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Per Günther (33) ist nicht nur Spielmacher und Kapitän von Basketball-Bundesligist ratiopharm Ulm. Er gehört auch zu den reflektiertesten Spielern der Liga. Vor dem Landes-Duell gegen Ludwigsburg (Sa., 18 Uhr) spricht er im SWR-Interview über Erkenntnisse in Corona-Zeiten, seine Rolle als Familienvater und seine Karriereplanung.

Überlegt, gelassen, entspannt. Per Günther scheint die Ruhe in Person zu sein. Zumindest während des Gesprächs, das wir führen. Auf dem Hallenparkett steht der Spielmacher der Ulmer zwar noch regelmäßig mächtig unter Strom, aber nach 13 Jahren im Trikot der Schwaben und mit über 400 Bundesligaeinsätzen auf dem Konto (er ist der einzige deutsche Basketballprofi, der so lange für denselben Verein gespielt hat) macht ihn nur noch wenig so richtig kribbelig. Auch die Frage nach seinem Karriereende nicht. Lange Zeit war unklar, ob der im westfälischen Hagen geborene Profi seine sportliche Karriere nach dieser Saison ad acta legen würde. Doch nachdem es zuletzt hervorragend für ihn lief, möchte der zweifache Familienvater gern weitermachen. "Ich gehe aktuell davon aus, dass ich noch einmal eine Saison spielen werde."

Seit einem Jahr befindet sich (nicht nur) die Sportwelt im Corona-Modus. Diese Zeit ohne Fans und mit wenig sozialen Kontakten hat Günther nachdenklich gemacht. "Man geht nach Hause, guckt Netflix und schmiert sich ein Brot." Corona habe ihm gezeigt, was es bedeutet, vor leeren Rängen zu spielen." Die Spiele hätten in Corona-Zeiten eher einen Trainingscharakter, das Ulmer Trainingszentrum sei "wie eine verlassene Geisterstadt." Ein triftiger Grund, noch ein weiteres Jahr dranzuhängen. Für Günther sei die jetzige Zeit eine "Form des Heilfastens", um die gesunde Wertschätzung für das Publikum zurückzugewinnen. Die hatte er nach insgesamt 15 Jahren Profi-Basketball womöglich verloren.

"Durch die direkte Reaktion der Zuschauer, den Schmerz, das Raunen, die Euphorie, bekommst du das Gefühl: Das ist von Bedeutung, was du machst."

Per Günther, ratiopharm Ulm

"Die ersten 10.000 Euro gehen auf mich"

Ulms Mannschaftskapitän ist ein Spieler mit Haltung. Er macht sich nicht nur für sein Team stark, sondern steht auch für seine persönlichen Werte öffentlich ein. Wie im vergangenen Jahr, als er sich gegen die Basketball-Bundesliga (BBL) auflehnte. Der wollte seinen Spielern politische Äußerungen gegen Rassismus verbieten. Günther hielt dagegen und bot den Kollgen an: "Die ersten 10.000 Euro Strafe gehen auf mich."

Profisport als dominanter Beruf

Auch privat übernimmt der Westfale Verantwortung. Im vergangenen Jahr wurde Günther zum zweiten Mal Vater. Eine wunderschöne, wichtige Facette in seinem Leben. Trotzdem stand neben Hochzeit, Familienglück und seinem mittlerweile abgeschlossenen Studium die sportliche Karriere an erster Stelle. "Wenn man neun Jahre für seinen Bachelor-Abschluss braucht, ist das eine klare Antwort auf meine Prioritäten." Mit seiner Frau Leonie hat er eine klare Vereinbarung. Sie und die Kinder ziehen kompromisslos mit: "Wo ich spiele, müssen wir wohnen. Die Urlaube finden statt, wenn ich Zeit habe."

"Wenn ich nicht mehr spiele, habe ich zunächst nichts mehr zu sagen. Dann geht es erstmal danach, was meine Frau machen möchte."

Per Günther, ratiopharm Ulm

Das mag im ersten Moment egoistisch klingen, ist aber eher eine kluge Familienentscheidung. Seit 18 Jahren ist Per Günther bereits mit seiner Frau zusammen. Er ist dankbar, dass er eine Partnerin gefunden hat, die ihm in seiner Sportlerkarriere den Rücken freihält. Wenn er seine Basketball-Stiefel zur Seite gestellt hat, wollen sie als Familie zunächst einige Reisen nachholen - und dann wird seine Frau bestimmen, wo es lang geht. Günther möchte sich gern ein oder zwei Jahre Zeit geben, um einen Beruf zu finden, der ihn begeistert. "Diesen Luxus habe ich mir all die Jahre erarbeitet", erzählt er lachend.

"Ich weiß, dass ich nicht jungfräulich durch die Karriere komme"

Knorpelschäden in beiden Knien und ein Bandscheibenvorfall sind nur die Spitze des Verletzungs-Eisbergs, den Günther in seiner Karriere angehäuft hat. Um seine Gesundheit nicht weiter aufs Spiel zu setzen, entschied er sich schon früh, nicht mehr für die Nationalmannschaft zur Verfügung zu stehen. Die Doppelbelastung sei zu groß, sagt er. Trotz seiner Liebe zum Basketball gebe es Grenzen.

"Ich habe Boris Beckers Klumpfuß gesehen. Das wäre für mich kein Opfer, das ich bringen würde. Ich möchte in zehn Jahren mit meinen Jungs noch Fußball spielen können."

Per Günther, ratiopharm Ulm

Tipps für den jüngeren Bruder

Mit seinen 33 Jahren blickt Günther auf eine konstant erfolgreiche Zeit im Profisport zurück. Sein elf Jahre jüngerer Bruder Jasper steht noch am Anfang seiner Basketballkarriere. "Er soll es so viel genießen, wie er kann und sich, bevor er 25 ist, keinen Kopf um seinen Lebenslauf machen." Nach der Sportlerkarriere könne man als Quereinsteiger einen neuen Weg finden und sich noch früh genug der "Erwachsenensorgen" annehmen. Um Verletzungen zu vermeiden, rät er seinem Bruder, diesen proaktiv entgegenzuwirken.

"All die Dinge, auf die man keinen Bock hat - präventive Maßnahmen, Körperstabilisation oder an der Balance zu arbeiten - würde ich ihm ans Herz legen."

Per Günther, ratiopharm Ulm

Duell unter besonderen Vorzeichen

Das Baden-Württemberg Duell gegen die MHP Riesen Ludwigsburg (Samstag, 18 Uhr) könnte aus Günthers Sicht einen ganz besonderen Charakter bekommen. Denn im letzten Spiel beim Tabellenletzten Rasta Vechta mussten die Ulmer eine herbe Niederlage einstecken. "Es wäre eine schöne Geschichte des Sports, wenn wir jetzt gegen den Tabellenersten gewinnen könnten."

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