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Dr. Valentin Z. Markser ist der wohl bekannteste Sportpsychiater Deutschlands. Er behandelte Fußball-Nationaltorwart Robert Enke und setzt sich für die seelische Gesundheit im Spitzensport ein. Im SWR Sport-Interview sagt er, was die Corona-Krise mit den Athleten macht.

SWR Sport: Die Olympischen Spiele in Tokio werden auf 2021 verschoben. Das große Ziel, auf das viele Athleten hin trainiert hatten, ist zunächst weg. Überhaupt ist unklar, ob in den nächsten Monaten noch Wettkämpfe stattfinden können. Was macht diese Situation mit den Leistungssportlern?

Markser: Jede Unterbrechung des intensiven körperlichen Trainings bedeutet eine Umstellung des ganzen Organismus mit Stoffwechsel und Hormonen, die durch das Training auf einem bestimmten Level gehalten werden. Die haben Einfluss auf das Befinden und die Stimmung des Athleten. Das Ganze gerät jetzt aber ins Ungleichgewicht. Das ist wie nach Verletzungen. Wenn Sportler nach Verletzungen nicht mehr trainieren können, beobachten wir häufig depressive Verstimmungen oder verstärkte Symptome, die sowieso jeder als Anfälligkeit mit sich führt. Die Athleten sind nicht nur anfällig für körperliche Beschwerden, sondern auch für seelische Beeinträchtigungen.

Viele Leistungssportler sind es gewohnt, regelmäßig zu performen - häufig vor vielen Fans. Jetzt sind sie plötzlich allein auf sich geworfen. Was heißt das für die Sportler?

Den Sportlern fehlt das körperliche Auspowern. Sie können ja nicht mehr trainieren, da die Sportstätten geschlossen sind. Fast alles, was für sie selbstverständlich war, ist auf einmal weg. Das gewohnte Umfeld ist plötzlich nicht mehr da. Viele Athleten sind darauf angewiesen, dass sie persönliche Kontakte zu Physios, Leistungsdiagnostikern oder Teamkollegen haben. Die fehlen jetzt. Das Wettkampferlebnis ist weg, also die Bestätigung durch Erfolge, der Applaus von den Fans. Werbeverträge werden in Frage gestellt. Das Schlimme: Es trifft die Athleten völlig unvorbereitet. Der Leistungssport ist ein System, das viele Abhängigkeiten schafft.

Der Sportler ist also plötzlich auf sich allein gestellt?

Ja. Die meisten Sportler delegieren alles, was die Konzentration auf das Training oder den Wettkampf stören könnte, an andere. Oder es wird ihnen von ihren Verein oder ihrem Umfeld abgenommen. Entsprechend ist eine solche Krise für viele Sportler eine Katastrophe. Es ist eine brutale, unvorbereitete Begegnung mit sich selbst. Viele Sportler haben sich so einseitig auf ihre Wettkampfpersönlichkeit konzentriert, dass sie viele andere Seiten ihrer Persönlichkeit vernachlässigt haben. Sie können sich nicht mehr auf das verlassen, was sie eigentlich können, nämlich körperliche Leistung zu erbringen. Das nagt am Selbstwertgefühl des Athleten. Das gesamte System gerät plötzlich ins Wanken.

Sportpsychiater Valentin Z. Markser (r.) neben Teresa Enke, Ehefrau des verstorbenen Robert Enke während der Pressekonferenz 2009. (l. Hannover-Pressesprecher Andreas Kuhnt). (Foto: Imago, imago images / Rust)
Sportpsychiater Valentin Z. Markser (r.) neben Teresa Enke, Ehefrau des verstorbenen Robert Enke während der Pressekonferenz 2009. (links Hannover-Pressesprecher Andreas Kuhnt). Imago imago images / Rust



Aber Sportler sind doch in der Regel mental gut trainiert?

Das stimmt. Viele Sportler wissen, wie man mit Unwägbarkeiten umgeht. Das wissen Wintersportler, Leichtathleten oder Segler genau. Sie sind häufig abhängig von Wetterverhältnissen. Sie können lange Zeit vieles verdrängen. Aber wenn diese Phase zu lange dauert, dann können bei seelisch anfälligen Athleten (zum Beispiel bei in der Kindheit traumatisierten Sportlern) Krisen auftreten.

Fehlt vielen Sportlern in der jetzigen Corona-Krise plötzlich der Sinn?

Das kann der Fall sein. Viele Sportler haben eine Identität, die sich weitgehend während der Sportkarriere auf die körperliche Leistung oder den Erfolg gründet. Das fällt jetzt alles weg. Wir haben in unserem Sportsystem aber kein Bewusstsein für die Verantwortung und die Sorge um die seelische Gesundheit.

Worauf sollten Leistungssportler in dieser Zeit achten, um nicht in ein mentales Loch zu fallen?

Sie sollten auf jeden Fall weiter trainieren, soweit es möglich ist. Sie sollten soziale Kontakte pflegen, sie sollten mit ihrem Trainer und Betreuer in Kontakt bleiben. Aber sie können auch diese Krise nutzen, um sich möglicherweise breiter aufzustellen. Es ist immer sinnvoll, nicht nur eine Wettkampfpersönlichkeit zu entwickeln, sondern eine Gesamtpersönlichkeit. Dazu zählen nicht nur körperliche Talente, sondern auch soziale und emotionale Kompetenzen, vielleicht auch künstlerische Fähigkeiten. Denn Sportler leben permanent mit der Bedrohung, durch eine Verletzung zum Karriereende gezwungen zu werden.



Was wünschen Sie sich als Sportpsychiater für unser Sportsystem?

Unser Ziel ist, die Athleten dazu zu bewegen, ab Karrierebeginn Verantwortung nicht nur für ihre körperliche, sondern auch für ihre seelische Gesundheit zu übernehmen und das nicht anderen zu überlassen. Wenn die Vereine klug sind, kümmern sie sich - nicht nur in dieser Krisenzeit - nicht nur um die physische, sondern auch um die seelische Gesundheit ihrer Sportler. Ich würde mir wünschen, dass die Sportler eine solche gesamtmedizinische Betreuung stärker einfordern - und das beinhaltet eine sportpsychiatrische Beratung.

Hat der deutsche Fußball die Bedeutung der Sportpsychiatrie erkannt?

Ich saß fast zehn Jahre im Kuratorium der Robert-Enke-Stiftung. Dies ist eine Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Mir ist es aber nicht gelungen, den DFB zu überzeugen, dass sportpsychiatrische Inhalte ein Bestandteil der Trainerausbildung sein sollten. Dafür sind nach wie vor Sportpsychologen zuständig. Die brauchen wir unbedingt im System. Aber ohne die Zusammenarbeit mit Sportpsychiatern wird vorwiegend Leistungsoptimierung gestärkt und seelische Gesundheit vernachlässigt.

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