Zangenritual über Jahre unbemerkt blieb und unter Verschluss gehalten wurde."

Markus Baumann, Jugendkoordinator TSG-Friesenheim

Die Verantwortlichen in den Vereinen sind aufgerüttelt. Grundsätzlich macht man sich Gedanken, wie die Jugendspieler bestmöglich betreut werden können. Einen 100%-Schutz gibt es aber nicht.

"Wir haben kein Internat, deshalb ist bei uns die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer, dass so etwas passiert. Aber es kann sich kein Verein hinstellen und sagen, bei uns ist so etwas undenkbar, weil man die Jugendlichen nicht vollständig betreuen kann. Aber wir tun sehr viel dafür, dass so etwas nicht passiert."

Christian Schöne, Leiter des Nachwuchscenters FRISCH AUF Göppingen

In vielen Vereinen kümmern sich Sozialpädagogen, Lehrer, Trainer und Eltern um den Nachwuchs. Und es gibt klare Regeln und Strukturen, um die sportliche Entwicklung der Talente bestmöglich zu fördern. Soziales Verhalten spielt dabei eine große Rolle. Bei Balingen-Weilstetten macht man sich besonders große Gedanken, wie man die Jungendlichen vor Missbrauch schützen kann. Man arbeitet mit dem Verein "Feuervogel e.V." zusammen, der sich dem Schutz von Kindern verschrieben hat.

"Erwachsene glauben oft zu wissen, wie Jugendliche denken. Wichtig ist aber vor allem die Sichtweise der Jugendlichen. Die wollen z.B. in einem gewissen Alter nicht mit den anderen duschen. Die Duschpflicht ist aber noch weit verbreitet. Da müssen Trainer und Eltern noch lernen, die Wünsche der Jugendlichen mehr zu respektieren."

Claudia Kanz, Leitung Prävention in der Beratungsstelle "Feuervogel"

Bei der JGS Balingen-Weilstetten werden die Befürfnisse der Kinder und Jugendlichen vorbildlich wahrgenommen. Gemeinsam wurde ein speziell entwickeltes Kinderschutzsystem eingeführt, das präventiv ausgelegt ist, dem Verein aber auch im Krisenfall helfen soll, schnell reagieren zu können. Kern des Konzeptes ist ein sogenanntes geschultes "Dreier-Team", das aus einem oder zwei aktiven Jugendlichen, einem Trainer und einem Elternteil besteht. Kinder und Jugendliche sollen dadurch schnell auch gleichaltrige Ansprechpartner finden, um Probleme im Verein, aber auch in der Schule und im Elternhaus ansprechen zu können.

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