Die Extremsportlerin Jacqueline Fritz hat auf einem Bein die Alpen überquert (Foto: SWR)

Bergsteigen | Porträt Extremsportlerin Jacqueline Fritz - ein Bein, ein Berg, ein Traum

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Jacqueline Fritz ist 32 Jahre alt und Extremsportlerin. Die Pfälzerin besteigt Berge, hat die Alpen überquert und lässt sich auch von Eis und Schnee nicht abschrecken.

Sie war 15, liebte den Sport und die Bewegung, als ein einfacher Bänderriss ihr Leben brutal veränderte. Ein Behandlungsfehler, der sie ihre Jugend kostete. Denn sie verbrachte mehr Zeit in Krankenhäusern als zu Hause. Sieben Jahre versuchte sie verzweifelt, ihren Fuß zu retten. Doch vor zehn Jahren war die Amputation die einzige Option – die sie trotzdem fast das Leben kostete. Denn Jacqueline Fritz litt, hatte Schmerzen und keinen Lebensmut mehr. Die Gedanken an die schwerste Zeit ihres Lebens sind heute noch präsent: "Da hatte ich eigentlich keinen Grund mehr zu leben und wollte mir das Leben nehmen. Wenn ich dann schaue, was ich alles erreicht habe in den letzten zehn Jahren, ist das schon verrückt. Ich bin froh, dass ich damals mich fürs Leben entschieden habe."

Jacqueline Fritz und die Berge

In den vielen Rehas, die nach der Amputation folgten, hat sie die Liebe zu den Bergen und zum Klettern entwickelt. Inzwischen klettert sie in der Para-Nationalmannschaft, erreichte bei der WM den siebten Platz. Vor zwei Jahren lief sie auf Krücken von Garmisch-Partenkirchen nach Meran – 312 Kilometer, 35.000 Höhenmeter. Im vergangenen Jahr bestieg sie die sogenannten Seven Summits des Stubaitals – sieben Berge, 2.500 bis 3.500 Meter hoch. Und jetzt hat sie eine neue Herausforderung für den Winter gefunden: eine Skitour.

Skifahren auf einem Bein

Die einzige Krux: Jacqueline hat noch nie auf Skiern gestanden. Nicht vor der Amputation, danach erst recht nicht. Eigentlich hasste sie den Winter mit Kälte, Eis und Schnee. Die Arme auf zwei Krücken mit kleinen Kufen gestützt - und auf einem einzelnen Ski stehend beginnt sie im Januar mit dem Projekt.

Täglich trainiert sie am Achensee in Tirol - lernt wie sie richtig stürzt und alleine wieder aufsteht, wie sie Teller- und Schlepplift übersteht und wie sie große und kleine Schwünge fährt. Alles verbunden mit blauen Flecken, Schrammen aber auch viel Freude über die schnellen Fortschritte. Schließlich meistert sie auch die Steilhänge auf der Piste – die Tour kann kommen.

Die Extremsportlerin Jacqueline Fritz hat auf einem Bein die Alpen überquert (Foto: SWR)
Die Extremsportlerin Jacqueline Fritz hat auf einem Bein die Alpen überquert

Das Ziel: die Skitour

In der Nacht vor der großen Tour schläft die Pfälzerin dann doch nicht so gut. Die Aufregung ist zu groß. Auf der Strecke verfliegt die dann schnell. Wie Jacqueline sich auf dem Tourenski und mit Krücken den Berg hoch schiebt - erstaunlich. Ein unglaublicher Kraftakt über Eisplatten und Tiefschnee, den man der Sportlerin nicht im Geringsten ansieht. Vielleicht ist es das fantastische Panorama rund um den Achensee in Österreich, vielleicht das wunderschöne Wetter, vielleicht auch das Adrenalin, das die gelernte Grafikdesignerin beim dreistündigen Aufstieg pusht.

Oben angekommen ist der Respekt vor der Abfahrt doch noch mal da. Erstmals im Gelände im Tiefschnee, das ist neu für sie. Aber sie sagt: "Das ist mein Traum. Und um Träume zu verwirklichen, muss man Dinge machen. Ich habe da jetzt Bock drauf." Am Anfang noch etwas unsicher, kämpft sich die 32-Jährige den Berg herunter, kommt immer besser in Schwung und meistert als erste Frau auf Krücken eine Skitour. Zurecht ist sie stolz und will mit ihrer Aktion ein Vorbild sein: "Ich will Mut machen und motivieren, dass das Leben weiter geht. Auch wenn man mal einen Unfall hat oder einen Rückschlag, gibt es ganz viele tolle, spannende Sachen, die man machen kann."

Am Ende schaut sie noch mal auf den Berg, den sie gerade bezwungen hat, und lächelt. Jacqueline Fritz ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auf einem Bein doch sehr gut stehen kann - und sogar Skifahren.

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