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Die neue CD von Gli Icogniti mit Bach zugeschriebenen Werken Bach – oder nicht?

CD-Tipp vom 14.11.2017

CD-Cover BWV... OR NOT? "Zweifelhaftes" aus dem Bachwerkeverzeichnis

CD

Titel:
Johann Sebastian Bach, BWV... or not?
Interpret:
Gli Incogniti, Amandine Beyer
Label:
Harmonia Mundi
Preis:
15,99 €
Bestellnummer:
HMM 90232

Eine tänzerische Fuge, jedoch nicht von Bach. Es sind solche kleinen Kostbarkeiten, die es dem Ensemble Gli Incogniti angetan haben. Nomen est omen, möchte man sagen, denn das Unbekannte reizt diese Solisten. Auf ihrem Gang durch die Geschichte von Zuschreibungen und dann doch wieder Nicht- Zuschreibungen von Werken Bachs begegnen sie z.B. einer Sonate für Violine und Basso continuo, die heute - durchaus nicht diskussionslos – Johann Georg Pisendel zugeschrieben wird. Mit dem brillanten Violinisten am Dresdner Hof war Bach gut befreundet, die beiden haben zusammen musiziert, Konzerte von Telemann abgeschrieben und man kann gut nachvollziehen, warum dieses Stück ins Bach-Werke-Verzeichnis aufgenommen wurde: Fuge und dritter Satz könnten durchaus von ihm sein.

Gli Incogniti setzen sich kreativ auseinander mit dem problematischen Genie-Kult, der Bach Anfang des 19. Jahrhunderts aufs Podest hob. Die Legende des Meisters blühte, man arbeitete einen Katalog seiner Werke aus, doch im Laufe der Zeit kamen Zweifel an der Echtheit einiger Kompositionen auf. Stücke verwandelten sich dann gewissermaßen in „gefallene Engel“: dieselbe Musik, die erst als Genie-Streich galt, verschwand plötzlich wieder aus den Konzert- und Tonträgerprogrammen und versank in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie Violinistin Amandine Beyer findet.

Die versierte Geigerin hat am Pariser Konservatorium und an der Schola Cantorum Basiliensis nicht nur historische Aufführungspraxis studiert, sondern auch über Stockhausen gearbeitet. Ihr Horizont ist deshalb weit, sie steckt die Dinge nicht gerne in Schubladen (wie sie auf dem CD-Cover zu erkennen sind!) Im Gegenteil: erfüllt von Leidenschaft und Entdeckerfreude musiziert sie mit ihren 5 Kollegen und man lernt in der Nachbarschaft Bachs Neues kennen: z.B. Silvius Leopold Weiss, dem der Name Bach dazu verholfen hat, aus dem Schatten der Geschichte zu treten. Oder: Johann Gottlieb Goldberg, der uns eigentlich nur durch die ihm in die Finger geschriebenen Bachschen Goldbergvariationen geläufig ist. Wer hätte das gedacht? Goldberg hat auch selbst komponiert.

Mit großer Lust und Spontaneität erwecken Gli Incogniti Goldbergs Triosonate aus dem Dornröschenschlaf; dabei klingt keine Note angestrengt. Der Charme der Violinistin überträgt sich auf die ganze französisch, italienisch, spanisch besetzte Truppe. Selbstverständlich kann auf einer solchen Produktion der berühmteste Bach des 18. Jahrhunderts, Carl Philipp Emanuel, nicht fehlen. Stammt die berühmte Triosonate BWV 1038 womöglich von ihm, und nicht vom Vater? Welcher Bach war es denn nun?

Mit der Frage nach der Autorenschaft ist man beim Zuhören und auch beim Lesen des Begleitheftes immer wieder auf unsicherem Boden, was stimmig ist: denn wir sind in einer Zeit, die noch kein Autorenrecht kannte. Bei Philipp Emanuels Triosonate kam es sogar zu etlichen Verwechslungen, da Vater und Sohn ihre Kompositionen oft gegenseitig kopiert oder ins Reine geschrieben haben. Begriffe wie „Patent“ oder „geistiges Eigentum“ hatten da nur wenig Bedeutung. Johann Sebastian Bach war unendlich erfindungsreich im Bearbeiten eigener und auch fremder musikalischer Ideen, er zog Inspiration aus seinen sozialen Kontakten, seinem familiären Umfeld, aus dem Wetteifer mit anderen Komponisten. Die schöpferische Freiheit in der allseits inspirierenden Werkstatt „Bach“ beleuchtet das Ensemble eindrucksvoll. Man fühlt sich an die Malereiwerkstätten eines Cranach, Tizian oder Michelangelo erinnert. Gli Incogniti öffnen dafür die Ohren und erkunden neues Gelände.