Maike Merz (links) und Tanja Kuttler sind Schwestern und ein Schiedsrichter-Gespann. Sie pfeifen in der Handball-Bundesliga der Männer.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Handball-EM der Frauen

Schiedsrichter-Schwestern Maike Merz und Tanja Kuttler: Erfolg ist kein Glück

STAND
AUTOR/IN
Johannes Holbein

Maike Merz und Tanja Kuttler sind Schwestern, Mütter und das einzige weibliche Schiedsrichter-Gespann in der Handball-Bundesliga der Männer. Aktuell pfeifen sie bei der EM der Frauen. Wie schaffen sie das alles?

Wir haben Angst, dass ihr daran zerbrecht, haben viele Funktionäre gesagt, die ihnen nahestanden. Angst, dass ihr dem Druck nicht standhaltet, dass sich Fans und Medien auf euch stürzen, dass die Gesellschaft nicht bereit ist für zwei Frauen in der stärksten Männer-Liga der Welt. Angst?

Ein Sonntagnachmittag Ende Oktober. Die Umkleide-Kabine in der SAP-Arena in Mannheim hat zwei Bäder. Vor einem der beiden Spiegel steht Tanja Kuttler, 33, die jüngere der beiden Schwestern, vor dem anderen Maike Merz, 36. Haare zum Zopf binden, Strähnen hinters Ohr klemmen, nichts soll sie ablenken, wenn sie gleich ein Bundesliga-Spiel leiten: Rhein-Neckar Löwen gegen Hannover Burgdorf, nicht einfach. Wer zu den besten gehören will, muss auf Details achten.

Merz und Kuttler zeigen, dass beides geht: Familie und Leistungssport

Maikes jüngere Tochter hat an diesem Sonntag Geburtstag. Gefeiert haben sie deshalb einen Tag zuvor. Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden an einem Geburtstag der Kinder pfeifen. "Wir müssen schon viel zurückstecken", sagt Maike. Als ihre ältere Tochter ihre ersten Schritte gemacht hat, war sie nicht da. Sie pfiff rund 1.000 Kilometer entfernt in einer Handballhalle in Debrecen eine Juniorinnen-WM. Die Großeltern haben die Gehversuche gefilmt und ein Video geschickt. Das hat sie getroffen. "Aber ich finde, man muss auch ein Stück flexibel sein."

"Wir stecken sehr, sehr viel für den Sport zurück, aber nicht alles. Familie geht über alles. Und wir waren überzeugt davon, dass wir es mit der richtigen Einstellung schaffen können."

Maike hat zwei Töchter, Tanja einen Sohn. Erst vor wenigen Tagen hat die beiden eine Nachricht erreicht von einer Schiedsrichterkollegin aus dem Ausland. Sie seien Vorbilder, stand darin. Vorbilder, dass Mama- und Schiedsrichter-Sein doch funktionieren kann. "In der Nachricht hieß es, dass sie durch uns viele Schiedsrichterinnen bei sich an der Stange gehalten haben, die den Fokus eigentlich auf die Familie legen wollten. Da sind wir schon stolz drauf", sagt Tanja Kuttler.

Am Anfang waren sie als Schiedsrichterinnen nicht gleichberechtigt

Sie sind in Tettnang am Bodensee großgeworden. Ihre Eltern waren begnadete Handballer. Tanja und Maike haben jahrelang in Auswahlmannschaften gespielt. In ihrer Nähe gab es aber keine hochklassigen Teams, sie hätten wechseln und früh das Elternhaus verlassen müssen. Sie haben sich dagegen entschieden.

Das erste Mal Spiele gepfiffen haben sie als Jugendliche, als ihr Heimatverein, der TSV Tettnang, dringend Schiedsrichter gesucht hat. Am Anfang waren sie überfordert, hatten keinen Spaß daran. Und sie wurde anders behandelt als ihre männlichen Kollegen.  

"Wir haben beide mit 16 unseren Schiedsrichterschein gemacht mit Kollegen, die teilweise noch nicht einmal aktiv Handball gespielt haben. Denen also Grundvoraussetzungen, die wir automatisch mitgebracht haben, gefehlt haben. Und es war danach ganz normal, dass sie die stärkeren Spiele bekommen haben als wir, nur weil sie Männer waren. Das traurige ist eigentlich, dass es für uns zu der Zeit auch ganz normal war", sagt Tanja Kuttler. "Und ich glaube, mit dieser Ungleichberechtigung an der Basis geht eine Schere auf, die sich irgendwann nicht mehr schließen lässt."

Sie können auch mit Fehlern umgehen

Beide wollten aufhören, haben sich dann aber entschlossen, es als Gespann zu probieren. 2008 war das. "Wir haben gemerkt, dass wir zu zweit viel erreichen können, weil wir die gleiche Einstellung haben. Das war für uns zum Glück der richtige Weg."

Sie sind ehrgeizig, perfektionistisch. Sie bewegen sich aufrecht, ihre Gesten klar, ihre Gesichter konzentriert, ihre Augen scannen alles, aber während der Partie zwischen den Rhein-Neckar Löwen und Hannover lachen sie auch hin und wieder, wenn sie sich mit den Spielern austauschen. Es ist kein leichtes Spiel, viele strittige Situationen, meckernde Trainer und Spieler, aufgeheizte Stimmung. Der sportliche Wettkampf reizt sie.

In der zweiten Spielhälfte gibt es eine Situation, die sie unterschiedlich wahrnehmen. Maike entscheidet zunächst auf Einwurf für Hannover, Tanja hat die Szene klarer gesehen. Beide besprechen sich und geben den Einwurf schließlich den Rhein-Neckar Löwen. "Wir wollen ja richtig entscheiden und nicht Recht haben", sagt Maike Merz. Eine Haltung, mit der sie sich Respekt verschafft haben.

Viel gesehen, weit gereist

2011 kamen sie durch einen Sichtungslehrgang zum Deutschen Handballbund (DHB). Von da an ging es für sie Schritt für Schritt nach oben. Die anderen Frauen, die damals dabei waren, haben alle aufgehört. "Ganz am Anfang gab's für Frauen keinen absehbaren Weg, es gab noch nicht einmal einen Trampelpfad, wo man sehen konnte, wo kann die Karriere hinführen", sagt Tanja Kuttler. Mittlerweile sei man auf einem guten Weg. Es werde immer normaler, dass Frauen pfeifen. "Ich hoffe, dass wir den Trampelpfad großflächig vorgetrampelt haben, dass viele uns folgen werden."

Inzwischen sind sie im Elitekader des DHB, pfeifen internationale Turniere. Griechenland, Island, Kongo. Sie haben viel erlebt, viel erreicht, sind weit gereist.

"Wir überschätzen uns nicht und das hat uns bisher ganz gut getan, immer einen Schritt nach dem anderen zu gehen, um dann auch nicht enttäuscht zu werden. Und so fahren wir ganz gut und kommen langsam, aber stetig voran."

Ihr Umfeld unterstützt sie – anders wäre es nicht möglich

Tanjas erste und Maikes zweite Schwangerschaft haben sie aufeinander abgestimmt, um nicht zu lange raus zu sein. Auf zehn Wochen genau hat es geklappt. "Man muss so ehrlich sein und so unromantisch: Im Leistungssport als Frau hat man wenige Möglichkeiten. Wären wir hintereinander schwanger geworden, wären wir so lange aus dem Geschäft rausgewesen, dass der Weg zurück einfach ein ganz, ganz harter und schwieriger gewesen wäre", sagt Tanja.

In ihren Häusern haben sie sich Fitnessräume eingerichtet, um mit Babyphone trainieren zu können. Oft stehen sie vor fünf Uhr auf, um ihre Übungen zu machen, oder nutzen den Mittagsschlaf der Kinder. Beide arbeiten für einen Automobilzulieferer, sind aktuell in Elternzeit. Ihre Ehemänner, Eltern und Schwiegereltern unterstützen sie. Auf einer Liste halten sie fest, wer wann auf welches Kind aufpasst. Anders wäre das nicht möglich.

Sie sind für die Weltmeisterschaft der Männer nominiert

Seit 2018 pfeifen sie die Bundesliga der Männer. Aktuell sind sie bei der EM der Frauen im Einsatz, die in Slowenien, Nordmazedonien und Montenegro ausgetragen wird. Im Januar sind sie nominiert für die Weltmeisterschaft der Männer in Schweden und Polen. "Wir haben sehr lange gekämpft, auch Männer-Spiele zu pfeifen. Da mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten", sagt Tanja Kuttler. "Es haben uns immer alle unterstützt, es wollten uns alle weiterbringen. Aber ganz viele Funktionäre haben uns das einfach nicht zugetraut", sagt Maike Merz. "Wir haben dann irgendwann gesagt: Wir wollen das, wir wollen dem Druck standhalten, wir können das."

Angst? Keine Angst!

STAND
AUTOR/IN
Johannes Holbein

Mehr Sport

Stuttgart

Boxen | Stuttgart Felix Sturm kehrt in Stuttgart zurück in den Boxring

Der fünffache Box-Weltmeister Felix Sturm wird seine Laufbahn noch nicht beenden. Er wird am 18. Februar in Stuttgart in den Ring zurückkehren, verriet er am Donnerstag.  mehr...

Ulm

Basketball | ratiopharm Ulm Zitterpartie im Eurocup: Sieg in letzter Sekunde

Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm hat sein Auswärtsspiel im Eurocup gegen Prometey aus der Ukraine gewonnen. Der entscheidende Wurf gelang Ulm erst zwei Sekunden vor Schluss.  mehr...

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Göppingen

Handball | Frisch Auf Göppingen Göppingen reagiert auf Krise: Baur löst Mayerhoffer als Trainer ab

Nach dem Sturz Richtung Abstiegszone ist bei Frisch Auf Göppingen der Glaube an Hartmut Mayerhoffer aufgebraucht. Der Handball-Bundesligist holt den früheren Weltmeister Markus Baur als neuen Coach.  mehr...

SWR Aktuell am Abend SWR Aktuell