Hand greift Handball auf  (Foto: imago images, Avanti)

Nach Festnahme eines Trainers

Sexualisierte Gewalt im Sportverein: SV Fellbach kämpft um Aufarbeitung

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Ein Handballtrainer soll beim SV Fellbach über Jahre hinweg sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgeübt haben. Die Betroffenen haben den Mut gefunden darüber zu sprechen - und die Ermittlungen so ins Rollen gebracht.

"Unmenschlich, unbegreiflich, verstörend", das sind die Worte, die die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull für das findet, das kaum in Worte zu fassen ist: Ein ehrenamtlicher Handballtrainer soll Kindern und Jugendlichen sexualisierte Gewalt angetan haben. Der 53-Jährige sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, das teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Anfang Dezember offiziell mit. Damit wurde der Fall öffentlich. 

Erste Gespräche im Sommer

Gleich mehrere Betroffene hatten bereits im Sommer den Mut gefunden, über die sexualisierte Gewalt zu sprechen - erst beim SV Fellbach, bei dem der Trainer bis Anfang 2019 tätig war, dann auch mit der Polizei. Die Kriminalpolizei Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart nahmen Ermittlungen auf, erwirkten einen Durchsuchungsbeschluss. "Dabei wurde von der Polizei umfangreiches Beweismaterial sichergestellt", heißt es in der Mitteilung der Ermittlungsbehörden. 

Dem Mann werden "u.a. mehrere hundert Taten des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in den Jahren 2006 bis 2021 sowie der Besitz von kinderpornografischen Schriften vorgeworfen" - nach aktuellem Ermittlungsstand. Dass sexualisierte Gewalt über 15 Jahre und in diesem Ausmaß vorgekommen sein könnte, hat auch die Verantwortlichen im Fellbacher Verein schockiert. Mit einem Rundschreiben hat der Vorstand Eltern und Angehörige der Handballabteilung informiert.

Brief des Vereins 

"Wir sind schockiert über diese Vorfälle und möchten allen Betroffenen unser großes Mitgefühl ausdrücken, aber auch dafür danken, dass sie den Mut aufgebracht haben, die Taten aufzudecken", heißt es darin. Der Vorstand hat die Worte mit Bedacht gewählt, die Zeilen an die Eltern nicht nur mit einer Beratungsstelle, sondern auch mit den Ermittlungsbehörden abgestimmt. Denn auch Monate nach den ersten Gesprächen im Verein ist die Betroffenheit groß. 

Die Handballabteilung ist zusammengerückt, die Sensibilität ist hoch, die Sprachlosigkeit bisweilen auch. Das berichtet ein Mitglied des Vorstandes im Gespräch mit dem SWR. Beim SV Fellbach hatten sich Verantwortliche und Ehrenamtliche schon zuvor um Präventionsmaßnahmen bemüht. Seit 2019 etwa gibt es Vertrauenspersonen, die Aus- und Fortbildungen zum Erkennen sexualisierter Gewalt absolviert haben, und einen "Interventionsleitfaden", der bei Verdachtsfällen helfen soll. 

Verband will sensibilisieren

Dass jene Konzepte tatsächlich wichtig sind, davon ist Jens Rabe überzeugt. Der Rechtsanwalt aus Waiblingen vertritt gleich mehrere Betroffene: "Gerade an diesem Fall sieht man wieder, wie wichtig Präventionsarbeit in Sportvereinen ist. Daher ist es sehr erfreulich, dass der Impuls zur Aufklärung aus der Mitte des Vereins kam."

Das glaubt auch Hans Artschwager, Präsident des württembergischen Handballverbandes (HVW). Der SV Fellbach sei die Aufarbeitung offensiv angegangen und habe damit "besondere Kompetenz in einer besonders schwierigen Situation" erlangt. Zudem habe der Verein angeboten, anderen betroffenen Clubs Rede und Antwort zu stehen. So kann der HVW etwa Kontakte weitergeben. Das aber ist nicht alles: Auch der Verband arbeitet gerade daran, wie Vereine mehr für sexualisierte Gewalt sensibilisiert werden können. 

Schutz der Betroffenen im Fokus

Bereits jetzt müssen Trainerinnen und Trainer ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, einen Ehrenkodex unterzeichnen und bekommen ein Formular zur Prävention sexualisierter Gewalt vorgelegt. Wichtige Ansprechpartner sind dabei auch offizielle Beratungsstellen. Die haben auch dem SV Fellbach geholfen. So haben nicht nur Betroffene, sondern auch Mitarbeitende des Vereins neben Gesprächsangeboten die Möglichkeit erhalten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Fokus, er soll auf den Betroffenen, deren Schutz und auf der Aufarbeitung liegen. 

Die Stadt Fellbach erwägt etwa, die Vereinsförderung im Jugendbereich "vom Vorhandensein sinnvoller Präventionskonzepte abhängig zu machen". Zudem hätten sich viele Vereine bereits verpflichtet, etwaige Konzepte anzugehen. Und beim SV Fellbach? Auch dort sind weitere Aus- und Fortbildungen zur Prävention sexualisierter Gewalt geplant. Mitglieder und Verantwortliche bemühen sich um Transparenz und niedrigschwellige Angebote, sich auszutauschen. Sie wollen weiterhin viel miteinander sprechen. Auch über das, wofür es eigentlich keine Worte gibt. 

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