Rosenthal zu mentaler Gesundheit (Foto: IMAGO, Ex-Freiburg-Profi)

Mental Health Day

Ex-Freiburg-Profi Jan Rosenthal: "Christian Streich hat mich als Mensch gesehen"

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INTERVIEW
Johannes Seemüller

Ex-Fußball-Profi Jan Rosenthal (u.a. SC Freiburg) hat in seiner Karriere viele Höhen und Tiefen erlebt. Der 36-Jährige, der heute als Coach arbeitet, spricht über den Tod Robert Enkes, seinen Burnout, das getriebene Fußball-Business und den Menschenfreund Christian Streich.

SWR Sport: Weltmeister Benjamin Pavard (Bayern München) sprach kürzlich über seine Depressionen, Max Eberl zog als Gladbach-Sportdirektor die Reißleine und machte seinen Burnout öffentlich. Erleben wir eine neue Offenheit im Profifußball, über das Thema "Mentale Gesundheit" zu sprechen?

Rosenthal: Ich habe den Eindruck, dass es grundsätzlich salonfähiger wird, über dieses Thema zu reden. Der Fußball ist da zwar immer noch sehr konservativ, aber es wird normaler, über mentale Gesundheit zu sprechen. Dabei müssen wir verstehen, dass es immer einen Zusammenhang zwischen unseren Gefühlen, unserem Denken und unserem körperlichen Zustand gibt. Am Beispiel von Max Eberl hat man gesehen, wie positiv das Feedback in den Medien war. Dadurch werden andere ermutigt, auch darüber zu reden.

Sie selbst mussten sich zwangsläufig mit dem Thema beschäftigen. Sie spielten 2009 bei Hannover 96 und waren Teamkollege von Torwart Robert Enke, der an Depressionen litt und Suizid beging.

Rosenthal: Damals wurde ich zum ersten Mal mit psychischen Erkrankungen und Mental Health konfrontiert. Ich habe drei Monate nach Roberts Tod einen Burnout erlebt. Da hatte ich fünf Jahre als Profifußballer hinter mir. Ich hatte mich mit meinen 23 Jahren überfordert: Wir standen im Abstiegskampf und bekamen einen neuen Trainer, die Sache mit Robert war passiert, und ich habe nebenher studiert. In der Rückrunde habe ich während einer langen Verletzungspause einige Monate psychologische Hilfe in Anspruch genommen, um mich mal wieder neu zu sortieren. Da merkte ich: Dieses getriebene, ehrgeizige Fußball-Ding durchzuziehen und alle anderen emotionale Themen, die mich beschäftigten, links liegen zu lassen, funktioniert auf Dauer nicht. Ich war leer und ausgebrannt.

Enke und Rosenthal (Foto: IMAGO, Mentale Gesundheit)
Teamkollegen in Hannover: Robert Enke und Jan Rosenthal Mentale Gesundheit

Wie ging Ihr Verein damals mit diesem Thema um?

Rosenthal: Die verantwortlichen Personen bei Hannover haben das Thema vorsichtig und sensibel behandelt. Manager, Trainer und Physiotherapeuten waren sehr achtsam und haben mir auch einen Gesprächspartner empfohlen.

Nur gut 15 Prozent aller Klubs in Bundesliga, 2. Bundesliga und in der 3. Liga bieten ihren Profi-Spielern ein psychologisches Beratungsangebot an.

Rosenthal: Grundsätzlich finde ich es erst mal positiv, dass den Spielern dieses psychologische Angebot zur Verfügung steht. Aber ich denke, ein Psychologe allein kann sich nicht um eine ganze Mannschaft kümmern. Denn es ist ganz wichtig, dass eine gute Verbindung zwischen Spieler und Therapeut hergestellt werden kann. Manchmal passt das schon rein menschlich nicht. Hinzu kommt die Barriere, dass dieser Therapeut Angestellter des Vereins ist und damit in einem schwierigen Spannungsfeld zwischen Verein (Arbeitgeber), Trainer und Spieler agiert.

Ein Spieler hat dann Angst, dass Informationen an den Trainer gelangen. Oder er befürchtet, dass seine Mitspieler ihn für schwach halten, wenn sie erfahren, dass er psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Ich bin überzeugt: Damit sich ein Spieler wirklich öffnen kann, muss der Therapeut unabhängig sein und viel Empathie mitbringen.

Vereine haben häufig Angst, dass unabhängige, externe Psychologen oder Coaches keinen guten Einfluss auf die Spieler haben. Diese Sorge ist meines Erachtens unberechtigt. Gute Therapeuten werden den Spieler immer so stabilisieren, dass der Verein davon profitiert.

Der Körper spiegelt das Innere

Wie gut sind Sie während Ihrer Karriere über den Zusammenhang zwischen Körper, Gefühl und Verstand aufgeklärt worden?
 
Rosenthal: Überhaupt nicht. Erst als ich nach meiner Profikarriere den Übergang in mein "zweites Leben" hinbekommen musste, habe ich mich mit vielen Experten darüber ausgetauscht. Inzwischen weiß man, dass es eine sogenannte "emotionale Muskulatur" gibt. Dort werden Traumata gespeichert. Da heißt, wenn mich ein Thema emotional beschäftigt oder belastet, kann der Verstand dies zwar oft unbewusst verdrängen, aber es beeinflusst trotzdem meine Muskel-Spannung. Mein Körper spiegelt wider, wie es mir im Inneren geht. Nicht gelebte, tiefe Gefühle und verdrängte Schwäche beeinflussen also meinen körperlichen Zustand.

Im Nachhinein ist mir vieles klar geworden: Zum Beispiel hatte ich in der Zeit der Trennung von einer Freundin mehrere Muskelfaserrisse. Oder als wir in unserer Familie einen Todesfall hatten, habe ich einfach weitergespielt und funktioniert und mir dann prompt die Achillessehne gerissen. Erst Monate später konnte ich den Verlust betrauern. Vorher war ich nur im Funktionsmodus. Da habe ich mich gefragt: Warum hat mir während meiner Karriere keiner meiner Top-Ärzte, die mich behandelt haben, diese Zusammenhänge erklärt? Denn es gibt Studien und Erkenntnisse auch aus anderen Leistungssportarten, die diese Zusammenhänge bestätigen.

Sie haben sich nach Ihrer Karriere intensiv mit diesen Themen beschäftigt und fortgebildet. Heute begleiten Sie Spieler als Coach. Was machen Sie genau?

Rosenthal: Ich versuche, Spieler auf ihrem Weg in und durch die Karriere mit einem anderen Ansatz zu begleiten. Dieser Ansatz ist für den Menschen nachhaltig und für den Spieler leistungsfördernd. Dieses systemisch-integrative Coaching funktioniert sehr gut. Es beinhaltet auch die Überlegung, wie es nach einer Profikarriere weitergehen kann. Das heißt, bereits während der Karriere werden Säulen aufgebaut, die den Spieler davor bewahren, am Ende seiner Karriere nur eine "Fußballer-Identität" zu haben.

Er wird innerlich also unabhängiger vom Fußball, und das führt dazu, dass er während der Karriere nicht einen solchen Druck hat. Denn natürlich treibt dieser Druck den Spieler zunächst hoch an die Spitze. Aber genauso wird Druck aufgebaut, wenn er sich verletzt und nicht spielen kann. Das kann einen Sportler krank machen. 

Offensivspieler Rosenthal (Foto: IMAGO, SC Freiburg)
Jan Rosenthal erzielte für den SC Freiburg in 65 BL-Spielen 12 Tore SC Freiburg

Wie war das bei Ihnen? Sie waren 15 Jahre Fußballprofi und haben Ihre Karriere 2018 beim SV Darmstadt 98 beendet. Wie ging es Ihnen danach?

Rosenthal: Ich fühlte mich zunächst erleichtert. Ich habe sehr viel Zeit mit meiner Familie verbracht, aber auch meine Freizeit genossen und Freunde besucht. Wir hatten damals eine zweijährige Tochter, meine Frau war mit dem zweiten Kind schwanger. Als Fußballprofi war ich es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Aber irgendwie war das jetzt anders. Wenn meine Frau und die Kinder nicht mein Leben strukturiert hätten - ich weiß nicht, wann ich aufgestanden wäre. Ich habe mich in erster Linie als Vater gefühlt, aber ich habe mich trotzdem gefragt: Wer bin ich eigentlich? 80 Prozent meiner Identität hatte ich über meinen Beruf als Fußballprofi definiert. Das war jetzt weg.

Dabei hatten Sie auch Hobbys jenseits des Fußballs. Sie haben zum Beispiel gemalt…

Rosenthal: Ja, ich habe in Hannover mit der Malerei begonnen. In Freiburg hat mich Christian Streich darin bestärkt. Ich habe ihn kürzlich im Podcast von Toni Kroos gehört. Ich kann das bestätigen, was er da gesagt hat. Streich ist jemand, der Emotionalität vorlebt. Er sieht und akzeptiert jeden Menschen so, wie er in seiner Ganzheit ist. Er mag die Menschen. Streich ist in der Lage, dem Spieler gegenüber seine Gefühle zu zeigen. Das ist mutig. Er stellt sich seinem Unbehagen. Ihm tut es weh, wenn er einen Spieler aus dem Kader streichen muss. Er nimmt die Verantwortung an und stellt sich der Gruppe. Das schätzen die Profis an ihm. Streich hängt keinen Zettel in die Kabine mit Kreuzen für die gestrichenen Spieler.

Dieser menschliche Umgang war der Hauptgrund, warum ich in Freiburg funktioniert habe. Christian Streich hat mich als Mensch gesehen. Er hat in seinem Wesen viele Züge eines guten Lebens-Coaches. Deswegen blühen in diesem tollen Umfeld alle Spieler auf. Die Profis haben dort das Gefühl: Ich darf alles sein. Ich darf sauer sein oder ein schlechtes Gefühl haben. Ich darf auch mal drei Tage rumschmollen. Weil Streich weiß: Das bedeutet Menschsein.

SC Freiburg (Foto: IMAGO, Bundesliga-Jahre)
Jan Rosenthal: "Christian Streich mag die Menschen" Bundesliga-Jahre

Sie haben 200 Bundesligaspiele für Hannover, Freiburg, Frankfurt und Darmstadt gemacht, dazu kamen 18 U-Länderspiele. Wäre Ihre Karriere mit Ihrem heutigen Wissen erfolgreicher verlaufen?

Rosenthal: Unbedingt. Ich hätte gelernt, Dinge loszulassen. Mich begleitet seit einigen Jahren dieser Satz: "Alles, was da sein darf, kann sich verändern." Wenn ich als Spieler also nicht permanent im Kampfmodus bin, können sich Dinge verändern. Dann muss ich innerlich nicht mehr gegen Verletzungen aufbegehren oder gegen Trainer, die mich nicht spielen lassen. Es geht darum, nicht den anderen die Schuld zu geben, sondern mit dir selbst in ein Gefühl zu kommen. Das ist eine Gelassenheit, die von innen kommt. Wenn ich diese Einstellung während meiner Karriere hinbekommen hätte, dann hätte es anders laufen können.

Diese Erkenntnisse gebe ich nun ambitonierten Talenten über das Projekt "GOKIXX" weiter. Mit Hilfe dieser digitalen Plattform können sich 15- bis 19-Jährige, die in den Jugendmannschaften von Profiklubs spielen, mit wichtigen Themen wie Ernährung, Trainer-Kommunikation, Auswahl eines Spielerberaters und eben auch mit entscheidenden mentalen Fragestellungen auseinander setzen. Ich möchte den Spielern vermitteln, was es heißt, als Persönlichkeit den Umgang mit Krisen zu lernen. Denn dann kann es sein, dass ein Faserriss nicht acht, sondern nur zwei Wochen dauert.

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Johannes Seemüller