Kristina Isaev (links) und Nicole Schott, zwei Eisläuferinnen des DEU-Elite-Teams. (Foto: DEU)

Eiskunstlauf | Crowdfunding

Eiskunstlauf: Erfolgreiche Spenden-Jagd dank Katarina Witt

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Die besten deutschen Eiskunstläufer starten bald in ihre Olympia-Saison - und hätten dies beinahe ohne neue Teamkleidung tun müssen. Dank eines Crowdfunding-Projekts und der Unterstützung durch eine zweimalige Olympiasiegerin klappt es auf den letzten Drücker mit der Ausstattung.

Eiskunstlauf ist eine ruhmreiche Sportart in Deutschland. Die Tänzerinnen und Kufen-Künstler gewannen acht Mal Gold bei Olympischen Spielen - von Manfred Schnelldorfer über Anett Pötzsch und Katarina Witt bis hin zum Traumpaar Aljona Savchenko/Bruno Massot, das 2018 in Pyeongchang triumphierte.

Jetzt wird es bald wieder ernst für die deutschen Eiskunstläufer:innen. In der zweiten September-Hälfte steht die Olympia-Qualifikation an. Dann kämpfen sie bei der Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf um einen weiteren Startplatz bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Drei Tickets haben sie nach der WM in Stockholm bereits sicher.

Klamme Kassen

Dass die gut 60 Kader-Athleten diesen Auftakt in die Olympia-Saison mit einer gemeinsamen neuen Teamkleidung bestreiten können, schien lange Zeit aussichtslos. Denn der Verband, die Deutsche Eislauf-Union (DEU), ist im Bereich der Eigenmittel finanziell ziemlich klamm. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben den kleinen Sportverband gebeutelt. Abgesagte Veranstaltungen, fehlende Ticket-Einnahmen und rückläufige Mitgliederzahlen haben ein Loch in die Kasse gerissen. Außerdem sprang der bisherige Ausstatter Erima ab.

Die DEU ist Welten von den paradiesischen Zuständen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) entfernt. Der DFB konnte bereits 2018 mit Ausrüster Adidas einen langfristigen Vertrag bis 2026 abschließen. Zwei Jahre zuvor soll der Sportartikel-Hersteller seine Sponsoring-Summe auf 50 Millionen Euro erhöht haben. Pro Jahr.

Keine Designer-Klamotten

Von solch astronomischen Beträgen können sie bei der DEU nur träumen. Die Träume der Eiskunstläufer:innen im Nationalkader waren bescheiden. Sie wollten lediglich in moderner Teamkleidung bei den anstehenden internationalen Wettbewerben auftreten. Es ging ihnen nicht um teure Markenklamotten aus dem Atelier eines Modedesigners. Die etwa 15 Topatheten und 45 Nachwuchssportler wünschten sich lediglich eine vorzeigbare Grundausstattung, also einen Trainingsanzug und, nur für die Topathleten, eine wärmere Jacke.

Die Hoffnung ruhte einerseits auf dem neuen Ausrüster, dessen Namen der Verband noch nicht verraten will. Nur so viel stand fest: Der Ausrüster wollte nicht die gesamten Fertigungskosten für die Kleidung übernehmen. "Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn wir aktuell einen Olympiasieger im Kader hätten," mutmaßt Pamela Lechner, bei der DEU zuständig für die Sport-Organisation, "aber das ist leider nicht der Fall". Also musste der Verband selbst einen Restbetrag von 15.000 Euro organisieren.

Crowdfunding-Projekt

Die DEU startete ein Crowdfunding-Projekt. Bis zum 12. Juli wollte der Verband seinen Eigenanteil durch Spenden erreichen. Auf die Geldgeber warten Prämien wie signierte T-Shirts, Online-Trainings oder Pirouetten, die die Top-Eiskunstläuferinnen aufs Eis zaubern. Auch Sponsoren-Logos auf der neuen Teamkleidung werden vergeben.

Während Fußballprofi Cristiano Ronaldo für einen einzigen Beitrag auf seinem Instagram-Account durchschnittlich 1,6 Millionen US-Dollar verdienen soll, bat Eiskunstläuferin Kristina Isaev (Mannheimer ERC), DM-Dritte 2020, in dem Crowdfunding-Spot um finanzielle Hilfe für die Teamkleidung. Auch viele junge Kaderathlet:innen bewarben das Projekt über ihre Social Media-Kanäle.

Armes reiches Deutschland

Die 12-jährige Sasha Tandogan, Mitglied im Nachwuchskader, produzierte extra ein Video, das sie über Instagram verbreitet. Ihre Mutter Anuschka Gläser-Tandogan, mehrmalige deutsche Meisterin im Paarlauf, arbeitet als Trainerin am Stützpunkt in Stuttgart. "Ich war selbst sechs Jahre in der Nationalmannschaft", sagt sie. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, welche Symbolkraft Teamkleidung hat."

Die 51-Jährige schüttelt nur den Kopf, wenn sie an eine ihrer anderen Töchter und an die finanziellen Unterschiede zwischen den einzelnen Sportarten denkt. "Sie spielt in einer Fußballmannschaft in einer niederklassigen Liga. Aber natürlich haben die einen Trikotsponsor." Dann wird sie deutlich: "Es darf in einem reichen Land wie Deutschland nicht angehen, dass Spitzensportler international die Farben eines Landes vertreten, aber ihre Teamkleidung womöglich selbst finanzieren müssen."

...und dann kam Kati Witt

Seit Donnerstag, vier Tage vor Ablauf des Crowdfunding-Projekts, sind Gläser-Tandogan und die aktuellen Athlet:innen enorm erleichtert. Dank einer großzügigen Spende der zweimaligen Olympiasiegerin Katarina Witt (1984 und 1988) wurde der Betrag über die Grenze von 15.000 Euro gehievt. "Ich finde es super, dass Kati Witt den Nachwuchs so unterstützt", freut sich die fünfmalige Deutsche Meisterin Nicole Schott.

Damit ist das Ziel erreicht. Deutschlands beste Eiskunstläufer:innen werden eine neue Teamkleidung erhalten. Das Engagement außerhalb der Eislauffläche hat sich gelohnt.

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