Emil Schulz auf dem Autokorso in seiner Heimatstadt Kaiserslautern (Foto: Ursula Schulz)

Boxen | Historie "Emil, hauem uff die Lewwer" - Als sich Emil Schulz Olympia-Silber erboxte

AUTOR/IN

Wie aus der Kaiserslauterer Boxabteilung einst einer der größten deutschen Boxer hervorging und sich bis zur olympischen Silbermedaille 1964 in Tokio kämpfte. Eine Spurensuche.

Von den Olympischen Spielen 1964 in Tokio bringt die gesamtdeutsche Mannschaft insgesamt 50 mal Edelmetall mit nach Hause. Eine Silbermedaille hat Emil Schulz im Gepäck. Als der damals 26-Jährige in seine Heimatstadt Kaiserslautern zurückkehrt, wird ihm ein großer Bahnhof bereitet. Der Mittelgewichtler wird lorbeerkranzbehangen im offenen Wagen durch die Barbarossa-Metropole gefahren.  Über 10.000 Begeisterte säumen den Straßenrand. Ein Fotograf fängt den Augenblick ein. Man sieht dem Gefeierten auf dem Bild an, dass ihm der Trubel um seine Person fast zu viel des Guten ist. Es wirkt, als verstehe er nicht, dass man seinetwegen einen solchen Aufwand betreibt.

Emil Schulz auf dem Autokorso in seiner Heimatstadt Kaiserslautern (Foto: Ursula Schulz)
Emil Schulz auf dem Autokorso in seiner Heimatstadt Kaiserslautern Ursula Schulz

Karl Mildenberger steht beim Empfang im Schatten von Emil Schulz

Begleitet wird Emil Schulz bei dem Auto-Korso von Karl Mildenberger, jenem anderen großen Box-Sohn der Stadt Kaiserslautern. Mildenberger verteidigt als Profi, parallel zu den Olympischen Spielen, seinen Europameistertitel gegen den Italiener Amonti. Seine Gage an jenem Abend beträgt 50.000 DM. Doch in diesem Moment gilt die Aufmerksamkeit alleine Emil Schulz. Jenem Mann, der mit Mildenberger in einer legendären Lauterer Boxstaffel kämpfte, sich trotz lukrativer Angebote gegen den Weg in das Profitum entschied und dennoch einen festen Platz in der Boxgeschichte einnimmt.

In den offiziellen Unterlagen sind für Schulz 223 Kämpfe vermerkt, von denen lediglich 21 verloren gingen. Aus dem Start-Ausweis, den seine Frau Ursula aufbewahrt hat, ergeben sich sogar noch ein paar mehr. "Das ist unwahrscheinlich gut", blickt Erwin Braun zurück, der selbst nur 15 Kämpfe verlor, aber eben auch nur knapp die Hälfte an Fights absolvierte. Er hat mit Schulz einst in der Staffel geboxt und seinen Werdegang von frühester Jugend an begleitet.

"Boxen heißt Fechten mit der Faust"

Begonnen hat alles in Kaiserslautern. Richard Mildenberger, der Onkel des großen Karl, selbst Berufsboxer, ist es, der sie als Jugendliche zum Boxen bringt. Eine Gruppe um eben jenen Karl Mildenberger, Erwin Braun und die Schulz-Brüder Emil, Horst, Heiner und Günther, die sich in Kaiserslautern mit den spärlichen Bedingungen der Nachkriegszeit und beim FCK mit der Bevorzugung der Fußballer arrangieren müssen. Zeitweise wird auf dem Rasen des "Betze" trainiert. In der Regel zwei Mal die Woche, gekämpft wird später bereits alle 14 Tage gegen die Staffeln aus der Region.  In der Ausbildung legt man Wert auf einen technisch sauberen Boxstil. Es gilt die Devise: "Boxen heißt Fechten mit der Faust".

Der Leberhaken als Spezialität

Ihr sportliches Zuhause finden die Nachwuchsathleten in einer Landwirtschaftshalle, wo ansonsten Viehversteigerungen stattfinden. Wenn Emil Schulz hier antritt, fordert das Publikum gerne schon vor Kampfbeginn den Leberhaken, seine Spezialität, ein. Walter Freitag, der jahrelange Leiter der Boxabteilung, erinnert sich heute noch daran, wie die Halle in ein "Emil, hauem uff die Lewwer" einstimmte. Obwohl die Veranstaltungen mit bis zu 1.500 Zuschauern gut besucht sind, bleiben die Sportler Amateure. "Im Verein gab es 10 Mark und ein Essen nach den Kämpfen, bei der Nationalmannschaft gar nichts", ergänzt Braun mit einem Lachen.

Färber in der Kammgarn-Spinnerei

Bei diesem finanziellen Background lässt sich leicht nachvollziehen, dass es neben dem Sport ein bürgerliches Leben geben muss. Emil Schulz hat niemals einen Beruf richtig erlernt. Zunächst arbeitet er bei einer Molkerei, später als Färber in der Kaiserslauterer Kammgarn-Spinnerei, deren Direktor Hans Adolff dem Boxer auch die ein oder andere Unterstützung in Form von Freizeit und Trainingsmöglichkeiten gewährte. Seine Frau Ursula betreibt 26 Jahre lang einen Kiosk. Als es seinerzeit wegen einer Nichtigkeit zu einem Streit mit einem Kunden kommt und dieser nach ihrem Mann schlägt, ist es auch um das Gemüt des sonst so ruhigen Mannes geschehen. Nur mit Mühe kann sie ihn davon abhalten, zum Gegenangriff anzusetzen, denn sie weiß, dass die Fäuste eines Boxers strafrechtlich als Waffe interpretiert werden können.

Gesamtdeutsche Mannschaft – trotz des Baus der Berliner Mauer

Mit der Zeit macht Schulz als Boxer überregional auf sich aufmerksam, kämpft mit der deutschen Staffel unter anderem hinter dem "Eisernen Vorhang", in Nigeria und der Elfenbeinküste und schafft es, sich 1964 für die Olympischen Spiele im ökonomisch runderneuerten Tokio zu qualifizieren. Deutschland tritt trotz des Baus der Berliner Mauer drei Jahre zuvor mit einer gesamtdeutschen Mannschaft an. Schulz und seine Kameraden schert der politische Hintergrund jedoch wenig.  Einzig die Tatsache, dass sich die ostdeutschen Boxer ein paar Tage in die Berge zurückziehen, bringt den Trainingsplan durcheinander, da es an geeigneten Sparringspartnern fehlt.

Der Olympia-Pass von Emil Schulz (Foto: Ursula Schulz)
Der Olympia-Pass von Emil Schulz Ursula Schulz

Doch als das olympische Box-Turnier losgeht, liefert Emil Schulz direkt ab. Im Mittelgewicht treten 20 Kämpfer aus 20 Ländern an. Sein erster Gegner ist der Engländer Stack. Er gewinnt den Kampf nach K.o., zieht sich aber eine Schwellung an der linken Schlaghand zu. Ein deutliches Handicap für den als Rechtsausleger boxenden Lauterer, der das weitere Turnier unter der Einnahme von Schmerzmitteln bestreiten muss. Den Rumänen Monea, immerhin Bronzemedaillengewinner der Spiele von Rom vier Jahre zuvor, besiegt er deutlich nach Punkten.  Im Kampf gegen den Italiener Valle passiert es dann. Beim Versuch einen seiner gefürchteten Leberhaken zu setzen, prallt die eh schon lädierte linke Schlaghand mit voller Wucht an Valles Ellenbogen. Die Hand bricht dennoch nicht, er qualifiziert sich für das Finale gegen den Russen Wladimirowitsch Popentschenko aus dem usbekischen Taschkent. Den Boxern aus dem Ostblock eilt der Ruf voraus, dass sie hauptsächlich nach der Methode "Drängen, schlagen, zerquetschen" kämpfen. Popentschenko, groß, blond, mit breiten Backenknochen und einem verschmitzten Charme unterscheidet sich hier. Als Rechtsausleger mit sauberer Technik nutzt er den Vorteil seiner überlangen Arme und boxt sich überlegen in die Endrunde

Der Olympia-Pass 1964 von Emil Schulz (Foto: Ursula Schulz)
Der Olympia-Pass 1964 von Emil Schulz Ursula Schulz

"Der Emil war ein harter Hund"

Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates sprach dem Boxen einst ab, ein Sport zu sein. Es fehle das spielerische Element. Getreu dem Motto: Boxen spielt man nicht. Vielleicht auch deshalb antwortet Schulz‘ ehemaliger Weggefährte Erwin Braun auf die Frage, ob man mit einer Verletzung an der Schlaghand überhaupt noch kämpfen könne, trocken: "Der Emil war ein harter Hund."

Das Finale wird eine einseitige Angelegenheit

Das Finale wird trotz der Nehmerqualitäten von Schulz eine einseitige Angelegenheit. Vor 4.000 Zuschauern schickt Popentschenko ihn bereits in der ersten Runde nach 60 Sekunden auf die Bretter. Er schafft es zwar wieder auf die Beine, ist aber kaum in der Lage, den darauf folgenden Schlagserien des Russen auszuweichen. Ein harter Kinnhaken schickt den Lauterer erneut zu Boden. Nochmals, bereits mehr im Unterbewusstsein agierend, richtet sich Schulz auf. Der italienische Ringrichter tut nun das einzig Richtige und nimmt den taumelnden und verteidigungsunfähigen Boxer aus dem Kampf. Noch Minuten danach liegt der Deutsche Meister in der Kabine und muss sich von den harten Treffern seines Gegners erholen. Der Finalsieg Popentschenkos verschafft dem Russen in seiner Heimat bis in die postsowjetische Zeit einen solchen Ruhm, dass sein Leben in diesem Jahr filmisch verewigt wurde

Tokio 1964 ist zweifellos der Höhepunkt von Emil Schulz‘ Karriere. Er ist im Zenit angekommen. Doch anschließend geht es gesundheitlich bergab. Er erkrankt kurz nach dem olympischen Turnier an einem Lungenleiden. Es dauert lange bis er wieder genesen ist.

Nun unterstützt Schulz Karl Mildenberger

Eine Zeit lang muss Emil Schulz in die Reha nach Heidelberg-Rohrbach. Am Nachmittag des 10. September 1966 holt ihn Walter Freitag dort mit dem PKW ab. Sie fahren nach Frankfurt. In der Festhalle kämpft Karl Mildenberger um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht gegen Muhammad Ali. So wie ihn Mildenberger beim Empfang aus Tokio begleitete, unterstützt Schulz nun seinen alten Kameraden aus der Lauterer Staffel vom Rand des Boxrings.

Die Lungenerkrankung kostet ihn letztlich auch seine Form. Ein paar Jahre später tritt er noch ein paar Runden im Schwergewicht an. Er nimmt es nun nicht mehr ganz so genau mit dem Kampfgewicht. Seine große Zeit ist vorbei und so schickt er seine drei Kinder bisweilen los, um ihm ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte zu organisieren. 1971 erringt er für seinen FCK seine zwölften und letzte Südwestmeisterschaft. Dazu kommen fünf deutsche Meistertitel, das silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland und die Auszeichnung zum Ehrensportler des 1. FC Kaiserslautern. Und eben jenes japanische Olympia-Silber. Fantastische Erfolge, auf die Schulz bei seinem Karriereende zurückblickt.

Erkrankung an Demenz

Verschiedene Studien besagen, dass über 80 Prozent der Boxer im Laufe ihres Lebens irgendeine Art von Kopfverletzung erleiden. Als Muhammad Ali 1996 in Atlanta das olympische Feuer entzündet, wird seine Parkinson-Erkrankung für die ganze Welt sichtbar.

Emil Schulz erkrankt an Demenz. Seine Frau Ursula Schulz ist mittlerweile 79 Jahre alt. An ihrer linken Hand trägt sie den Ehrenring, den der 1. FC Kaiserslautern nur an ausgewählte Sportler, wie zum Beispiel an die Meisterelf der Roten Teufel von 1951, vergeben hat. Sie erinnert sich an einen Apothekenbesuch, bei dem sie ihren Mann einen Moment zu lange aus den Augen lässt. Emil Schulz verschwindet in der Stadt. Nach langer Suche findet Ursula Schulz ihren Emil an der Röhmschule. Jenem Ort, an dem er jahrelang die Lauterer Boxjugend trainierte. Die Auswirkungen der unheilbaren Krankheit lassen sich nun nicht mehr übersehen. Am 22. März 2010 stirbt Emil Schulz in seiner Heimatstadt. Ab 2011 würdigt der Verein seine Verdienste um den Boxsport und trägt auf Initiative von Walter Freitag jährlich ein Gedächtnisturnier aus.

"Alles musste man ihm aus der Nase ziehen"

So lebt sein Vermächtnis weiter - wie auch durch die Erinnerungen von Zeitzeugen. Schulz‘ Frau Ursula denkt gerne zurück an ihren bodenständigen Mann. Er stand eben nicht gerne im Mittelpunkt und habe auch nicht viel Aufheben um seine Person gemacht. Alles musste man ihm aus der Nase ziehen", erzählt sie. Selbst auf dem Festakt, den der FCK auf dem "Betze" anlässlich seines 70. Geburtstages veranstaltet, lässt er lieber andere sprechen.

Das ändert nichts an der großen Bindung und Vertrautheit der beiden Eheleute. Als sich nach dem Erfolg von Tokio die ein oder andere weibliche Verehrerin auf dem Postweg meldet , macht sich Ursula Schulz keine Sorgen. Auf einem Foto zum 70. Geburtstag sieht man, wie sie seine rechte Hand mit ihren beiden Händen fest umschließt. Beide geben einander Halt. Vielleicht auch deshalb klingt es authentisch, wenn sie, mit einem wohligen Schmunzeln auf den Lippen, sagt, dass sie ihrem Mann stets vertraute.

Und auch Erwin Braun denkt noch oft an seinen Jugendfreund. Er versucht, alle 14 Tage auf dem Kaiserslauterer Hauptfriedhof zu sein. Er macht dann stets die Runde, legt seine Hand auf den Grabstein von Emil Schulz und findet ein paar nette Worte. Eines sagt er ihm dabei immer wieder aufs Neue. Nämlich: "Das in Tokio, Emil. Das hast du wirklich sehr gut gemacht."

AUTOR/IN
STAND