Das Schreckensgespenst geht um im deutschen Eishockey (Foto: Imago, imago images / Zink)

Eishockey | DEL

Schwenninger Wild Wings: Nach dem Kassensturz schmilzt das Eis bedrohlich

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Vergangene Woche versammelten sich die Funktionäre der 14 Teams der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), um über den geplanten Saisonstart zu debattieren. Die Clubs hängen in der Luft, das gilt auch für die Cracks aus Schwenningen.

Das sind keine einfachen Tage für Christof Kreutzer von den Schwenninger Wild Wings. Vieles hat er als Spieler und Trainer im Eishockey schon erlebt. Mit großen Ambitionen kam er im Sommer als Sportdirektor nach Schwenningen und wollte den nächsten Schritt in seiner Funktionärs-Karriere machen. Und jetzt sorgt er sich nicht nur um die Zukunft seiner Schwenninger, sondern auch der ganzen Liga: "Seit Corona ist nichts mehr sicher. Du musst jeden Tag neu denken", sagt Kreutzer im Gespräch mit SWR Sport.

Neu denken muss auch die DEL, denn langsam wird`s eng für das deutsche Eishockey. Nach dem Kassensturz fehlen aktuell mindestens 60 Millionen Euro für die Organisation und Durchführung der bevorstehenden Saison. "Alarmstufe Rot" für alle Beteiligten. Eine erneute Verschiebung des Saisonstarts über den 13. November hinaus droht.

Wild Wings Schwenningen (Foto: Imago, xLaegler/xEibner-Pressefotox EP_slr)
Wann die Wild Wings wieder auf Torejagd gehen dürfen ist derzeit noch unklar. Imago xLaegler/xEibner-Pressefotox EP_slr

Clubs fordern Zusagen von der Politik

Ein Dorn im Auge ist den 14 DEL-Clubs besonders die aktuell geltende 20 Prozent-Auslastung der Spielstätten. Das rechnet sich für viele Teams nicht. Die Einnahmen rund um einen Spieltag machen dabei einen Großteil der Gesamteinnahmen aus. Zu groß sind ohne Fans die Fixkosten für die Arenen, zu klein die Einnahmen aus der TV-Vermarktung. Wann der Puck wieder übers Eis geschossen wird, hängt dabei auch von der Politik ab. Die DEL fordert verbindliche Zusagen seitens der Politik bis zum 2. Oktober, andernfalls könne die Saison am 13. November nicht starten. "Wir können und wollen kein Harakiri begehen", sagt DEL-Aufsichtsratschef Jürgen Arnold und verdeutlicht, dass Finanzspritzen dringend notwendig seien. Damit dürfte der 2. Oktober auch zum "D-Day" für die Zukunft des Deutschen Eishockeys werden.

Staatshilfen noch nicht gezahlt

Unklar bleibt auch weiterhin, wie Clubs die in Aussicht gestellten Staatshilfen in Höhe von 800.000 Euro für entgangene Zuschauereinnahmen abrufen können. Dort müssen zuvor EU-Richtlinien an die Gesellschaftsformen der Profivereine angepasst werden. Diese besagen, dass Antragsteller bis zum 31. Dezember 2019 kein negatives Eigenkapital aufweisen dürfen, was für viele Vereine zum Problem wird. Das kostet Zeit und Nerven: "Das ist alles kompliziert. Wenn das Säckchen leer ist, schauen wir in die Röhre", ärgert sich Christof Kreutzer.

Wild Wings mit Vorbereitung ins Blaue

Denn Kreutzer sitzt mit seinen Schwenninger Wild Wings mit im "DEL-Boot". Das Team von Trainer Niklas Sundblad wollte sich ursprünglich ab dem 28. September auf die neue Saison vorbereiten. Jetzt ist alles anders. "Wir warten zunächst mal den 2. Oktober ab und schauen was passiert", so der Sportdirektor. Der Kader sei komplett, alle Spieler in Schwenningen vor Ort. "Die Jungs sind wie eine Herde junger Hengste, die nur darauf warten, endlich losgelassen zu werden. Gleichzeitig sind sie aufgrund der Situation auch frustriert", verrät der ehemalige DEL-Spieler.

Dabei resultiert der Frust im Wesentlichen von der zulässigen Zuschauerkapazität. "Bei uns macht das circa 80 Prozent der Einnahmen aus. Deswegen sind wir dringend auf Unterstützung der Regierung angewiesen. Ohne Zuschauer oder nur mit wenigen wird das nicht funktionieren", so Kreutzer. Christoph Sandner, Geschäftsführer der Wild Wings, geht noch einen Schritt weiter: "Wir brauchen mindestens 2500 Zuschauer im Schnitt pro Heimspiel, um wirtschaftlich zumindest irgendwie über die Runden zu kommen. Uns Clubs läuft in Sachen sicherer Planung wirklich die Zeit davon". Doch was passiert, wenn der Saisonstart erneut verschoben wird? "Dann müssten die Spieler wieder in Kurzarbeit. Dann wird alles noch komplexer. Das möchte ich mir gar nicht vorstellen", sagt Kreutzer. Kein Wunder: Das Drama würde von vorne beginnen

Wünschen würde sich der Sportdirektor einen offeneren Austausch. "Wichtig wäre, dass man nicht von vorn herein die Hygienekonzepte in den Spielstätten verteufelt. Wir haben schlüssige, durchdachte Konzepte, die auch schon von der Stadt gelobt wurden. Und die funktionieren können". Und die gar funktionieren müssen. "Die größte Katastrophe wäre, wenn wir nicht spielen. Das würde uns um Jahre zurückwerfen. Damit meine ich nicht nur das Sportliche, sondern auch das Finanzielle und unsere Jugendarbeit", so der 53-Jährige.

DEL 2 geht anderen Weg

Dass die zweite Liga, die DEL 2, einen anderen Weg einschlägt, irritiert viele. Dort gilt das Credo: Spielen, koste es was es wolle. Damit nimmt das Unterhaus der DEL Kurs auf die am 6. November startende Saison. Ein Unterschied zwischen den Systeme der ersten und zweiten Liga liege laut Funktionären vornehmlich in den unterschiedlichen Einnahmequellen. Das sieht Raphael Kapzan, Teammanager der Ravensburger Towerstars, allerdings anders: "Die Vereine aus der 2. Liga haben dafür einen geringeren Etat. Bei uns sind die Einnahmen über Zuschauer und TV-Gelder genauso essentiell. Auch bei uns hängen Arbeitsplätze dran". Zusätzlich fühle man sich von der Politik im Stich gelassen. Es sei schwierig, an die versprochenen Fördermittel aus dem Konjunkturpaket zu kommen.

Dennoch überwiege nach wie vor der Optimismus. So starten die Towerstars in wenigen Wochen in den "Get-Ready-Cup", ein Vorbereitungsturnier mit drei weiteren Zweitligateams. "Dadurch können wir Erfahrungen in der Handhabung sammeln", sagt der Teammanager. "Wir wollen definitiv starten, aber es wird einem im Austausch mit den Behörden auch nicht einfach gemacht", bilanziert Kapzan.

So dürfte die Anspannung im Eishockey-Lager erstmal bleiben. Mindestens bis zum 2. Oktober. Dann wird sich zeigen, wie dünn und zerbrechlich das Eis für die Eishockey-Mannschaften der DEL tatsächlich ist.

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