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Bei den Fußballprofis der ersten und zweiten Bundesliga sind die meisten Spieler in der ersten Jahreshälfte geboren. Und das ist alles andere als Zufall.

Der frühe Vogel kickt den Ball. Das ist zumindest die logische Schlussfolgerung, wenn man sich in den Nachwuchsmannschaften der deutschen Profivereine umschaut. Denn wer es bis hierhin schaffen möchte, der braucht neben Talent und Ehrgeiz vor allem eines: das richtige Geburtsdatum. Von 42 Spielern der U19 und U17-Mannschaften des VfB Stuttgart sind mehr als die Hälfte in den Monaten Januar, Februar und März geboren - in den Monaten Oktober, November und Dezember ist es hingegen nur einer. Und das hat einen Grund.

Der relative Alterseffekt bevorzugt Frühgeborene

Denn nicht nur in den Jugendmannschaften des VfB Stuttgart sind die Frühgeborenen eindeutig in der Überzahl. Zieht man die Geburtsdaten der U19-Mannschaften der Baden-Württembergischen Erst- und Zweitligavereine heran, ergibt sich ein ähnliches Bild. Von 134 Nachwuchsspielern sind fast die Hälfte in den ersten drei Monaten geboren. Im den Monaten Oktober, November und Dezember sind es gerad einmal 17. Und das ist kein Zufall. Schuld an der ungleichen Verteilung ist der relative Alterseffekt.

Frühgeborene sind weiterentwickelt

Eigentlich müssten die Geburtsmonate der Fußballer relativ gleichmäßig verteilt sein, da der Geburtstag an sich ja wenig über das Talent eines Spielers aussagt. Doch genau hier kommt der relative Alterseffekt ins Spiel. Entscheidend ist der Stichtag für die Einteilung der Nachwuchsmannschaften - meist ist es der erste Januar eines Jahres. So auch in Deutschland. Das bedeutet, dass alle, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember eines Jahres Geburtstag haben, in einem Team spielen. Wer im Januar geboren ist, ist allerdings fast ein Jahr älter als jemand, der im Dezember auf die Welt kommt. Das klingt nach nicht viel, kann aber in der Kindheit und Jugend entscheidend sein. "Die wenigen Monate können reichen, um in der körperlichen Entwicklung deutlich weiter zu sein", sagt Christian Gehrung, Verbandssportlehrer beim Württembergischen Fußballverband. Bei Sportarten wie Fußball, wo auch die Athletik eine wichtige Rolle spielt, ein großer Vorteil.

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Auch bei den Profis macht sich der relative Alterseffekt bemerkbar

Erst im Erwachsenenalter spielt der Geburtsmonat keine Rolle mehr, denn dann ist die körperliche Entwicklung in der Regel abgeschlossen. Dennoch stehen nach Angaben des Instituts für Spielanalyse auch in der ersten Bundesliga deutlich weniger Spieler auf dem Platz, die im letzten Quartal eines Jahres geboren wurden: insgesamt 76 von 430 Spielern. In der zweiten Liga sind mehr als ein Drittel der Spieler im ersten Quartal eines Jahres geboren. Wie kann das sein, wenn der relative Alterseffekt bei den Erwachsenen doch eigentlich irrelevant ist?

Spätgeborene werden in den Nachwuchsteams aussortiert

"Die Frage ist eher: Warum sollte der Effekt im Profi-Bereich nicht mehr da sein?", sagt Hannes Kulok vom Institut für Spielanalyse. "Die Ligen rekrutieren ja größtenteils aus Jugendligen, in denen der Effekt eben vorhanden ist." Und dort sind nun mal deutlich mehr Spieler, die früher geboren wurden. Von den Spätgeborenen hingegen bekommen viel weniger die Möglichkeit, sich über die Jugendteams für die erste Mannschaft zu empfehlen. Deshalb sind sie selbst bei den Profis noch unterrepräsentiert – jedoch in abgeschwächter Form im Vergleich zum Jugendbereich. Die Fußballvereine sind sich der Situation durchaus bewusst. Etwas daran zu ändern, ist nach Ansicht des sportlichen Leiters der Freiburger Fußballschule, Martin Schweizer, jedoch gar nicht so leicht. "Auch im Jugendbereich der Nachwuchsleistungszentren wird Erfolg noch zu oft an Ergebnissen gemessen", sagt Schweizer. "Und Ergebnisse erreicht man mit denjenigen, die am besten sind. Und das sind im Jugendbereich oftmals die, die körperlich am weitesten entwickelt sind."

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Selbst in der Schule gibt es das Phänomen

Nicht nur beim Fußball tritt der relative Alterseffekt auf. Bereits in den 80er Jahren stellte der kanadische Psychologe Roger Barnsley fest, dass bei den nordamerikanischen Eishockey-Profis deutlich mehr Spieler in den ersten Monaten eines Jahres Geburtstag haben. Auch bei anderen Sportarten wie Tennis oder Skifahren ist der Effekt bekannt. Und sogar in der Schule spielt der relative Alterseffekt eine Rolle. Eine Untersuchung in der Schweiz hat gezeigt: Die Kinder, die näher an dem Stichtag zur Einschulung geboren werden, haben größere Chancen, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten.

Biologisches statt kalendarisches Alter als Lösung?

Auch wenn über den relativen Alterseffekt bereits viel bekannt ist - ein Patentrezept dagegen gibt es noch nicht. Der belgische Fußballverband teilt die Nachwuchsmannschaften der Nationalteams beispielsweise nicht nach dem kalendarischen Alter ein, sondern nach dem biologischen. Das zu errechnen ist allerdings noch recht ungenau, sagen Kritiker. Es gibt auch Versuche, den Stichtag zu rotieren. So dass zumindest nicht immer die Januarkinder bevorzugt und die Dezemberkinder benachteiligt werden. Solange sich in Deutschland nichts ändert am Stichtag oder der Altersstrukturen der Jugendteams, gilt für fußballbegeisterte Eltern weiterhin: Die Sommerpause für die Familienplanung nutzen, dann stehen die Chancen für den Nachwuchs schon mal nicht schlecht. Denn wer im Juni gezeugt wird, kommt definitiv im ersten Quartal auf die Welt.

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