Steffi Graf beendete 1999 ihre Karriere (Foto: Imago, Laci Perenyi)

Tennis | Personalie Vor 20 Jahren: Steffi Grafs emotionaler Abschied

Vor 20 Jahren endete eine Ära: Steffi Graf gab in Heidelberg ihren Rücktritt bekannt - als amtierende French-Open-Siegerin, Wimbledonfinalistin und Nummer drei der Tenniswelt.

Es hätte gute Gelegenheiten gegeben in diesem Sommer 1999, passende Plätze in Paris, Wimbledon oder New York. Doch Steffi Graf entschied sich für Heidelberg und einen schmucklosen Konferenzraum im Marriot-Hotel. Was sie zu verkünden hatte, brauchte "keine Fanfaren und keinen Rummel", wie die "Times" später anerkennend schrieb. Graf brauchte nur "eine Pressekonferenz, um zu sagen, dass es vorbei ist. So mag sie es."

Dauer

Die goldene Ära des deutschen Tennis endete

Am 13. August vor 20 Jahren endete die goldene Ära des deutschen Tennis, sechs Wochen nachdem Boris Becker auf "seinem" Center Court in Wimbledon Abschied genommen hatte. Graf trat leiser ab, jedoch nicht weniger bewegt. "Tennis hat mein ganzes Leben bestimmt, es ist schwer loszulassen", flüsterte sie mit Tränen in den Augen. Als sie sich wieder gefasst hatte, beschrieb sie jedoch auch ihre "Erleichterung", die auf die unwiderrufliche Entscheidung folgte.

Die emotionalsten in der Karriere von Steffi Graf

Hinter Graf lagen die emotionalsten Monate ihrer Karriere: In Paris hatte sie ihren 22. und schönsten Grand-Slam-Triumph gefeiert, kurz darauf in Wimbledon noch einmal das Finale erreicht. Erstmals gestand sie sich zarte Gefühle für Andre Agassi ein, es hätte alles so schön sein können, doch ihr Körper forderte endgültig seinen Tribut für 17 Jahre in der Mühle der Profitour. Schon lange hatte Graf die Strapazen nur noch mit Schmerzmitteln ausgehalten, ihr letztes Match beendete sie gar nicht mehr. Anfang August in San Diego gab sie gegen die US-Amerikanerin Amy Frazier beim Stand von 6:4, 5:7, 1:2 wegen einer Oberschenkelzerrung auf.

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AFP (Foto: Imago, AFP)
Im Juni 1987 begann die große Ära von Steffi Graf bei den French Open, als sie ihren ersten Grand-Slam-Titel gegen die US-Favoritin Martina Navratilova gewann. Während des entscheidenden Satzes drehte die damals 17-Jährige noch das Spiel und verbuchte mit 6:4, 4:6, und 8:6 ihren ersten großen Erfolg. Imago AFP Bild in Detailansicht öffnen
Knapp anderthalb Monate später, gewann Steffi Graf (im Bild mit Claudia Kohde-Kilsch) und das deutsche Team den Fed-Cup gegen das US-Team. Es war der erste Erfolg überhaupt für die Deutschen bei diesem Turnier und konnte bis heute nur noch einmal in 1992 gewonnen werden. Der Fed-Cup ist der wichtigste Wettbewerb für Nationalmannschaften im Damentennis. Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
"Happy New Year" – bei Steffi Graf im Jahr 1988 mehr als zutreffend. Sie gewann zum ersten Mal die Australian Open (Bild) und verteidigte später ihren Titel bei den French Open mit einem bis heute ungeschlagenen Rekord: Nach 32 Minuten war die Weißrussin Natallja Swerawa mit 6:0 und 6:0 in Paris geschlagen. Keiner gewann jemals ein Grand-Slam-Finale schneller als Steffi Graf. Imago imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Nach zwei gewonnen Grand-Slam-Titeln führte Graf ihren Siegeszug beim wohl prestigeträchtigsten Turnier der Welt fort: In Wimbledon hielt sie am Ende die runde Trophäe nach oben. Dieses mal musste sich Martina Navratilova eindeutig geschlagen gebem, die früh von Grafs künftiger Welt-Dominanz überzeugt war: “Das war mir klar, seit ich Steffi das erste Mal spielen gesehen habe." Mit dem späteren Sieg der US Open gewann Graf in einem Jahr alle vier Grand-Slam-Turniere der Welt. Imago imago/Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
Vom Star zur Legende: neben dem Grand Slam gewinnt Steffi Graf auch Gold bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul: der Golden Slam ist perfekt. Einen Begriff für diesen Erfolg gab es bis dahin noch gar nicht. Die 19-Jährige war somit die "Schöpferin" des Golden-Slams und ist mit dessen Gewinn bis heute einzigartig. Ihre Jahresbilanz 1988: 72 Siege und nur drei Niederlagen. imago images / Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
1989: Steffi Graf verteidigte ihren Titel bei den Australian Open sowie ihren Vorjahressieg in Wimbledon. Dort gewann sie gegen Martina Navratilova mit 3:6, 7:5 und 6:1. Das Turnier war damals fest in der Hand der Deutschen, da auch Boris Becker sein Finale bei den Männern gewann. Drei Grand-Slam-Titeln räumte Steffi Graf 1989 ab, nur die French Open blieb ihr verwehrt. imago sportfotodienst Bild in Detailansicht öffnen
Nachdem sie einige Zeit nicht mehr die Nummer eins der Weltrangliste war, kehrte im Jahr 1993 mit Grand-Slam-Siegen in Paris, Wimbledon und New York wieder an die Spitze zurück. Im Januar 1994 errang Graf mit dem Gewinn der Australian Open den vierten Grand-Slam-Titel in Folge (Foto) und damit einen zweiten, „unechten“ (nicht innerhalb eines Kalenderjahres) Grand Slam. Imago imago images / Laci Perenyi Bild in Detailansicht öffnen
French Open, Finale 1999: Steffi Graf kämpfte sich nach vielen Verletzungen und kurz vor ihrem Karriere-Ende wieder zurück in ein Grand-Slam-Finale, wo sie auf das Schweizer Wunderkind Martina Hingis traf. Nachdem Graf den ersten Satz verlor, behielt sie im Final-Krimi die Nerven, während die übermütige Hingis ihre verlor. 4:6, 7:5 und 6:2 gewann die 29-jährige Graf und sprach danach von der "wundervollsten Erinnerung meiner Karriere". Imago imago images / Laci Perenyi Bild in Detailansicht öffnen

"Es waren nach Wimbledon keine einfache Wochen, weil ich zum ersten Mal den Spaß und die Freude am Tennis vermisst habe. Das war ein komisches Gefühl für mich, das ich so nicht kannte", sagte Graf. Den Rücktritt konnte sie nicht mehr hinauszögern, selbst die nahenden US Open, bei denen sie als Mitfavoritin gestartet wäre und die eine besondere Bühne für den Abschied geboten hätten, hatten ihren Reiz verloren. Das, was sie in Paris und noch einmal in Wimbledon erlebt hatte, "war so intensiv", sagte Graf: "Ich hatte danach vielleicht das Gefühl, dass nichts mehr kommen konnte, was ich noch erreichen kann."

Eine der Größten aller Zeiten

Die Zahlen sprachen schon längst für diese These: 107 Titel, davon 22 bei den vier größten Turnieren, 377 Wochen an der Spitze ihres Sports. Darüber hinaus war ihr auch die Zuneigung der Fans auf der ganzen Welt sicher. "Im Kontrast zwischen ihren Erfolgen und auch ihren Zweifeln hat sie es geschafft, dass man sie liebt - für immer", schrieb die französische Sportzeitung "L'Equipe", die ihre Titelseite für Deutschlands größte Sportlerin der Geschichte freiräumte.

Die Zweifel, die ungewollte Aufmerksamkeit, der Spießrutenlauf nach der Affäre um ihren Vater Peter, der wegen Steuerhinterziehung einige Jahre im Gefängnis verbrachte - all das ließ Graf hinter sich. Zwei Jahre nach dem denkwürdigen 13. August 1999 heiratete sie ihren Berufskollegen Agassi und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Die Fanfaren und den Rummel der Tenniswelt hat sie nie gebraucht - und später auch nie vermisst.

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