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Am 24.03.2020 gab das IOC die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics in Tokio bekannt. Was bedeutete das für die Athleten und Athletinnen? Annika Bruhn (Olympia-Schwimmerin) und Niko Kappel (Paralympics-Kugelstoßer) über besondere Trainingsumstände und Tokio 2021.

"Es ist inzwischen ein Jahr her und gefühlt ist seither trotzdem nichts wirklich passiert", meint Annika Bruhn mit einem leicht wehmütigen Lachen. Sie erinnert sich an den März 2020: Corona war erst seit wenigen Wochen ein Thema - der Ausfall der Olympischen Sommerspiele sei trotzdem bereits zu erwarten gewesen. Die damals 27-jährige Schwimmerin war gerade von einem Höhentrainingslager zurück und in einer sehr guten Form, die ihr für die geplanten Qualifikationswettkämpfe von Vorteil sein sollte - als die Nachricht auch ihren Verein, die Neckarsulmer Sportunion, erreichte: Tokio 2020 sollte um ein Jahr verschoben werden.

"Wir waren zwiegespalten: auf der einen Seite erleichtert über die Gewissheit, dass die Spiele verschoben werden und auf der anderen Seite hieß das - naja, noch ein Jahr länger …"

Annika Bruhn

Psychische Situation war anspruchsvoll

Und dieses eine Jahr länger sollte es in sich haben: das Ziel sei nach wie vor dasselbe gewesen - sich für Olympia zu qualifizieren und dort eine erfolgreiche Zeit zu haben - aber die Umstände machten der zweifachen Olympia-Teilnehmerin gelegentlich einen Strich durch die Rechnung. Zunächst blieben die Schwimmbäder für gut zwei Monate geschlossen. Es wurde an Land trainiert - ohne dem essenziellen Wassergefühl. Dann verabschiedete sich ihr Trainer Hannes Vitense und wurde vollzeitiger Bundestrainer. Sie stand einem Trainerwechsel bevor. Im Dezember 2020 wurde zudem die dort angesetzte Olympia-Qualifikation abgesagt. "Es war ein ständiges Auf und Ab, man wusste nie was passiert. Die psychische Situation war schon anspruchsvoll."

Derzeit sind Trainingsbedingungen für Schwimmer optimal

Dennoch weiß die Rekordschwimmerin die aktuellen Trainingsmöglichkeiten zu schätzen: Die Nutzung der Schwimmbäder ist zurzeit ausschließlich Profisportlern gewährt. Annika Bruhn nimmt daher zwei wesentliche Aspekte dieses ungewohnten Trainingsjahres mit: Eine neue Wertschätzung für die Möglichkeit, ihren Lieblingssport frei ausüben zu können sowie die Flexibilität, die dieses letzte Jahr erforderte.

Vorfreude auf Olympia 2021 hält sich in Grenzen

Ist Olympia 2021 nun ein weiterer Lichtblick? Sollte sich die in Karlsruhe geborene Freistilspezialistin in den nächsten Monaten erneut für Olympia qualifizieren, wäre die Vorfreude trotzdem begrenzt:

Auch die Paralympics stehen Einschränkungen gegenüber

Besonders wird Olympia dieses Jahr definitiv: Für Niko Kappel sind die Paralympics in Tokio der größte Wettkampf der letzten fünf Jahre - nach seiner Goldmedaille bei den Paralympics in Rio 2016 möchte er wieder sein Bestes geben. Dennoch rechnet auch der kleinwüchsige Kugelstoßer mit drastischen Einschränkungen. Die Hygienekonzepte müssten hinsichtlich vergangener Veranstaltungen in Frage gestellt und überarbeitet werden - dies sei für alle Beteiligten keine leichte Aufgabe.

"Ich hoffe, dass hier eine adäquate Lösung gefunden werden kann, bei der die Gesundheit aller Beteiligten (Trainer, Betreuer, Veranstalter Athleten und evtl. Zuschauern) an oberster Stelle steht."

Niko Kappel

Eine einheitliche Lösung ist unrealistisch

Die Frage nach der Impfung spielt hierfür eine große Rolle: die Unterschiede im Impf-Fortschritt seien weltweit sehr groß. Niko Kappel hält eine international einheitliche Lösung für Sportler dementsprechend aus ethischer Sicht nicht für realistisch. "Man kann nur hoffen, dass wir mit dem Impfen zügig vorankommen und eine Impfung von Sportlern vertretbar ist. Dazu kommt, dass ein zeitlicher Abstand zwischen Impfung und Spiele sehr wichtig ist, da nach der Impfung nur ein eingeschränktes oder gar kein Training möglich ist." Inwieweit Sportler bis Tokio geimpft sein werden, ist von mehreren Faktoren abhängig - für den 26-jährigen Schwaben steht jedoch fest, dass er sich, sobald es ihm zusteht, impfen lassen wird. Vor einer Woche äußerte er sich dazu auf Instagram:

Aus dem Home-Gym zurück zum Bundesstützpunkt

Bis dahin wird weiter trainiert. Ähnlich wie Annika Bruhn weiß auch Kappel die Trainingsumstände zu schätzen. Nachdem er sich zu Beginn des Lockdowns im Frühjahr 2020 mithilfe seiner Sponsoren ein eigenes "Home-Gym" aufbauen konnte, darf Kappel inzwischen wieder am Bundesstützpunkt Leichtathletik in Stuttgart trainieren. Trotz der strengen Hygienevorgaben ein Privileg: "Man lernt schätzen, was für tolle Trainingsbedingungen wir am Bundesstützpunkt Leichtathletik plus Olympiastützpunkt Stuttgart haben. Da wird man ganz schön demütig! Ich wurde super unterstützt und konnte mich weiter vorbereiten, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Das ist absolut nicht selbstverständlich in dieser schwierigen Zeit. Es zeigt, wie wichtig dem Bundesstützpunkt Leichtathletik in Stuttgart die Inklusion ist!"

Para-Athlet Niko Kappel am 13.09.2020 (ISTAF) im Olympia-Stadion Berlin. (Foto: Imago, IMAGO / Beautiful Sports)
Para-Athlet Niko Kappel am 13.09.2020 (ISTAF) im Olympia-Stadion Berlin. Imago IMAGO / Beautiful Sports

Der zweifache "Behindertensportler des Jahres" ist sich dem Vorrecht, seinen Beruf trotz der aktuellen Situation ausüben zu können, bewusst. Gleichzeitig betont er, was für eine wichtige Rolle der Sport in der Gesellschaft spielt:

"Sport ist ein wichtiger Bestandteil für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, insbesondere aber für die soziale Entwicklung unserer Kinder. Im Sport lernt man aufeinander Rücksicht zu nehmen, im Team zu arbeiten, das Selbstvertrauen zu stärken und man lernt zu verlieren. All diese Punkte sind wichtige Pfeiler für eine funktionierende Gesellschaft. Im Sport lernt man alles davon spielerisch."

Niko Kappel

Umso wichtiger, dass der Sport wieder für alle möglich wird: als Freizeit- und Profisportler wie auch als Zuschauer. Nach derzeitigem Stand soll in Tokio zumindest Publikum aus Japan erlaubt sein - immerhin ein kleiner Lichtblick für Athleten und Fans. Es muss nicht vor leeren Rängen gespielt und gekämpft werden.

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