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Seit dem 28. März 1971 gibt es das "Tor des Monats" in der ARD Sportschau. Auch aus dem Südwesten gab es eine Vielzahl an Gewinner und Gewinnerinnen, die mit akrobatischen, spektakulären, wichtigen oder sogar zeithistorischen Treffern glänzten. SWR Sport stellt einige davon vor. Heute: Die "Unsung Heroes", die unbekannten Helden am Beispiel Karlheinz Kwolek.

Faszination Fallrückzieher. Viele der ganz großen Stars haben ihn perfekt zelebriert und damit Preise abgeräumt, unvergessen sind vor allem die legendären Flug-Shows von Klaus Fischer oder Jürgen Klinsmann.

Auch gewiefte Amateurfußballer sind erfolgreich durch die Luft gesegelt und konnten den Ball per Fallrückzieher im Netz versenken. Bestes Beispiel: Karlheinz Kwolek. 41 Jahre ist es her, dass der Mittelstürmer des damaligen Verbandsligisten 1. FC Pforzheim mit seiner faszinierenden Einlage sogar zum Torschützen des Monats wurde.

Lebenslänglich Torschütze des Monats


Und noch heute ist dieses Tor des Monats aus dem September 1979 für ihn wie ein Persönlichkeitsstempel. Selbst seine E-Mail-Adresse beginnt mit "khktdm79". Soll heißen: Karlheinz Kwolek, Torschütze des Monats 1979. Der 69-Jährige lächelt immer wieder verschmitzt, wenn er im Interview mit SWR Sport über das damalige Ereignis erzählt. Und er ist auch heute noch zurecht stolz auf sein sensationelles Tor im Trikot des 1. FC Pforzheim.

Damals im DFB-Pokal, am 29. September 1979 im Münchner Stadion an der Grünwalder Straße. "Ich bin oft in München", sagt Karlheinz Kwolek, dessen Tochter in der bayerischen Metropole lebt, "und wenn ich dann am Stadion vorbeifahre, dann kommen immer wieder die Erinnerungen hoch". Auch auf den Fußballplätzen rund um Karlsruhe und Pforzheim wird er als Zuschauer immer noch auf seinen Volltreffer angesprochen: "Da werden dann die Storys ausgepackt, man sitzt zusammen und erzählt", freut sich Kwolek über sein 'lebenslänglich' als Torschütze des Monats.

Ein Fallrückzieher gegen die Bundesliga-Profis von 1860 München

Rückblende: Die Verbandsliga-Kicker des 1. FC Pforzheim waren an jenem 29. September 1979 zu Gast beim ruhmreichen TSV 1860 München. Die Bundesliga-Profis der Löwen gewannen das Zweitrunden-Duell gegen die Amateure zwar standesgemäß mit 6:1, doch den Treffer des Tages hatte ausgerechnet ein Pforzheimer abgefeuert: Karlheinz Kwolek sorgte mit seinem Sensations-Tor für den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich. Die Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Was ein Kunststück.

"Ach du Schande, der ist ja drin..."

Karlheinz Kwolek hatte den Ball per fulminantem Fallrückzieher unter die Münchner Latte gezimmert. "Der Hans Gawliczek schlug eine Flanke von rechts hoch in den Strafraum, der Ball hüpfte vor mir auf, ich nahm ihn mit der Brust, drehte mich und schoss", erinnert sich der einstige Strafraum-Stürmer auch heute noch haargenau an die spektakuläre Szene.

"Als ich mich umgedreht habe, sah ich es und dachte 'ach du Schande', der ist ja im Tor. Der hat genau unter die Latte gepasst." Zur Pause stand es Unentschieden: "Das war schon eine kleine Sensation, aber ab der 60. Minute haben uns Flohe und Kapellmann dann nieder gemacht. Da hatten wir keine Chance mehr."

Der sehenswerte Fallrückzieher des Pforzheimers wurde prompt zum Tor des Monats gewählt. Ein paar Wochen später, im Oktober 1979, fuhr Karlheinz Kwolek zur Sportschau-Sendung nach Köln, um die begehrte Medaille vom damaligen Moderator Manfred Vorderwülbecke entgegenzunehmen. Für den Stürmer "eine unvergessliche Sache".

Der erfolgreiche Amateur-Torjäger aus Mutschelbach

Karlheinz Kwolek ist in der Nähe von Karlsruhe, im Karlsbader Ortsteil Mutschelbach, aufgewachsen, wo er auch heute noch mit seiner Familie lebt. Schon mit 18 Jahren hatten ihn die Späher des Karlsruher Traditionsvereins KFV entdeckt und den talentierten Stürmer von der Kreisliga in die 1. Amateurliga geholt, damals die dritte Liga in Deutschland.

Und der junge Kwolek lieferte Tore am Fließband. Allein 38 in der Saison 1973/74. Ein überragender Toremacher bei den Amateuren. Später wechselte er nach Pforzheim und schoss sich dort in die Fernseh-Annalen des legendären Tor des Monats.

Zweiter beim "Tor des Jahres"

Beinahe übrigens wäre Karlheinz Kwolek sogar Torschütze des Jahres 1979 geworden. Am Ende musste sich der damals 27-Jährige nur knapp dem Frankfurter Harald Nickel geschlagen geben. Kwolek wurde Zweiter von zwölf Schützen, mit immerhin 232.000 Stimmen. Noch vor dem Bayern-Superstar Karlheinz Rummenigge auf Platz drei.

Karlheinz Kwolek wurde nie Profi

Zum Fußball-Profi wurde Karlheinz Kwolek, der noch immer rüstig auf dem Tennisplatz des TC Mutschelbach steht, übrigens nie. Zwar gab es immer wieder Anfragen von höherklassigen Vereinen, nach seinem Tor des Monats sogar aus den USA. Letztlich war dem Torjäger aber die berufliche Ausbildung wichtiger. Neben seinem Studium baute sich Kwolek beim Badenwerk, der heutigen EnBW, eine langfristige Perspektive auf. Er hat es nicht bereut: "Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe."

Noch mehr "Unsung Heroes" aus dem Südwesten

Karlheinz Kwolek ist übrigens nicht der einzige Amateur-Fußballer aus dem Südwesten, der zum Tor-des-Monats-Helden wurde. Im Juli 1971 beispielsweise gewann ein gewisser Peter Braun vom SV 09 Fraulautern mit seinem Volleyschuß im DFB-Pokal gegen den FC Homburg.

Wie Karlheinz Kwolek war auch Alfred Volk vom FV Speyer im August 1973 in der Regionalliga Südwest per Fallrückzieher erfolgreich. Im März 1987 schoss sich der Regionalligaspieler Karl Dubois von Eintracht Trier aus der Distanz zum Torschützen des Monats. Und Christian Telch träumt sicher noch immer von seinem Supertreffer im Oktober 2015. Auch er traf für Trier in der Regionalliga.

Jugendspieler als Torschützen des Monats

Auch Jugendspieler aus dem Südwesten holten sich im Laufe der 50 Jahre ihre glänzende Tor-des-Monats-Medaille ab: Im Juli 1979 gewann Wolfgang Dienelts Kopfball, er spielte für die A-Jugend der Stuttgarter Kickers. Im Juni 1983 siegte Gerhard Pohl vom VfB Stuttgart per Volleyschuss.

Ihnen allen blieb zwar die große Fußballer-Karriere versagt. Immerhin aber wurden sie mit ihren Toren des Monats zu sogenannten "Unsung Heroes", zu unbekannten Helden. Gewinner für einen Monat - oder doch lebenslang? Karlheinz Kwoleks Geniestreich von München jedenfalls bleibt auch 41 Jahre danach in und um Fußball-Pforzheim unvergessen.

Mainz

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