Rugby (Symbolbild) (Foto: imago images, Panthermedia)

Athleten unter Druck gesetzt

Schwere Vorwürfe: Machtmissbrauch im Deutschen Rugby-Verband

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Sie sehnen sich nach Rückhalt und nach der Freiheit, einfach nur ihren Sport auszuüben. Doch stattdessen führen die Athleten im Deutschen Rugby-Verband einen Kampf, den sie gar nicht führen möchten. Nach Recherchen von SWR und dem SPIEGEL stehen schwere Vorwürfe im Raum: Spieler müssten Teile ihrer Sporthilfe "abliefern". Ein Trainer habe zudem Fahrtkosten falsch abrechnen sollen. Im Zentrum der Kritik: Der Vorstandsvorsitzende Manuel Wilhelm. Geheime Chat-Protokolle und vertrauliche Berichte erhärten die Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Verband.

"Ich habe dich ja schon mehrfach darum gebeten, dass ich meine Sporthilfe behalten darf, da hast du ja 'nein' gesagt. Dass das nicht drin ist." So der Online-Chat zwischen Trainer Rafael Pyrasch und dem sportlichen Leiter des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV) im November 2020. Der Chat liegt dem SWR vor.

Sporthilfe auf ein Privatkonto abgetragen

Über mehrere Monate habe Pyrasch seine Sporthilfe zum Großteil an Verantwortliche des Verbandes abgeben müssen. Er schildert uns, wie das abgelaufen sei: "Das hat so funktioniert, dass ich die Sporthilfe dann auf ein Privatkonto abgetragen habe. Ich wusste, dass das nicht in Ordnung ist, aber aus Angst vor Konsequenzen habe ich es trotzdem gemacht." Das Geld sei auf das Privatkonto eines sportlichen Leiters und Freundes von Manuel Wilhelm geflossen.

"Für eine Stellungnahme zu Veröffentlichungszwecken stehe ich nicht zur Verfügung"

Auf Anfrage vom SWR und dem SPIEGEL, wofür die Gelder verwendet wurden, antwortet der sportliche Leiter: "Für eine Stellungnahme zu Veröffentlichungszwecken stehe ich nicht zur Verfügung."

Die Rückzahlung von Pyrasch sei kein Einzelfall gewesen. Ein Nationalspieler, der anonym bleiben möchte, erzählt: "Das waren 500 Euro pro Spieler. Es wurde ein Spieler dann beauftragt, das bei allen Spielern einzutreiben. Dann ging das von den Spielern auf das Konto des einen Spielers und der hat das dann weiter überwiesen auf ein Privatkonto von unserem Management." SWR und DER SPIEGEL liegen entsprechende Unterlagen vor.

Zwanzig Spieler hätten bezahlt, insgesamt 10.000 Euro. In den vergangenen Monaten hat sich der Ombudsmann des DOSB mit den Vorwürfen beschäftigt. In einem Entwurf des vertraulichen Berichts, der dem SWR vorliegt, heißt es: "Die Hinweisgeber teilten mit, dass entweder die von ihnen geforderten Überweisungen durchgeführt wurden, beziehungsweise in einem Fall 2000 Euro in bar in einem Umschlag auf der Weihnachtsfeier an Herrn Wilhelm übergeben wurde."

Der Präsident des Verbandes teilt dazu mit: "Sämtliche diesbezügliche Kontobewegungen wurden vom Präsidium lückenlos überprüft und als korrekt befunden." Sportdirektor Manuel Wilhelm lässt über seinen Anwalt mitteilen, dass er für eine Berichterstattung nicht zur Verfügung stehe und die Vorwürfe als "substanzlos" erachte.

Falsche Fahrtkostenabrechnung?

SWR und SPIEGEL liegt ein Chatverlauf zwischen Pyrasch und dem Sportdirektor Manuel Wilhelm vor. Demnach sollte der Trainer Fahrtkosten falsch abrechnen.

"Hey Rafa, kannst du bitte nach dieser Vorlage eine Abrechnung erstellen und sie mir heute noch zukommen lassen!" So beginnt der Online-Chat  zwischen Trainer Rafael Pyrasch und dem Sportdirektor im November 2020. Es geht um eine Fahrtkosten-Abrechnung, die der Trainer abliefern soll. Das Problem daran: Diese Fahrten haben laut dem Trainer gar nicht stattgefunden: "Ich kann nicht abrechnen, wenn ich überhaupt nicht da war. Das mache ich nicht." Doch der Sportdirektor lässt nicht locker: "Mir geht es darum, dadurch Geld für die Mädels (Anm. d. Red.: Rugby-Frauen) zu sichern, was wir sonst an den Bund zurückzahlen."

"Das ist meine Lebensexistenz, die Sport-Förderstelle"

Sportdirektor Manuel Wilhelm lässt dem Chatverlauf zufolge nicht locker. Er droht: "Wenn du das nicht machen möchtest, dann ist das ok. Wäre aber schade, dann kannst du auch keine Sporthilfe mehr annehmen und/oder weiterleiten." Dem weiteren Verlauf des Chats nach wird Rafael Pyrasch dann noch angedroht, er könnte seine Sport-Förderstelle bei der Bundeswehr verlieren. Ein Verlust, der für ihn fatal wäre, wie er im Interview mit SWR und SPIEGEL erzählt: "Das ist meine Lebensexistenz, die Sport-Förderstelle, ohne die Sport-Förderstelle kann ich dem Leistungssport so nicht nachgehen. Das ist die komplette Existenz."

Sportdirektor Manuel Wilhelm  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Manuel Wilhelm (Vorstandsvorsitzender und Vorstand Leistungssport im Deutschen Rugby-Verband) Picture Alliance

Manuel Wilhelm ist offenbar sehr mächtig im Verband. Er besetzt gleich zwei Positionen: die des Vorstandsvorsitzenden und des Vorstands Leistungssport. Er bestimme, wer nominiert wird und wer Bundeswehrplätze und Fördergeld bekommt - das bestätigen dem SWR mehrere Spieler.

Rugby ist in Deutschland nur eine Randsportart. Meist können Spieler und Trainer den Sport auf professionellem Niveau nur betreiben, wenn Sie Fördergeld, zum Beispiel von der Bundeswehr, bekommen. Werden diese Gelder gestrichen, steht der Spieler vor dem finanziellen Aus. Ein Spieler sagt im Interview: "Das ist immer wieder Existenzangst. Pass auf, was du sagst, sonst fliegst du raus, sonst wirst du vielleicht nicht mehr verlängert. Das nagt an deiner Psyche, jedesmal wieder, wenn was durchgesetzt werden soll, damit unter Druck gesetzt zu werden."

Auch zu diesen Vorwürfen äußert sich Manuel Wilhelm nicht und bezeichnet alle Vorwürfe als "substanzlos". 

"Es geht nur noch darum, dass die Gelder weiter fließen"

Dass es den Verantwortlichen um den Sport geht, daran glauben die Spieler nicht mehr. Ein Spieler schildert seinen Eindruck: "Dadurch, dass Rugby olympisch geworden ist, gibt es auch viel mehr Fördermittel vom Bund. Ich habe das Gefühl, es geht nur noch darum, dass die Gelder weiter fließen. Aber mit dem Sport oder den Spielern, die das Ganze ermöglichen, um die geht es wirklich nicht mehr."

Laut Auskunft u.a. des Bundesinnenministeriums bekommt der Rugby-Verband insgesamt rund 850.000 Euro pro Jahr an Fördergeld - ist aber dennoch laut den Jahres-Bilanzen fast pleite. Allein 15 Prozent der Fördermittel werden für das aktuelle Honorar des Sportdirektors verwendet. Auch die weiteren Hauptamtlichen des Rugby-Verbandes, fast alle langjährige, gute Freunde, erhalten stattliche Gehälter. Und das, obwohl der Verband offiziell kein Geld hat? Wie passt das zusammen? Der Präsident des DRV teilt uns dazu mit, er halte das Gehalt des Sportdirektors für angemessen.

"Sie taten alles, um meine Rolle zu untergraben"

Fragwürdiges Finanzgebaren und Druck - Vorwürfe, die sich auch in einem internen Bericht des Rugby-Verbandes wiederfinden, der dem SWR und dem SPIEGEL vorliegt. Hierin hat der ehemalige Vorstand auf knapp 47 Seiten zusammengefasst, was seiner Ansicht nach beim Rugby-Verband alles falsch läuft. Darin heißt es, dass auf Kritiker Druck ausgeübt werde und dass der Verbleib von Geldern zum Teil unklar sei. Der interne Bericht wurde vom ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Kieran Lees verfasst, der den Verband nach drei Monaten an der Spitze wieder verlassen hat. Zu riskant war ihm die Leitung eines Verbandes, dessen Finanzen er nicht einsehen konnte:

"Die Präsidiumsmitglieder wurden feindselig. Sie taten alles, um meine Rolle zu untergraben. Je mehr Fragen ich stellte, umso intensiver wurde das", so der ehemalige CEO heute.

Auf Nachfrage, ob man den im Bericht geschilderten Missständen nachgegangen sei, antwortet der Präsident des Deutschen Rugbyverbandes Harald Hees gegenüber dem SWR und dem SPIEGEL, "man könne zu dem CEO-Report keine fundierten Angaben machen" und verweist darauf, "dass er zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht im Amt war". 

"Wir hatten keine Transparenz über die Ausgaben"

Auch andere, wichtige Leute für den Rugby-Verband, haben sich mittlerweile frustriert zurückgezogen. Hans-Peter Wild ("Capri-Sun") ist einer der erfolgreichsten Unternehmer in Deutschland - und ein langjähriger Gönner des Rugby-Sports in Heidelberg. Doch dann kam der Ausstieg. "Was uns gestört hat, wir hatten keine Transparenz über die Ausgaben. Also, unsere eigenen Ausgaben, noch nicht mal da wussten wir, für was es verwendet wird."

Über 20 Millionen Euro steckte Wild nach eigenen Angaben in den deutschen Rugby-Sport, hat Kinder- und Schulprojekte finanziert und auch die Nationalmannschaft gesponsert. Heute investiert Wild seine Millionen in Frankreich bei Stade Français Paris. Die großen Sponsoren, sie sind gegangen. Zurück geblieben sind die Athleten, die ihren Kampf auf dem Spielfeld nun auch innerhalb des Verbandes fortsetzen müssen.

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