Andy Schmid (Foto: Imago, imago/foto2press)

Rhein-Neckar Löwen | Andy Schmid "So ein Spiel hab ich noch nie erlebt"

Andy Schmid ist deutscher Handballer des Jahres und für die Wahl zum Welthandballer nominiert. Im Gespräch mit SWR Sport spricht er über den Kantersieg gegen Lemgo und seine persönlichen Ziele.

19 Tore Vorsprung zur Halbzeit, das gab es noch nie in der Handball-Bundesliga. Wie haben Sie den Sieg erlebt?

So ein Rekord ist, glaube ich, mehr ein Thema für die Medien. Aber klar, wir waren extrem froh, dass wir so wieder reingekommen sind. Speziell, wenn man eine lange Pause hatte, kaum zusammen war, und nach wenigen Trainingseinheiten das erste Pflichtspiel hat. Wir wussten nicht genau, wo wir stehen und haben natürlich gehofft, dass wir gut rein kommen. Aber dass es gleich 14:0 steht, das war so nicht vorherzusehen. Das war schon sehr speziell. Mitleid ist vielleicht das falsche Wort. Aber in so Situationen, wo beim Gegner gar nichts zusammenläuft, dann hofft man fast schon mit, dass er irgendwie ins Spiel rein findet. So, wie es gestern bei Lemgo lief, so läuft’s wahrscheinlich einmal in der ganzen Karriere. Da hat gar nichts zusammengepasst und bei uns hat alles gepasst. So kam das zustande.

Wenn man das Spiel mal mit dem Fußball vergleichen möchte: War das Spiel gestern vergleichbar mit dem legendären 7:1 der DFB-Elf gegen Brasilien?

Ja, ich denke schon. Wenn du zur Halbzeit 23:4 führst, entspricht das im Fußball wahrscheinlich einem 6:0 oder 7:0. Das ist schon sehr außergewöhnlich. Ich hab das noch nie erlebt, mit 19 Punkten zur Halbzeit zu führen. Dass bei uns wirklich alles zusammenpasst und beim Gegner gar nichts, dass hatte ich in dieser Form noch nie. Und es ist ja nicht so, dass Lemgo irgendwie "Laufkundschaft" ist, sondern die spielen eigentlich eine richtig gute und stabile Saison.

Wie schafft man es nach einer langen Winterpause, sich sofort wieder blind zu verstehen und so ein Spiel zu machen?

Wir kennen uns alle schon sehr lange, spielen schon lange zusammen und deswegen sind auch diese Automatismen drin. Wir haben ein gemeinsames Ziel, und dieses Ziel heißt, die deutsche Meisterschaft zu verteidigen. Wir wissen, dass wir noch 14 Bundesligaspiele zu absolvieren haben und wir werden in jedes Spiel gehen, als ob es das entscheidende wäre. Das ist die Marschrichtung, der wir in den nächsten Monaten folgen werden. Jeder Punktgewinn oder –Verlust kann entscheidend sein. Dadurch, dass wir nicht wirklich wussten, wo wir stehen, hat jeder vielleicht noch ein paar extra Prozentpunkte zusätzlich rausgeholt. Mit so einem Start ins Spiel fällt dann natürlich auch vieles leicht.

Die Rhein-Neckar Löwen sind zweimal hintereinander in einer sehr starken Liga Meister geworden. Wie motivieren Sie sich selbst, das noch ein Drittes mal zu versuchen?

Wenn man dieses Gefühl mal hatte, macht das irgendwo süchtig. Wir haben natürlich durch die erste Meisterschaft extrem viel Selbstvertrauen gewonnen und andererseits kam mir das dann wie eine Riesenlast vor, die auf unseren Schultern lag und wie eine dunkle Wolke über uns schwebte. Der erste Meistertitel war ein Schlüsselerlebnis für den ganzen Verein und die einzelnen Spieler. Dass man endlich dieses "Zweiter sein", dieses "knapp verlieren", ablegen konnte. Man muss schon ehrlich sein, obwohl man es öffentlich nie zugibt, dass da Selbstzweifel hochkommen, wenn man wirklich immer knapp scheitert. Deswegen hat uns die erste Meisterschaft so einen Schub gegeben. Einerseits hat uns das Selbstvertrauen gegeben und andererseits war das eine große Belastung.

Was bedeutet das Selbstbewusstsein aus den gewonnenen Meistertiteln für die Rhein-Neckar Löwen in der Champions-League?

Das hat damit nichts zu tun. Das sind zwei verschiedene Wettbewerbe. Wir wissen, dass es in den Champions-League-Gruppenspielen nicht so entscheiden ist, ob man Zweiter, Dritter, oder Fünfter wird. Wir haben eine Qualität in der Mannschaft, mit der wir jede Mannschaft in Europa besiegen können. Aber wir wissen auch, dass es einige Mannschaften gibt, gegen die wir verlieren können. Mit diesen zwei verschiedenen Welten können wir mittlerweile gut umgehen. Wir wissen, dass wir im Achtelfinale bereit sein müssen. Welchen Gegner man dann bekommt, oder welche Platzierung man erreicht, ist dann nicht so entscheidend. Man muss in zwei Spielen besser sein als der Gegner. Es ist kein Beinbruch, wenn man in der Gruppenphase der Champions-League ein Spiel verliert. In der Bundesliga ist jeder Punktverlust entscheidend.

Wie haben Sie denn privat und sportlich die EM-Pause genutzt?

Ich bin viel mit der Familie und Freunden unterwegs gewesen, die unter der Saison auch mal zu kurz kommen. Das war eine willkommene Gelegenheit für mich, das mal ein bisschen aufzuholen, meine Batterien zu laden. Ein bisschen Abstand vom Handball und dem ganzen Druck gewinnen. Auch körperlich wieder einen Schritt nach vorne zu machen, um gestärkt zurück zu kommen. Andererseits habe ich natürlich die Europameisterschaft intensiv im Fernsehen verfolgt. Das war eine Mischung aus Entspannung, Körper aufbauen und Psyche entspannen.

Sie sind zum Handballer des Jahres gewählt worden und auch für den Welthandballer-Titel nominiert. Was bedeutet Ihnen das und wie sehen Sie ihre Chancen?

Ich muss sagen, für mich ist das Ganze surreal. Dass ich von den Experten als Welthandballer vorgeschlagen wurde ist eine Riesenehre, das ist die höchste Einzelauszeichnung, die man in unserem Sport bekommen kann. Dass ich da unter den letzten fünf bin, ist für mich gar nicht greifbar. Ich konnte nun mal nie bei einer EM oder WM meine Leistung zeigen und deswegen ist es auch schwierig, mich mit anderen Spielern zu vergleichen. Ich mache mir da keinen großen Kopf, wie diese Wahl ausgeht aber ich würde mich nie im Leben mit einem Nikola Karabatić vergleichen. Das sind zwei andere Welten. Was er in den letzten zehn Jahren geleistet hat, ob im Verein oder in der Nationalmannschaft! Es wäre vermessen, mich mit so einem Spieler vergleichen zu wollen. Ich nehme diese Vorauswahl gerne an aber ob ich da wirklich hingehöre, sollen andere beurteilen.

Sie konnten nie bei einer EM oder WM spielen. Deutschland braucht einen Spielmacher und Olympia 2020 wäre theoretisch möglich…

In der Theorie wäre das alles möglich, aber ich beschäftige mich nicht groß mit Theorie. Das Thema wurde jetzt größer gemacht als es das sein sollte. Ich hab mich da auf einen Weg vorgewagt, der vielleicht nicht wirklich notwendig gewesen wäre. Das wird dann natürlich gern aufgegriffen, aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Darüber mache ich mir keine großen Gedanken. Ich bin Schweizer, Deutschland hat genug gute Spieler. Jetzt war im deutschen Handball so viel los und dieses Thema kam noch dazu. Da habe ich meinen Senf selbst dazugegeben und das war nicht nötig. Auch im Alter von 34 Jahren ist man von solchen Verfehlungen nicht gefeit.

  

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