Ottmar Hitzfeld als Fußballtrainer (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Mentale Gesundheit im Sport

Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld: "Ich war verzweifelt"

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"Ottmar Hitzfeld (72) ist bis heute Deutschlands erfolgreichster Vereinstrainer. Permanenter Begleiter des Perfektionisten war jedoch ein extremer Druck. In dem Buch "Am Limit - Wie Sportstars Krisen meistern" erzählt Hitzfeld offen von Depressionen, Panikattacken und einer zweijährigen Auszeit."

Die Sonne lacht an diesem Samstag Nachmittag im Mai 2008. Die Stimmung in der ausverkauften Arena in München ist ausgelassen heiter. Der FC Bayern hat sich vorzeitig seinen 21. Meistertitel gesichert. Am Spielfeldrand steht ein Mann und kämpft mit seinen Gefühlen. Ottmar Hitzfeld weiß, dass er gleich von den Fans verabschiedet wird. Das Kinn des 59-Jährigen beginnt zu zittern, verstohlen wischt er sich Tränen aus den Augen.

Der Stadionsprecher listet seine größten Erfolge als Trainer auf: Zwei Mal Champions League-Sieger mit Dortmund (1997) und dem FC Bayern (2001), Weltpokalsieger, sieben Mal Deutscher Meister. Damit ist Hitzfeld bis heute der erfolgreichste Vereinstrainer Deutschlands.

Tränen der Erleichterung

Dann geht Hitzfeld auf das Spielfeld, schüttelt Hände und bekommt einen Blumenstrauß überreicht. Er versucht, sein Gesicht dahinter zu verstecken. Wieder fließen Tränen. 69 000 Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen und feiern den Mann, der zum letzten Mal auf der Bayern-Trainerbank sitzen wird.

Was die Fans nicht ahnen: Es sind keine Tränen der Traurigkeit, es sind Tränen der Erleichterung. "Es kam alles wieder hoch", erinnert sich Hitzfeld. "Dieser Moment war wie eine Erlösung. Ich konnte den Druck endlich loslassen."

Druck verspürt Hitzfeld an jedem Tag als Fußballtrainer. 1991 übernimmt er mit Borussia Dortmund erstmals einen Bundesliga-Klub. Der Mann aus dem südbadischen Lörrach, der schon als Kind von Heimweh geplagt war, vermisst seine Familie und sein gewohntes Umfeld. "Ich war wochenlang traurig, fast depressiv. Ich hätte damals viel gegeben, um wieder zurück zu gehen."

Heimweh

Hitzfeld fühlt sich entwurzelt. "Ich hatte in den ersten sechs Wochen kein Haus und wohnte im Hotel." Dann muss er lachen: "Aber ich konnte natürlich nicht öffentlich sagen: Ich habe Heimweh." Innerlich leidet er, nach außen präsentiert er sich selbstbewusst, fokussiert und souverän. "Das war eine Maske, um meinen Gemütszustand nicht zu zeigen", sagt er.

Schon damals, mit 43, weiß Hitzfeld, wie die Fußballbranche funktioniert und wie er als Trainer von den Fans und von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. "In Erinnerung bleiben immer nur die Titel, die man geholt hat. Als Trainer musst du jeden Tag hellwach sein. Gerade nach Niederlagen musst du der Erste sein, der den Kopf in den Wind streckt und voranmarschiert. Das kostet viel Kraft."

"Die Spieler werden vom Trainer aufgerichtet und motiviert. Aber wer motiviert eigentlich den Trainer?"

Ottmar Hitzfeld ist der Prototyp des pflichtbewussten, disziplinierten Leaders. Ein Meister der Selbstbeherrschung. Seine Gefühle behält er für sich, nach außen wirkt er stets kontrolliert und ruhig. Er weiß, als Trainer ist er ein Einzelkämpfer. Es gibt in der Bundesliga nur 18 Cheftrainer-Stellen. Der Konkurrenzkampf ist groß. Solidarität unter Trainern? Fehlanzeige. "Natürlich gibt es Trainertagungen, aber dort finden keine intensiven Gespräche statt", sagt er. Lediglich mit seinem Trainerkollegen Jörg Berger habe er ein gutes Verhältnis gehabt. "Ansonsten gibt es keine Freundschaften. Der Trainer muss alles mit sich selbst ausmachen."

Das System spielt verrückt

Die intensive Arbeit in Dortmund und später bei Bayern München, die hohe Erwartungshaltung seines Umfelds und die permanente mediale Begleitung kosten ihn viel Energie. Im Sommer 2004 ist Hitzfeld mit seinen Kräften am Ende. Sein System spielt verrückt. Der Meistertrainer bekommt Angstattacken. "Im Auto hatte ich plötzlich Platzangst. Ich kurbelte das Fenster runter, aber fühlte mich trotzdem eingeengt", berichtet er. Sein Blick wird ernst. Als Trainer habe er schon immer schlecht geschlafen, weil er permanent an seine Arbeit denken musste. Nun werden die Schlafstörungen schlimmer. "Ich habe viel gegrübelt, hatte Rückenschmerzen und wusste nicht, wie ich liegen sollte."

Die permanente innere Unruhe belastet ihn. "Ich war unglücklich. Ich konnte mich nicht mehr freuen. Das war das Schlimmste." Er ist nicht mehr in der Lage, mit seiner Frau zum Abendessen zu gehen, gemütlich ein Glas Wein zu trinken und den Moment zu genießen. "Ich war depressiv in dieser Zeit."

Keine Kraft, Bundestrainer zu werden

Hitzfeld wird wortkarg, er spricht nur noch selten. Für seine Frau Beatrix ist das eine große Belastung. Sie sieht, wie ihr Mann leidet, kann ihm aber nicht helfen. "Ich hatte eine Grenze überschritten, was meine Kräfte anging." Hitzfeld holt sich Hilfe bei einem Psychiater. "Zwei, drei Gespräche mit ihm genügten mir schon", erinnert er sich. "Ich wollte da selbst wieder rauskommen. Wenn man Anleitungen bekommt, wie man das lösen kann, dann kann man es auch selbst schaffen."

2004, nachdem die DFB-Mannschaft unter Trainer Rudi Völler bei der Europameisterschaft frühzeitig gescheitert ist, soll Hitzfeld übernehmen. Aber der befindet sich in einem desolaten gesundheitlichen Zustand, was der Öffentlichkeit verschwiegen wird. Für den stets pflichtbewussten Hitzfeld, der immer bereit ist zu helfen, wenn Not am Mann war, ist dies eine unerträgliche Situation. "

Decke über den Kopf

Hitzfeld grübelt drei lange Tage, überlegt hin und her. Innerlich zerreißt es ihn fast. Dann sagt er dem DFB ab. Hitzfelds Zustand ist zu labil. Er ist nicht bereit für diesen reizvollen, aber anspruchsvollen Job. "Wenn man nicht fit ist für eine Aufgabe, soll man es nicht machen. Ich habe es nicht bereut. Es war die richtige Entscheidung."

Hitzfeld bleibt im schweizerischen Engelberg, wo die Familie einen Zweitwohnsitz hat. Trotz der getroffenen Entscheidung empfindet er eine bleierne Schwere. "Ich lag oft im Bett und hätte am liebsten die Decke über den Kopf gezogen. Ich dachte, ich kann nicht aufstehen. So verzweifelt war ich."

Hitzfeld nimmt Tabletten, sogenannte Antidepressiva. Diese werden vornehmlich bei der Behandlung von Depressionen verschrieben. Viele Antidepressiva entfalten meist nach einigen Wochen eine beruhigende und angstlösende Wirkung. "Durch die Medikamente bin ich ruhiger geworden", erzählt Hitzfeld.

Zwei Jahre Pause

Er macht lange Spaziergänge und liest viele Bücher, meist Biographien. Er hat wenig Kontakte, hält keine Vorträge, besucht keine Anlässe. "Ich habe mich total zurückgezogen." Den Fußball betrachtet er nur noch aus der Ferne. Gut zwei Jahre braucht Hitzfeld, um sich von seiner Burnout-Erkrankung zu erholen.

Anfang 2007 folgte er einem Hilferuf von Bayern-Manager Uli Hoeneß und setzt sich wieder auf die Trainerbank des Rekordmeisters. Im Jahr drauf übernimmt er die Nationalmannschaft der Schweiz. Zweimal gelingt ihm mit der "Nati" die Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft. Dann hängt er seinen Trainerjob mit 65 Jahren an den Nagel. "Das war eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe."

Entschleunigung

Hitzfeld kann seinen Lebensabend bei bester Gesundheit genießen. Der 72-Jährige hat sein Leben gehörig entschleunigt. Er liebt es, morgens Brötchen zu holen und sich mit Zeitungen zu versorgen. Frau Beatrix ist fest an seiner Seite - so, wie sie ihm während seiner gesamten Trainerkarriere den Rücken freigehalten hat. "Ich möchte ihr etwas davon zurückgeben, was sie für mich getan hat", sagt er dankbar. "Ohne sie hätte ich nicht den Erfolg gehabt."

Dann fügt er noch leise, aber überzeugt hinzu: "Am Ende sind es die einfachen Dinge, die im Leben zählen. In der Einfachheit liegt das Geheimnis."

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