Florett (Foto: Imago, Jan-Philipp Strobel)

Fechten | Skandal in Tauberbischofsheim Schmutzige Gefechte

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Im Streit um die fristlose Kündigung eines Fechttrainers aus Tauberbischofsheim entlarven SWR-Recherchen einen Sumpf aus Neid, Lügen und Machtkalkül am Fechtzentrum Tauberbischofsheim.

Ein ehemaliger Fechttrainer aus Tauberbischofsheim steht vor Gericht. Er soll gegenüber einer Weltklassefechterin sexuell übergriffig geworden sein. Sein Arbeitgeber kündigte ihm fristlos. Der Mann beteuert seine Unschuld und glaubt an eine Intrige. Das Gericht scheint an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu zweifeln. SWR-Nachforschungen decken am Fechtzentrum Tauberbischofsheim Abgründe auf.

Das Fechtzentrum in Tauberbischofsheim (Foto: picture-alliance / dpa)
Das Fechtzentrum in Tauberbischofsheim

Der Eingangsbereich des Fechtzentrums in Tauberbischofsheim. In der Frühlingssonne funkeln zahlreiche Pokale in den Vitrinen des langen Flures. Erfolgreiche Fechtsportler strahlen dem Besucher auf Fotos entgegen, geschmückt mit Medaillen.

Auf der eigenen Internetseite rühmt sich der FC Tauberbischofsheim als der "erfolgreichste Fechtclub der Welt".  38 Medaillen bei Olympischen Spielen und Paralympics, 241 Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften und 655 Deutsche Meistertitel sind ein beeindruckendes Zeugnis für die hervorragende Arbeit, die dort über viele Jahre geleistet wurde.

Verheerendes Image

Doch der Schein trügt. Die sportlich erfolgreichen Zeiten sind längst vorbei. 18 Jahre ist es mittlerweile her, dass eine Sportlerin aus Tauberbischofsheim eine olympische Medaille mit nach Hause gebracht hat. Stattdessen versinkt der Standort in einem Sumpf aus Neid, Lügen und Machtkalkül. Jeder kämpft gegen jeden, Halbwahrheiten werden erzählt, Allianzen geschmiedet. Es wird Misstrauen gesät und mit Druck gearbeitet. Der Ruf des einstigen Vorzeigestützpunktes ist ruiniert, das Image hat enormen Schaden genommen.

Am Fechtzentrum Tauberbischofsheim rumort es (Foto: Imago, Sven Simon)
Am Fechtzentrum Tauberbischofsheim rumort es Imago Sven Simon

Negativer Höhepunkt ist der Arbeitsgerichtsprozess gegen Sven T., einen langjährigen Landestrainer am Fechtzentrum. Ihm wird vorgeworfen, gegenüber einer Sportlerin sexuell übergriffig geworden zu sein. Als der Arbeitgeber des Trainers, der Landessportverband Baden-Württemberg (LSV), von diesen Vorwürfen erfuhr, reagierte er umgehend. Der LSV kündigte dem Trainer fristlos. Aktuell versucht das Landesarbeitsgericht in Stuttgart zu klären, ob diese Kündigung rechtens war.

"Ich war wie gelähmt"

Die Hauptbelastungszeugin, eine Weltklassefechterin aus Tauberbischofsheim, hatte vor Gericht ausgesagt, der ehemalige Trainer habe sie 2003 am Rande der Junioren-Europameisterschaften in Porec/Kroatien in ihrem Hotelzimmer sexuell belästigt. Carolin G., damals 17 Jahre alt, soll auf ihrem Bett gelegen haben, als Sven T. in ihr Zimmer gekommen sein und sich auf sie gelegt haben soll.

Dabei soll Sven T.  seinen Oberkörper auf und ab bewegt und ihr ins Ohr geflüstert haben: "Du bist gut - nicht nur im Sport." "Ich wünsche, ich hätte was sagen können. Aber ich war wie gelähmt und konnte nichts sagen", erzählte Carolin G. vor Gericht.

Dauer

Erst als ihre Fechtkameradin Sandra B. das Zimmer mit den Worten "Was ist denn hier los?!" betreten habe, sei der Trainer aufgesprungen und habe das Zimmer verlassen. Sandra B. bestätigte vor Gericht die Kernaussagen ihrer Fechtkollegin.

Hang zur "Distanzlosigkeit"?

Sven T. weist sämtliche Vorwürfe vehement zurück. Sie seien allesamt erlogen. "Ich war nie auf dem Zimmer der Fechterin", beteuerte er. Die Geschichte sei erfunden.

Der Untersuchungsbericht, den eine vom Fechtklub beauftragte Aufklärungskommission Ende Januar 2018 veröffentlichte, zeichnet von Sven T. das Bild eines Menschen mit einem Hang zur "Distanzlosigkeit". Sven T. berühre seine Gesprächspartner häufig an Arm, Schulter oder Hüfte. Bei Gesprächen, so der Bericht, wahre er selten den normalen Abstand. Viele befragte Personen berichteten der Kommission davon, dass Sven T. immer wieder einen "Klaps auf das Gesäß von Sportlerinnen" verteilt habe.

Rache der Zeuginnen?

Aber am Fechtzentrum gibt es auch Personen, die sich nicht vorstellen können, dass der Trainer zu sexuellen Übergriffen in der Lage wäre. Sie zweifeln die Aussagen der Zeuginnen der Hotelzimmer-Geschichte an.

Peter Behne gehört zu ihnen. Der 65-Jährige ist seit 30 Jahren als Trainer für den Nachwuchs des Fechtvereins verantwortlich. Behne kennt Sven T. seit mehr als zwei Jahrzehnten. Er war häufig mit ihm unterwegs - auf Turnieren und in Trainingslagern.

"Ich habe niemals bemerkt, dass Sven T. zu einem Mädchen eine Nähe gesucht hat, die auch nur den Ansatz eines sexuellen Kontakts gehabt hätte", sagt Behne im SWR-Gespräch. Für ihn ist die Hotelzimmer-Geschichte "zusammengebaut". Er könne sich das nur so vorstellen, dass Carolin G. und Sandra B. versuchten, "sich an Sven zu rächen".

"Es ist unvorstellbar"

Auch die ehemalige Fecht-Weltmeisterin Simone Bauer (44), die im Nachwuchsbereich des Fechtzentrums arbeitet, ist überzeugt, dass es sich bei den Vorwürfen um ein "Lügenkonstrukt" handelt. Sven T. war 25 Jahre lang Bauers Trainer und Betreuer. "Es ist für mich unvorstellbar, dass Sven sowas irgendwann mal getan hat", erzählt sie.

Mittlerweile scheint auch der Vorsitzende Richter am Landesarbeitsgericht Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen Carolin G. und Sandra B. zu hegen. Eigentlich sollte die Entscheidung in diesem Prozess längst verkündet worden sein. Mittlerweile wurde der Termin mehrmals verschoben. Nun soll es am 17. April eine Entscheidung geben.

Fragwürdige Angaben vor Gericht

Tatsächlich erscheinen mehrere Angaben der Hauptbelastungszeugin Carolin G. fragwürdig: mal verwechselte sie die Art der Zimmerschlüssel (Chipkarte statt Schlüssel), kam ins Schlingern bei der Frage, ob und wann sie ihrem Mann von dem angeblichen sexuellen Übergriff erzählt habe, mal waren Zeitangaben nicht stimmig. Auch die zweite Zeugin Sandra B. hatte bei ihrer Anhörung erstaunliche Erinnerungslücken.

Während der Landessportverband Baden-Württemberg (LSV) die Vorwürfe seiner beiden Zeuginnen nach wie vor für überzeugend und glaubwürdig erachtet und die daraus resultierende fristlose Kündigung von Sven T. für "alternativlos" hält, ist der arbeitslose Trainer überzeugt, dass es sich um eine Intrige handelt. Er mutmaßt, dass eine Führungskraft aus dem Fechtzentrum dahinter stecken soll. Diese Führungskraft teilte dem SWR über ihre Rechtsanwälte mit: "Dieser Vorwurf ist falsch." Sie sei weder Beteiligte einer angeblichen Kampagne, noch und schon gar nicht sei sie deren Initiatorin.

Der Umgang mit Mitarbeitern

Allerdings soll es nach Informationen von SWR, "Stuttgarter Zeitung" und "Mainpost" im Frühjahr 2016 eine Sitzung gegeben haben, in der die Führungskraft gesagt haben soll, dass sie die Landestrainer Sven T., Jo Braun und Olympiastützpunktleiter Matthias Behr weghaben wolle. Dies bestätigte Harald Stempfer, Ex-Geschäftsführer des Fechtklubs.

Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Auch wenn die Führungskraft sehr selbstbewusst wirkt und wohl auch mit harten Bandagen den Erfolg ins Fechtzentrum zurückbringen will – wäre diese Person in der Lage, eine solch schmutzige Intrige zu spinnen?

Oder ist die Führungskraft womöglich selbst ins Fadenkreuz ihrer Kritiker geraten? Jener Personen, die den Fall Sven T. und die teils widersprüchlichen Angaben von Carolin G. nutzen wollen, um die unbequeme Person in ein schlechtes Licht zu rücken?

Wer ist Opfer? Wer ist Täter? Wer sagt die Wahrheit? Wer lügt? Wer bezweckt mit seinen Aussagen über andere Personen was? Welche Absicht verfolgen Leute, wenn sie Medien mit eindeutigen Hinweisen versorgen?

Vergiftetes Klima

Hinter dem "Fall Sven T." kommt eine schmutzige Schlammschlacht zum Vorschein, die offensichtlich schon seit vielen Jahren am Fecht-Standort Tauberbischofsheim ausgetragen wird. Hier kämpft jeder gegen jeden. Mitarbeiter reden monate- oder jahrelang nicht mehr miteinander. Die Atmosphäre im Fechtzentrum wirkt vergiftet. Wie sollen in einem solchen Klima junge Fechterinnen und Fechter motiviert trainieren oder gar sportlich erfolgreich sein?

Aber nicht nur in Tauberbischofsheim, sondern auch beim LSV in Stuttgart bedient man sich augenscheinlich harter Bandagen, um seine Ziele zu erreichen. Dem Landestrainer Sven T. wurde am 22. Dezember 2016 in einem Gespräch mitgeteilt, dass ihm wegen des angeblichen sexuellen Übergriffs fristlos gekündigt werde. Ihm wurde vom LSV offenbar sogar eine Art Auflösungsvertrag vorgelegt, den er sofort unterschreiben solle. Als der Beschuldigte sich weigerte, soll ihm angeblich gedroht worden, mit den Vorwürfen an die Presse zu gehen. Dies bestätigte ein an dem Gespräch Beteiligter dem SWR.

Das fehlende Protokoll

Laut zwei Vertretern des Fechtklubs Tauberbischofsheim soll der LSV ein eigenes Verständnis von Kooperation haben. Am 17. Januar 2017, wenige Wochen nach Bekanntwerden des Falls Sven T., soll es zu einem Treffen u.a. mit LSV-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis und Hauptgeschäftsführer Ulrich Derad in Stuttgart gekommen sein.

Lothar Derr, Vorstand des Fechtklubs, sagte gegenüber dem SWR: "Es wurde ein Protokoll von dem Gespräch gefertigt. Es wurde uns zugesagt, dass wir dies im Nachgang zugesandt bekommen." Als das Protokoll nicht in Tauberbischofsheim eintraf, hätten die Vertreter des Klubs nachgehakt. Derr: "Die Antwort vom LSV lautete, dass es kein Protokoll gebe." Bis heute habe der Fechtklub kein Protokoll erhalten.

"Ich habe damit ein Riesenproblem"

Für Derr ist dieses Verhalten des LSV ein Unding: "Das ist für mich eine höchst seltsame Vorgehensweise. Ich kann damit nicht umgehen. Ich habe damit ein Riesenproblem."

Im Sport ist viel von Fairness die Rede. Wer aber hinter die Kulissen des Fechtens in Tauberbischofsheim blickt und sich intensiver mit dem Fall Sven T. beschäftigt, muss feststellen, dass der Fairnessgedanke von nahezu allen Beteiligten mit Füßen getreten wird.

Der Ruf ist ruiniert

Da verwundert es nicht, dass der Ruf des Fechtzentrums längst ramponiert ist, dass finanzstarke Sponsoren abgesprungen sind und dass der Verein Mitglieder verloren hat. Welche verantwortungsbewussten Eltern schicken ihre Töchter und Söhne noch an einen Stützpunkt, an dem Missgunst, Neid, Rachegelüste, Machterhalt und Lügen offenbar hoffähig sind.

Am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim herrscht Unruhe (Foto: picture-alliance / dpa)
Am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim herrscht Unruhe

"Ich finde es schlimm, dass es hier Nestbeschmutzer gibt, die uns in ein schlechtes Licht rücken", sagt Nachwuchstrainerin Simone Bauer: "Ich merke, dass die Leute ihre Kinder nicht mehr vorbehaltlos ins Fechten bringen."

Es gibt zu viele schmutzige Gefechte in Tauberbischofsheim. Der Sport scheint am Fechtzentrum nur noch eine Nebenrolle zu spielen.

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