Ex-Fechter Matthias Behr hilft Flüchtlingen aus der Ukraine (Foto: IMAGO, Schreyer)

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40 Jahre nach Unfall: Olympiasieger Behr hilft Opfer-Familie

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Der frühere Weltklasse-Fechter Matthias Behr stellt sich seiner tragischen Vergangenheit. Dank der Aufnahme Geflüchteter aus der Ukraine kann er der Familie, der er unverschuldet Leid zugefügt hat, endlich etwas zurückgeben.

Die schwere Zeit kann Deutschlands einziges Olympiasieger-Ehepaar nun endlich hinter sich lassen. Gut 40 Jahre nach jenem tragischen Todesfall bei der Weltmeisterschaft in Rom scheint der einstige Fechtstar Matthias Behr seinen Frieden gefunden zu haben. Gemeinsam mit seiner Frau, der früheren Top-Fechterin Zita Funkenhauser, hat er aus der Ukraine geflüchtete Verwandte von Wladimir Smirnow aufgenommen, der damals bei der WM von Behrs Florett tödlich verletzt worden war. "Für mich schließt sich ein Kreis" sagte Behr.

Bewältigung der Vergangenheit

Mittlerweile sitzen die beiden ehemaligen Weltklasse-Fechter wieder allein am Frühstückstisch, die junge Familie aus der Ukraine ist in eine kleine, möblierte Wohnung gezogen. Durch die vorübergehende Aufnahme von Vater Andrii und dessen Söhnen Artemii und Evgenii hatte der 67 Jahre alte Behr ein Stück weit seiner eigenen Vergangenheit ins Gesicht geschaut. Die Geflüchteten aus der Ukraine, die Verwandten von Smirnows Witwe Emma, waren am 14. März in Tauberbischofsheim eingetroffen. "Für unseren Familienrat war sofort klar, dass wir das machen", erklärt Behr.

Damals bei der WM, am 19. Juli 1982, stand Smirnow für die damalige UdSSR auf der Planche. Bei dem tragischen Unfall brach die Klinge von Behrs Florett und durchdrang die Maske des Gegners, der wenige Tage später an den Folgen starb. "Dieses Geräusch, als die Klinge brach, habe ich heute noch im Ohr. Ich konnte es lange nicht fassen. Wladimir war mein Freund", erinnert sich Behr.

Der Team-Olympiasieger von 1976 litt unter den Folgen des Unfalls und später auch an Depressionen. "Ich habe schnell begriffen, wie sehr Matthias dieser Unfall belastet. Das ist sein Lebensthema. Dass Matthias später an einer schweren Depression erkrankte, hatte sicher auch darin seine Ursachen", bestätigt seine Frau Zita Funkenhauser. Erst 2017 traf Behr Wladimir Smirnows Witwe Emma und besuchte mit ihr das Grab.

Hilferuf aus Kiew

Weitere fünf Jahre später bot sich ihm nun die Chance, der Familie zu helfen. Emma Smirnowa bat den Tauberbischofsheimer um Unterstützung. Sie hoffte, dass Behr die kleine Familie aufnehmen würde. Smirnowa selbst lebt trotz der russischen Invasion weiter in der Nähe von Kiew, um sich um den bettlägerigen Sohn zu kümmern. Die Tochter, Andriis Ehefrau, lebt ebenfalls nicht mehr. "Eine tragische Familiengeschichte", sagt Behr, der mit Emma Smirnowa in Kontakt geblieben ist.

"In unserem großen Haus sind wir zusammengerückt, das war aber kein Problem. Sie lebten in einem Zimmer. Der Papa schlief mit dem jüngeren Sohn im Doppelbett und Artemii auf einer Matratze auf dem Boden. Sie hatten auch eine Nasszelle und eine Küche, um Kaffee zu kochen." Der Wunsch nach Eigenständigkeit sei aber immer zu spüren gewesen, bestätigte Behr. Inzwischen ist es wieder etwas ruhiger. Fünf Minuten sind es zu Fuß für Matthias Behr zur neuen Wohnung der jungen Familie aus der Ukraine.

Der 67-Jährige hilft immer noch, wo er nur kann. "Da geht es um Impfungen, Arzttermine, Behördengäng. "Andrii, den ich Andreas nenne, ist aber sehr ehrgeizig und versucht, unsere Sprache zu lernen. Sein Kurs an der Volkshochschule hat begonnen und ich gehe davon aus, dass sie in Deutschland bleiben wollen." Behr ist mittlerweile Rentner. Er kümmert sich nicht nur weiter liebevoll um die besonderen Gäste in der Nachbarschaft. Auch seine Schwiegereltern brauchen Pflege. "Ich mache das alles gerne. Aber natürlich kostet die Unterstützung auch Kraft und Energie. Abends ist man müde."

Abstand zum Fechtsport

Zum Ausgleich spielt Behr Badminton beim heimischen Fechtclub. Zu seiner Sportart, in der er so erfolgreich war, aber wegen der er auch so gelitten hat, nahm er Abstand. Obwohl seine Tochter immer noch Wettkämpfe für die Nationalmannschaft bestreitet. "Ich brauche die ganzen Emotionen nicht mehr", sagt Behr. "Natürlich schaue ich mal in den Livestream rein, aber inzwischen kriege ich das alles eher aus der Ferne mit."

Daheim gebe es schließlich genug zu tun. "Es war eine Herausforderung und langweilig wird es mir nicht", sagt Behr. In erster Linie ist er aber froh, dass er der Familie, der er unverschuldet Leid zugefügt hat, etwas zurückgeben kann.

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