Saeid Mollaei musste bei der Judo-WM in Budapest in der Hoffnungsrunde gegen den Japaner Sotaro Fujiwara antreten. (Foto: Imago, AFLOSPORT)

Olympia | Judo

Die kuriose Reise von Judo-Flüchtling Saeid Mollaei

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Für den Iran ein Verräter, für die Mongolei nun ein Held: Zwei Jahre nach seiner Flucht hat Judoka Saeid Mollaei in Tokio die Silbermedaille gewonnen. Das ist seine spektakuläre Geschichte.

Im Finale musste sich Mollaei dem Japaner Takanori Nagase geschlagen geben. Dennoch jubelte er an dem Ort seiner schlimmsten Niederlage: 2019 ging es jedoch um viel mehr als Sport. Denn sportlich war die Halbfinal-Niederlage gegen den Belgier Matthias Casse bei der Judo-WM 2019 in Tokio sicherlich verkraftbar. Menschlich war es hingegen eine Tragödie und der Beginn einer bizarren Reise. Eine Reise, die auf der Matte in Tokio begann, ihn erst nach Esslingen am Neckar, dann zum Staatspräsidenten der Mongolei und zwischendurch nach Israel führte. Eine Reise, die nun mit der olympischen Silbermedaille wieder in Tokio endete.

Tokio als Ort des Schicksals

Eigentlich wollte der 29-Jährige damals nur kämpfen. Doch genau das wurde ihm zum Verhängnis. Er war Ende August 2019 in die japanische Hauptstadt gereist, um seinen Titel in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm zu verteidigen. 2018 hatte er bei der WM in Aserbaidschan triumphiert - als erster iranischer Judoka seit 15 Jahren. Mollaei war auch in Tokio in Topform. In den ersten Kämpfen ließ er seinen Gegnern keine Chance. Alles deutete darauf hin, dass er das Finale erreichen und dort auf den ebenfalls bärenstarken Israeli Sagi Muki treffen würde.

Drohungen aus dem Iran

Am 29. August 2019 erhält Mollaeis Trainer einen Anruf vom stellvertretenden iranischen Sportminister. Die Anweisung ist eindeutig: Mollaei soll nicht weiterkommen. Seit Jahrzehnten verbietet der Iran seinen Sportlern gegen Athleten aus Israel anzutreten. Der Iran erkennt Israel als Staat nicht an. Mollaei widersetzt sich der Anordnung. Er kämpft weiter und besiegt auch seine nächsten Gegner.

Unmittelbar vor dem Halbfinal-Kampf dringt ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft zu Mollaei in die Aufwärmhalle vor. Es kommt zu einem Video-Anruf mit dem Chef des iranischen Nationalen Komittees. Mollaei erfährt, dass Sicherheitskräfte am Haus seiner Eltern waren. Eine klare Drohung.

Angst um die Familie

Mollaei bringt seinen Pass in Sicherheit und geht auf die Matte. "Es war extrem schwierig für mich," erzählte er damals. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich musste mich entscheiden. Ich fühlte mich verloren und hatte große Angst. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren und musste in diesem Zustand auf die Matte." Er verliert sein Halbfinale gegen den Belgier Matthias Casse knapp. "Klar, man sollte im Leben mutig sein. Aber mir gingen tausend Sachen durch den Kopf. Was passiert mit mir oder meiner Familie? Also habe ich auf diesen Befehl gehört." Nach dem Kampf brechen Wut, Angst und Verzweiflung aus ihm heraus.

Als Iraner ein Held in Israel

Trotzdem bestreitet Mollaei auch noch den Kampf um die Bronzemedaille. Doch er unterliegt gegen einen unerfahrenen Gegner. Der Israeli Sagi Muki holt sich den Weltmeistertitel. Auf Instagram gratuliert Mollaei seinem Nachfolger. In Israel wird er für diese Geste gefeiert. Muki, der neue Weltmeister, reagiert gerührt: "Danke, Saeid. Du bist eine Inspiration als Mensch und als Athlet." Doch das Ayatollah-Regime im Iran ist erzürnt. Nach der WM setzt sich Mollaei nach Deutschland in den Rhein-Neckar-Raum ab - und kämpft eine Weile für den KSV Esslingen.

2019 kämpfte Judoka Saeid Mollaei für den KSV Esslingen (Foto: Imago, Sportfoto Rudel)
2019 kämpfte Judoka Saeid Mollaei für den KSV Esslingen Imago Sportfoto Rudel

Hilfe vom Judo-Verband und aus Zentralasien

Zunächst schien es, als müsste Mollaei mit der Flucht seinen Traum von Olympia-Gold aufgeben. Denn der Iran würde ihn nie wieder für ein internationales Turnier nominieren. Unterstützung erhielt er von der Internationalen Judo-Föderation (IJF). "Die IJF war immer über meinen Fall informiert," sagt er. "Der Verband hat versprochen, mir zu helfen, damit ich an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen kann. Entweder unter der Olympischen Flagge im Team der Flüchtlinge oder als Athlet eines anderen Staats."

Im Dezember 2019 nahm er das Angebot des mongolischen Staatpräsidenten Chaltmaagiin Battulga an, künftig für den zentralasiatischen Staat anzutreten. So reiste er im Februar dieses Jahres mit mongolischen Pass nach Israel, um beim Grand-Slam-Turnier in Tel Aviv anzutreten. Und weil die iranische Staatsbürgerschaft laut iranischem Recht nicht abgegeben werden kann, ist Mollaei damit der erste Sportler aus dem Iran, der seit der Islamischen Revolution 1979 an einem Turnier in Israel teilgenommen hat. Der iranische Judo-Verbandschef Arash Miresmaeili nannte Mollaeis Auftritt einen "Fleck der Schande". Für seinen israelischen Amtskollegen Moshe Ponti war es "ein großartiger Tag für Israel und den Weltsport". Und für Mollaei? Für ihn war es eine Befreiung: "Ich bin sehr glücklich. Jetzt bin ich wie jeder andere Sportler. Ich bin frei, keine Probleme, keine Politik. Ich bin einfach nur Sportler."

Rückkehr für den Olympischen Traum

Am Dienstag kehrte Saeid Mollaei in die Halle zurück, über die er Ende 2019 sagte: "Ich komme wieder und werde mein Recht zurück verlangen." Dafür hat er zwei Jahre lang gearbeitet. Die letzten beiden Monate sogar in Israel - Seite an Seite mit Sagi Muki, mit dem der Weltranglisten-Sechste mittlerweile eng befreundet ist. Jetzt hat er es geschafft und der Ort seiner größten Niederlage wurde zum Ort seines größten Triumphes - sportlich und menschlich.

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