Die Amputiertenfußballer von Anpfiff Hoffenheim im Training (Foto: SWR, Dunja Fadel)

Im Schatten des Fußballs

Amputierten-Fußball Hoffenheim: Liebe zum Fußball auch mit Krücken

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Dunja Fadel

Mit der TSG Hoffenheim verbinden die meisten Sportfans vor allem die Profifußballer um Baumgartner, Kramaric, Bebou & Co. Doch der Verein bietet noch mehr: Die Amputierten-Kicker von Anpfiff Hoffenheim zeigen, dass die Liebe zum Sport keine Hindernisse kennt.

Der fokussierter Blick wechselt zwischen Ball und gegnerischem Torwart. Zwei Meter Anlauf, kleine Schritte, präziser Schuss und: Tor! Was für die meisten Fußballer Routine ist, ist für den 25-jährigen Florian Fischer von Anpfiff Hoffenheim nicht nur besonders, sondern auch besonders herausfordernd. Denn Florian Fischer hat nur ein Bein.

Sieben gegen Sieben und "gleiches Recht für alle"

Seit sechs Jahren ist der Pfälzer Teil von "Anpfiff Hoffenheim", der ersten Amputierten-Fußballmannschaft in Deutschland. Mitspielen darf unabhängig von Geschlecht und Alter jeder, dem ein Teil des Armes oder Beines fehlt. Je nach Einschränkung agieren die Sportler als Feldspieler oder Torwart. Gespielt wird wie gewohnt, einzige Ausnahme: Die Partien finden mit sieben Spielern auf dem Kleinfeld statt und die Spielzeit ist auf zwei Mal 25 Minuten begrenzt. Um gleiche Bedingungen zu schaffen, werden die Prothesen zum Spielen abgelegt. Das heißt auch: Gekickt wird letztendlich nur mit einem Fuß.

Neue Automatismen und Belastung im Amputierten-Fußball

Das erfordert viel Übung, Kondition und Koordination. Ist ein falscher Laufweg im Fußball ärgerlich, kann er im Amputierten-Fußball kaum korrigiert werden. Hier kommt es auf jedes Detail an, ganze Bewegungsabläufe müssen neu einstudiert werden. Vor allem die Position der Krücken zum Ball spielt eine große Rolle im Amputierten-Fußball.

Auf Krücken rennen, dribbeln oder ein Torschuss: All das müssen die Sportler neu lernen. Automatismen, die jahrelang abgerufen wurden, funktionieren nicht mehr. Die Spieler müssen umdenken, denn das Standbein, aus dem beim Fußball die ganze Kraft kommt, fehlt.

"Ich habe so lange Fußball gespielt, aber eigentlich musste ich alles neu lernen"

Für die Fußballer von Anpfiff Hoffenheim eine unfassbare Mühe. "Es ist definitiv anstrengender als normales Fußballspielen", sagt Florian Fischer. Das Training beansprucht den ganzen Körper: Vor allem das gesunde Bein, die Oberarme und die Brust werden belastet. Es bietet aber auch einen guten Ausgleich zum Prothesenlaufen, das primär den Rücken und das amputierte Bein beansprucht. Ein Ausgleich, für den Fischer dankbar ist.

Florian Fischer von Anpfiff Hoffenheim im Duell. (Foto: IMAGO, IMAGO / Ralf Kuckuck)
Florian Fischer im Einsatz für Anpfiff Hoffenheim. Seit 2016 ist er Teil des Teams aus dem Kraichgau. IMAGO / Ralf Kuckuck

Diagnose Knochenkrebs und der Kampf zurück ins Leben

Daran wieder Fußball zu spielen, war für den Fan des 1. FC Kaiserslautern lange nicht zu denken. Im Alter von 14 Jahren bekam er die Diagnose Knochenkrebs, mit 16 folgte eine Amputation unterhalb des rechten Oberschenkels. Der Eingriff stellte das ganze Leben des Jugendlichen auf den Kopf. Plötzlich befand er sich in einem emotionalen Zwiespalt zwischen Gesundheit, Teenager-Dasein und dem Wegfall des bisherigen Lebens. Die neue Situation annehmen, verkraften und akzeptieren war ein harter Weg. Immer wieder gab es Rückschläge. Fußball, der seit der frühsten Kindheit sein Leben bestimmt hatte, geriet in den Hintergrund. Aber Fischer merkt schnell, dass er einen Ausgleich braucht - für Körper, Kopf und Seele.

"Nichts tun ist nicht", bestätigt der Fußballer. Er fühlt sich verloren. Auf der Suche nach einem neuen Sport hat der heute 25-Jährige viel probiert: laufen mit einer Feder, Fahradfahren, Volleyball. Am Ende landete er wieder beim Fußball. "Wie ironisch", sagt er im Gespräch mit SWR Sport lachend. Trotz anfänglicher Skepsis war Fischer ab dem ersten Training überzeugt. Mittlerweile ist er zweifacher EM-Teilnehmer. Der Sport gab ihm ein Stück Struktur und Mut zurück. Dafür nimmt er eine Anfahrtszeit von knapp einer Stunde in Kauf.

In Hoffenheim hat der 25-Jährige die Möglichkeit, das zu machen, was er liebt, kann abschalten und ist umgeben von Menschen mit einer ähnlichen Geschichte. Denn das Team verbindet nicht nur die Liebe zum Fußball, sondern auch ähnliche Schicksalsschläge. "Es ist schön, Gleichgesinnte zu haben", sagt Fischer betont jedoch sofort "aber wir sind hier auch keine Selbsthilfegruppe". Der Sport steht im Fokus, die Ziele sind ambitioniert.

Der Amputierten-Fußball soll in Deutschland sichtbarer werden

Gemeinsam mit der Mannschaft möchte Fischer das eigene Spiel und die Sichtbarkeit des Sports verbessern. Amputierten-Fußball soll den Menschen ein Begriff werden, Betroffene vom Sofa holen. Als Vorbilder dienen Länder wie die Türkei, England und Polen. Hier ist der Sport bereits professioneller. In Deutschland steckt der Amputierten-Fußball noch in den Kinderschuhen. Gerade in den östlichen Bundesländern und Bayern ist der Sport noch nicht vertreten. Einige der Mannschaftskollegen fahren deshalb bis zu zwei Stunden zum Training. Diese Kinderschuhe zu verlassen, bedeutet viel Engagement und Arbeit.

„Ich wusste nicht mal, dass es das gibt“.

Arbeit, die sich "Anpfiff ins Leben" zur Aufgabe gemacht hat. Seit 2014 bietet die Organisation in Hoffenheim Amputierten-Fußball an. Die TSG Hoffenheim unterstützt als Kooperationspartner mit optimalen Trainingsbedingungen rund um Sportplätze, Flutlicht und Ausstattung. 2016 folgte mit Anpfiff Hoffenheim ein eigener Verein. War man vor sechs Jahren noch einsamer Vorreiter, gibt es deutschlandweit mittlerweile sechs Clubs. Im Herbst 2021 entstand dann eine Bundesliga mit eigenem Logo, in der auch Anpfiff Hoffenheim vertreten ist.

Und der Start in die Bundesliga hätte nicht besser laufen können: In der Premierensaison konnte das Team aus Hoffenheim die deutsche Meisterschaft gewinnen. Fischer durfte als Kapitän die Schale in die Luft strecken. "Ein riesen Gefühl", meint er mit strahlenden Augen.

Ein Gefühl, von dem jeder Fußballer - ganz gleich welcher Voraussetzungen - träumt.

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