Almir Velagic (Foto: SWR)

Mehr Sport | Gewichtheben Nah dran mit Gewichtheber Almir Velagic

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Bei den Weltmeisterschaften hat sich der Gewichtheber aus Mutterstadt, Almir Velagic, dramatisch den Ellenbogen verdreht. Es war sein Karriereende.

Es gibt Bilder, die verursachen körperliche Schmerzen, wenn man sie nur ansieht. Das Bild von Almir Velagic‘ letztem internationalen Auftritt als Gewichtheber ist so eines.

Bei den Weltmeisterschaften vergangenes Jahr war ihm die Hantel verrutscht, der Ellenbogen drückte sich unnatürlich nach vorne – man möchte laut schreien, wenn man dieses Bild sieht. "Ich wollte nicht schreien", sagt Velagic, "aber ich wusste, es ist etwas schreckliches passiert".

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Es war sein Karriereende. Heute blickt er gelassen auf zwei große Narben an seinem Ellenbogen und sagt: "Ich bin froh, dass nichts schlimmeres passiert ist." Und mit seinen mittlerweile 37 Lebensjahren nimmt er das erzwungene Karriereende gelassen hin.

Es ist eine Karriere, die dem Kriegsflüchtling aus Bosnien eher zufällig zufiel. Bei einer Talentsichtung in der Schule war er aufgefallen. "Ich sprach kein Wort Deutsch", erklärt er, "und sie haben mich gefragt, ob ich mal zum Training vorbeikomme. Weil ich nichts verstanden habe, hab‘ ich "ja" gesagt."

Der Sport machte ihm Spaß, er hatte Erfolg. Und als er erfuhr, dass man als Sportsoldat sein Hobby zum Beruf machen kann, sagte er zu. "Da wirst Du noch für dein Hobby bezahlt. Ja, wie geil ist das denn?" wundert er sich noch heute über die Top-Möglichkeiten im deutschen Sport.

Mit dem AV 03 Speyer war er serienmäßig Deutscher Mannschaftsmeister, und er fuhr zu drei Olympischen Spielen. Ob es nicht frustrierend ist, in einer Doping-verseuchten Sportart mit Gegnern zu konkurrieren, von denen man weiß, dass sie nicht sauber sind?

Die Antwort kommt schnell: "Ich habe mich immer auf mich konzentriert. Wollte meine Bestleistung steigern. Das andere – das ist halt so." Bei Olympia kam er über die Plätze acht und neun nicht hinaus – und auch wenn durch Nachproben bei Doping-Tests so mancher Sportler noch Jahre nach den Spielen plötzlich in den Medaillenrang rutschte: Velagic rechnet nicht mehr mit olympischem Edelmetall.

Acht bis zehntausend Kalorien täglich

Wahrscheinlich braucht man diese Gelassenheit, wenn man jahrzehntelang ein recht eintöniges Spitzensportler-Leben führt. "Training, essen, schlafen" – mehr gibt’s nicht. So acht bis zehntausend Kalorien täglich musste er verdrücken – da hat ihm das Karriereende ganz neue Erfahrungen beschert: "Nur noch essen, wenn man Hunger hat – das kannte ich lange gar nicht."

Neu ist für ihn auch, dass er sich jetzt viel mehr um die Zwillinge Emma und Alan kümmern kann. "Papa muss nicht mehr schlafen", auch wenn Papa in Zukunft wieder im Leistungszentrum der Gewichtheber in Leimen arbeiten wird. Velagic möchte Trainer werden, coacht schon jetzt seinen langjährigen Kumpel Jürgen Spieß und wird im Herbst seine Ausbildung in Köln beginnen.

Auch wenn sein Karriereende plötzlich kam, er hat sich frühzeitig darauf eingestellt. Ist Teilhaber eines Crossfit-Studios in Mannheim. Name: Hundert Prozent. Dort ist er, natürlich, für’s Gewichtheben zuständig. "Reich werde ich damit nicht", sagt er, "aber vielleicht entdecke ich ja das ein oder andere Talent, das ich zu einem Spitzenheber entwickeln kann." Ein Spitzenheber, wie er einer gewesen ist.

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