Matthias Behr nach dem tragischen Unfall 1982 in Rom (Foto: UPI)

Fechten | Hintergrund "Sim'ya" heißt Familie – Wie ein Drama glücklich endet

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Bei der Fecht-WM 1982 beendete die Waffe von Matthias Behr das Leben von Wladimir Smirnow. 37 Jahre nach dem Unfall treffen Witwe und Fechter aufeinander.

Das Telefon klingelt viermal, bevor Matthias Behr abnimmt: "Hallo mein lieber Micha, was kann ich für dich tun?" Auf der anderen Seite grinst Michael Dittrich ins Telefon: "Hallo Matthias. Sitzt Du bequem? Wenn nicht, dann setz Dich mal lieber hin." Es ist dieser Moment, in dem SWR-Filmemacher Michael Dittrich dem ehemaligen Florett-Star einen jahrzehntelangen Wunsch erfüllt. "Emma ist ready for contact", sagt er. Matthias Behr schweigt sekundenlang. Dann sagt er: "Wow!"

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Erinnerungen von Michael Dittrich: Matthias wollte es nicht wahrhaben. Das kann doch gar nicht sein. Das sind Momente aus dem Frühjahr 2016, die auch ich nie vergessen werde. Matthias freut sich dermaßen, dass wir beinahe täglich telefonieren, derweil wir die SWR-Dokumentation über ihn produzieren. "Micha, Du bist jetzt an allem Schuld", sagt er und lacht. Dabei hab ich nur einen  Freund aus Berlin angerufen, der Kontakte nach Kiew hat. Sonst nix…

Das Unglück von Rom

Miteinander verbunden sind die Leben von Emma Smirnowa und Matthias Behr bereits seit über drei Jahrzehnten. Persönlich getroffen hatten sich die beiden jedoch nie. Ein tragischer Unfall bei der Fecht-Weltmeisterschaft 1982 in Rom ist der Auslöser für alles. Es ist das Viertelfinale des Mannschaftswettkampfs. Matthias Behr steht für Deutschland auf der Planche, ihm gegenüber die Sowjetische Nummer eins der Welt, Wladimir Smirnow – Emmas Mann. Bei einer Attacke bricht Behrs Klinge und dringt durch die poröse Maske ins Auge des Ukrainers. Smirnow stirbt acht Tage später an seinen Verletzungen. Depressionen, Selbstmordgedanken – Matthias Behr leidet jahrelang an den Folgen seines Traumas. Immer wieder versucht er Kontakt zur Witwe seines Sportfreundes herzustellen. Das gelingt aber nicht.

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2016 klappt’s. Niemand hatte damit gerechnet, ich nicht, schon gar nicht Matthias selbst. Ganz aufgeregt formuliert er die erste Mail an Emma, mit Hilfe einer russischen Frau aus Tauberbischofsheim. Ich bin mit Kamera neben ihm, als er ihre Antwort vorgelesen bekommt. Matthias ist total erleichtert, als er liest: "Als erstes möchte ich Ihnen versichern, dass wir niemals der Ansicht waren, dass Sie eine Schuld trifft…" Ganz aufgeregt versucht er mit Kiew zu telefonieren: "Do you speak a little bit english?" und verfällt gleichzeitig ins italienische. "Uno momento", um die Dolmetscherin wieder an den Hörer zu bringen.

Der Kontakt bleibt bestehen, wird immer enger. Bald lädt Emma Smirnowa Matthias Behr nach Kiew ein. Er soll ihre Familie kennenlernen. Emma hat wieder geheiratet und wohnt in einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt. Matthias nimmt die Einladung an, fliegt ein Jahr nach dem ersten Telefonat tatsächlich in die Ukraine.

"Endlich"

"Die Überschrift heißt für mich: 'endlich'", erzählt Matthias Behr nach der Reise. Der erste Kontakt sei sehr warmherzig gewesen, freut er sich. In Kiew lernt Matthias auch die Kinder von Wladimir und Emma kennen - Sohn und Tochter. Und natürlich besucht er das Grab von Wladimir Smirnow. 35 Jahre nach dem Unglück von Rom.

Matthias Behr mit Emma Smirnowa am Grab des verstorbenen Wladimir Smirnow (Foto: SWR)
Matthias Behr mit Emma Smirnowa am Grab des verstorbenen Wladimir Smirnow

Matthias Behr, leidenschaftlicher Vater und Großvater, ruft mich direkt nach der Rückkehr aus Kiew an. "Du, Micha, ich muss Dir was sagen. Ich habe wirklich neue Familie dazugewonnen. Ich find das so schön."

"Wie eine große Familie"

Matthias Behr revanchiert sich für die Einladung – im Mai 2019 kommen Emma, ihr neuer Mann, der ebenfalls Wladimir heißt, und ihr Enkel Artemje nach Deutschland zu Besuch. Abendessen mit Familie Behr, mit Frau Zita und den Töchtern Greta und Leandra. Matthias zeigt Emma "sein" Tauberbischofsheim, das Fechtzentrum und die Altstadt. Die Stimmung ist gelöst, Familienausflug im lieblichen Taubertal. Nichts ist zu spüren von der dramatischen Vergangenheit, von Tod und Trauma.

Für Matthias Behr und Emma Smirnowa eine Art Abschluss – und ein Neuanfang. "Es ist wie eine große Familie", betont Matthias Behr immer wieder und Emma Smirnowa bestätigt das: "Ich habe ihm das gleiche gesagt", lächelt sie.

Matthias Behr und SWR-Filmemacher Michael Dittrich (Foto: SWR)
Matthias Behr und SWR-Filmemacher Michael Dittrich

Emma schreibt nach ihrer Rückkehr an Matthias: "Du liebst dein Land und wir haben es erkannt und geliebt. Ich Danke Dir für alles, Deine Emma." Matthias scheint rundum glücklich und mir? Mir tut’s gut. Ich freu mich für ihn. Und Matthias weiß jetzt, was Familie auf ukrainisch heißt: Sim'ya.

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