Eine Eckfahne mit dem Logo des VfB Stuttgart in Regenbogenfarben (Foto: IMAGO, Sportfoto RUDEL)

Sport und Menschenrechte | Meinung

Die USA-Reise des VfB Stuttgart: Das Dilemma der Sportler

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Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist (Foto: SWR)

Viele Sportler kritisieren im Vorfeld der Fußball-WM die Menschenrechtsverletzungen in Katar. Was ist mit Missständen in anderen Ländern? Der VfB Stuttgart reist nach Texas/USA. Dort werden in diesen Tagen Straftäter hingerichtet. Was tun, fragt SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller.

Am Montag geht’s los. Der VfB-Tross macht sich für eine Woche auf nach Austin, Hauptstadt des US-Bundesstaats Texas. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat sich den VfB (und den 1. FC Köln) ausgeguckt, um die Bundesliga auf dem amerikanischen Markt zu repräsentieren: Teambuilding, Training, PR-Termine und ein Testspiel. Das klingt zunächst mal nach einem tollen, entspannten Ausflug.

Aber: Einfach mal so in den Flieger steigen und abdüsen, das funktioniert heute nicht mehr so wie früher. Wer in diesen Tagen eine Reise tut, sollte sich im Vorfeld gut überlegen, mit welcher Haltung er sich aufmacht – hinsichtlich der gesellschaftlichen Verhältnisse im Zielland. Denn die deutsche Öffentlichkeit schaut aufmerksam hin: Sensibilisierte Fans, Sponsoren und Medien beobachten genau, ob die Werte, denen wir uns verpflichtet fühlen, auch in anderen Ländern eingehalten werden.

Symbole, Zeichen, Proteste

Die Trennung von Sport und Politik hat noch nie funktioniert. Aber in diesen Tagen habe ich den Eindruck, dass die Politik den Sport immer mehr für sich vereinnahmt. Es wird gekniet, Stadien werden in Regenbogenfarben beleuchtet, Gedenkminuten eingelegt, Transparente hochgehalten oder Sporttextilien mit politischen Botschaften präsentiert. Ultras rufen zu einem WM-Boykott auf, Kapitäne der Nationalteams werden in Katar mit der "One Love"-Binde auflaufen.

 

Thomas Müller und Nico Schlotterbeck knien auf dem Rasen in Allianz-Arena München als Statement für Menschenrechte (Foto: IMAGO, Schüler)
Nationalspieler Thomas Müller kniet für Menschenrechte Schüler

Englands Nationalcoach Gareth Southgate unterstützt Äußerungen seiner Spieler zu den politischen Missständen in Katar ausdrücklich: "Wenn wir ein Licht leuchten können auf Dinge, die anders sein sollten, dann haben wir die Verantwortung, genau das zu tun." Fußballprofis als moralische Lichtgestalten.

Überforderung

Grundsätzlich gefällt es mir, wenn Athleten nicht nur an ihren Sport denken, sondern sich auch mit Themen jenseits des Rasens oder der Turnhalle beschäftigen. Aber inzwischen habe ich den Eindruck, dass wir die Erwartungen an sie zu hoch hängen. Ich befürchte, wir überfordern den Sport und die Athleten mit unserer Haltung, sie müssten sämtliche Missstände dieser Welt benennen.

By the way: Was ist eigentlich mit den Wirtschaftsunternehmen, die durch ihren Handel mit diesen Ländern hohe Gewinne einstreichen? Warum sind von ihnen keine politischen Statements zu hören? Warum hüllt sich die Politik bei bestimmten Themen und Ländern in Schweigen?

Nicht jede(r) will politische Statements abgeben

Im Übrigen gibt es auch viele Athletinnen und Athleten, die keine politischen Statements abgeben wollen. Sie möchten nicht im Nebenberuf als Gesellschafts-Aktivist auftreten. Bahnrad-Olympiasiegerin Miriam Welte hat es immer vermieden, sich "in irgendeine politische Richtung oder zu politischen Statements drängen zu lassen."

Die Kritik an der Fußball-WM und an Gastgeber Katar fällt uns Deutschen relativ leicht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Profis wissen, dass sie hierzulande reichlich Applaus dafür bekommen. Politische Positionen zu vertreten, die ohnehin schon einen breiten Rückhalt in unserer Gesellschaft haben, ist nicht die schwerste Übung.

Was aber passiert, wenn Profis unbequeme und nicht mehrheitsfähige Standpunkte vertreten? Frag nach bei Joshua Kimmich. Der Nationalspieler wurde nach seiner geäußerten Skepsis hinsichtlich der Corona-Impfungen öffentlich an den Pranger gestellt.

Wann mache ich meinen Mund auf?

Wie mutig sind die Akteure, wenn es um den eigenen Geldbeutel, um Missstände in befreundeten Staaten oder um weniger populäre Themen geht?
 
Müssten die Fußballklubs nicht auch die Reiseziele ihrer Winter-Trainingslager hinterfragen? In den kommenden Monaten werden Katar (Bayern München), die Vereinigten Arabischen Emirate (RB Leipzig) oder Indonesien (Bor. Dortmund) angeflogen. Staaten, die durchaus Nachholbedarf in Sachen Menschenrechte haben. Sind Reisen in diese Länder politisch korrekt?

Todesstrafe in den USA

Den VfB Stuttgart zieht es jetzt also für eine Woche in die USA, in den Bundesstaat Texas. In der texanischen Stadt Huntsville starb am vergangenen Mittwoch Tracy Beatty im Gefängnis. Dem 61-Jährigen, der wegen Mordes zum Tode verurteilt wurde, wurde eine Giftspritze injiziert.

Die Todesstrafe wird weltweit von fast allen Staaten geächtet. Sie verstößt eklatant gegen das Menschenrecht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Die USA sind neben Japan und Indonesien das einzige Land der freien westlichen Welt, in dem sie noch praktiziert wird. Aktuell werden in 27 von 50 US-Bundesstaaten Menschen zum Tode verurteilt. Texas ist unrühmlicher Spitzenreiter bei der Anwendung der Todesstrafe. Die Tötung Beattys war bereits die vierte Hinrichtung in Texas im Jahr 2022. Insgesamt warten derzeit etwa 3500 Verurteilte in den Todestrakten von US-Gefängnissen auf ihre Hinrichtung.

Während einer Rede von Barack Obama in Berlin hält ein Zuhörer ein Plakat hoch und fordert ein Ende der Todesstrafe in den USA (Foto: IMAGO, Metodi Popow)
Protest gegen die Todesstrafe Metodi Popow

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International appelliert deshalb an Sportvereine wie den VfB Stuttgart, sich bei Themen wie der Todesstrafe klar zu positionieren. Dies seien gelebte Werte.

Die Suche nach dem richtigen Weg

Was sollen die Verantwortlichen und die Profis des VfB also tun? Sollen sie während eines Empfangs den Gastgebern ins Gewissen reden? Sollen sie beim Training T-Shirts mit Parolen tragen? Sollen die mitgereisten Fans beim Testspiel Banner gegen die Todesstrafe ausrollen?

Oder sollte der VfB-Tross einfach Werbung für den deutschen Fußball, für die Relevanz von Traditionsklubs und eine gute Nachwuchsarbeit machen? Sollten die VfBler, statt öffentlichkeitswirksam politische Botschaften zu platzieren, lieber Kontakte knüpfen und Freundschaften schließen – um vielleicht später in einem geschützten Rahmen auch über Themen wie die Todesstrafe sprechen zu können?

Der VfB Stuttgart ist ein Verein, der sich in vielen gesellschaftlich relevanten Themen wie Nachhaltigkeit, Fairplay, Teilhabe oder Inklusion stark engagiert. Nun muss er auch auf Fragen zu seiner USA-Reise Antworten finden.

Am kommenden Mittwoch soll 260 Kilometer vom VfB-Quartier entfernt der nächste Todeskandidat hingerichtet werden. Stephen Barbee, 55, wird durch eine Giftspritze sterben.