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Seit dem 13. Oktober steht die Corona-Ampel in Mainz auf Rot. Das hat auch im Sport neue Regelungen zur Folge - schon wieder. Wie gehen Fitnessstudios und Sportvereine damit um?

"Die Balance zu halten" sei das Schwierigste, sagt Tine Bechtloff. Dass in Turnvereinen über die Herausforderung des Balancierens gesprochen wird - das scheint naheliegend. Allerdings spricht die 48-Jährige nicht über Turnen, sondern über ihre Herausforderungen im Umgang mit der Corona-Pandemie. Sie ist Vorstandsvorsitzende des Mombacher Turnvereins in Mainz. Und der Balanceakt, den sie seit Monaten vollführt, ist der zwischen den Bedürfnissen der Vereinsmitglieder und der Einhaltung der Corona-Regeln.

Fast 3000 Mitglieder hat der Mombacher Turnverein - die alle zufriedenzustellen, ist eine Herkulesaufgabe. Bei vielen gelingt das gut, zum Beispiel bei Sandra Baumann, die im Fitness-Kurs dabei ist. Sie will natürlich ihren Sport ausüben, sich aber auch sicher dabei fühlen. "Sonst würde ich nicht hingehen", sagt sie, "das ist mir schon wichtig". Einige bleiben den Sportstunden momentan trotzdem lieber fern.

Bechtloff selbst betreut eine Kinderturngruppe, in der die Teilnehmerzahlen stark zurückgegangen seien: "Da sind es im Moment halb so viele Kinder wie vorher, das merkt man schon. Da sind scheinbar immer noch Ängste vorhanden." Aber damit, den Ansprüchen der Mitglieder gerecht zu werden, ist es nicht getan. Denn es gab in den letzten Monaten immer wieder neue Vorgaben zur Bekämpfung der Pandemie, an die sich der Verein halten muss.

Seit dem 13. Oktober steht die Corona-Ampel in Mainz auf der Gefahrenstufe Rot. Das hat für die Sportvereine wieder neue Regeln mit sich gebracht - und für Bechtloff neue Herausforderungen. Derzeit ist Training in Innenräumen auf feste Kleingruppen von maximal fünf Personen beschränkt. Wenn sich die Zusammenstellung der Gruppe ändert, müssen Abstandsregeln eingehalten werden. Bei Gruppen mit mehr als fünf Teilnehmern gilt die Personenbegrenzung von einer Person pro 20 Quadratmeter Fläche.

"Wir haben gedacht, das wäre das Schlimmste"

Die Herausforderungen und Vorgaben sind je nach Sportart unterschiedlich. Und der Mombacher Turnverein zählt über 100 verschiedene Angebote. Schwierig wird es im Kontaktsport, der habe "natürlich am Anfang am stärksten gelitten", sagt Bechtloff. Einfacher sei es bei Stretching- oder Fitnessstunden, weil sich da ohnehin jeder an seinem Platz bewegt. Ein Sonderfall ist hingegen das vereinseigene Fitnessstudio. Hier gab es zunächst Verwirrung darüber, an welche Vorgaben man sich halten sollte: die vom Turnerbund oder die für kommerzielle Fitnessstudios. Denn während Letztere schon früh nach dem Lockdown wieder viele Möglichkeiten boten, hielt sich die Studioleitung in Mombach zunächst an die strengeren Vorgaben des Verbandes. Das führte sogar zu Austritten.

Trotz der verhältnismäßig großzügigeren Regeln haben auch kommerzielle Fitnessstudios mit den Maßnahmen zu kämpfen. Hugo Hofmann betreibt sein Studio in der Mainzer Innenstadt nun schon seit über 30 Jahren - und trotzdem muss er sich derzeit regelmäßig "neu erfinden", sagt er. Als die Studios im Frühjahr als Reaktion auf die steigenden Zahlen geschlossen wurden, sei er zunächst verzweifelt gewesen: "Die ersten drei Monate haben wir gedacht, das wäre das Schlimmste." Das Schlimmste wäre für Hofmann, sein Fitnessstudio nach so vielen Jahren schließen zu müssen.

Neue Regeln gelten vorerst bis zum 06. November

Bisher haben er und sein Team zu jedem Problem Lösungen gefunden. Mit den steigenden Fallzahlen kommen nun aber wieder neue Herausforderungen auf ihn zu: "Wir müssen doppelte Kurse anbieten, wir müssen gucken, dass wir alle Leute unter einen Hut bekommen." Es sei schwierig, die Wünsche aller Mitglieder zu berücksichtigen. Gleichzeitig wecke genau diese Problematik in ihm auch noch einmal neue Motivation: "Ich habe mir gesagt: Ich werde nicht nach Fehlern suchen, sondern überlegen, welche Lösungen ich finden kann, um alles so zu erfüllen, dass die Leute wieder hier trainieren können - und auch gern hierherkommen."

Das scheint Hofmann bisher gelungen zu sein. "Ich trainiere noch gerne und ich fühle mich sicher", sagt Studiomitglied John Hammarkvist, auch wenn es schwierig ist, "nicht an Corona zu denken". Das sei aber auch am Arbeitsplatz oder in der Bahn nicht anders. Weiterhin Sport machen zu können, ist ihm momentan besonders wichtig, "um immer noch klar denken zu können".

Einen klaren Kopf brauchen auch die Studioleiter, um das Hygiene-Konzept korrekt umzusetzen. Die verschärften Regelungen für Fitnessstudios gelten vorläufig bis zum 06. November. Derzeit darf sich nur eine Person pro fünf Quadratmeter Fläche im Studio aufhalten, die Wege müssen gekennzeichnet sein - und zwar so, dass im ganzen Studio ein Mindestabstand von anderthalb Metern eingehalten werden kann. An den Geräten sind es sogar drei Meter und in Umkleideräumen, Duschen und Saunen reicht auch Abstandhalten nicht: Sie dürfen nur noch von Mitgliedern desselben Hausstands gleichzeitig genutzt werden. Seit dieser Woche gilt außerdem die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung. Die Trainierenden würden sich mit der Situation arrangieren und hielten die Regeln weitestgehend ein, sagt Hofmann. Das empfindet auch Klaus-Peter Lehmann, der Studioleiter im Mombacher Turnverein so - auch wenn man gerade den Jüngeren manchmal "ins Gewissen reden" müsse, damit sie die Abstände einhalten und nicht so hart trainieren, dass sie Hilfestellung brauchen.

"Das sind wir den Mitgliedern schuldig"

Sport im geschlossenen Raum mit Corona-Regeln: Es ist für alle Beteiligten ein Balanceakt, der mit viel Aufwand verbunden ist. In Stunden lasse sich nicht bemessen, wie viel mehr Zeit sie seit Pandemiebeginn in den Mombacher Turnverein investiert hat, sagt Tine Bechtloff. Aber es sei "ein wahnsinniger Aufwand", den Sportlern sicheres Training zu gewährleisten. Dass der Mehraufwand bei steigenden Corona-Zahlen irgendwann so groß wird, dass alle Angebote abgesagt werden müssen, kann sie sich nicht vorstellen: "Es ist unsere Aufgabe, Sport anzubieten für unsere Mitglieder. Deshalb werden wir das auf keinen Fall einstellen."

Niemand weiß, welche Einschränkungen der Winter noch bringt. Dass Sport in der Halle oder im Fitnessstudio irgendwann komplett unmöglich wird, ist nicht auszuschließen - so war es es ja bereits im Frühjahr. Doch ob im kommerziellen Fitnessstudio oder im Turnverein: Solange es geht, werden sie Lösungen finden, sodass dort weiter Sport getrieben kann. "Alles was möglich ist, das müssen wir machen", sagt Tine Bechtloff. "Das sind wir den Mitgliedern auch schuldig."

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