Hans E. Lorenz war seit 2007 Vorsitzender des DFB-Sportgerichts (Foto: imago images, Imago/Martin Hoffmann)

Hans E. Lorenz - der DFB-Sportrichter mit Humor und Strenge hört auf

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Damit der Fußball funktioniert, braucht es nicht nur Regeln, sondern auch eine Sportgerichtsbarkeit. Die des DFB prägte über viele Jahre Hans E. Lorenz, der davor auch als SWR-Moderator und Journalist tätig war. Am Ende seiner ehrenamtlichen Amtszeit findet er mahnende Worte.

Spieler, Trainer und Vereine aus der Bundesliga mögen ihn oft verflucht haben. Überschwängliche Abschiedsworte für Hans E. Lorenz kommen ausgerechnet von einem, der mit dem scheidenden Vorsitzenden des DFB-Sportgerichts über viele Jahre leidenschaftlich gestritten hat. "Das Sportgericht ist das am besten funktionierende Organ beim DFB", sagt Deutschlands bekanntester Fußball-Anwalt Christoph Schickhardt. "Er hat die Sportgerichtsbarkeit unabhängig durch die Krisenzeiten des Verbandes geführt."

Rückzug aus Altersgründen

Aus Altersgründen scheidet der 71-jährige Lorenz aus dem rheinhessischen Wöllstein beim Bundestag des krisengeschüttelten Deutschen Fußball-Bundes an diesem Freitag in Bonn aus. Als sein Nachfolger kandidiert sein bisheriger Stellvertreter Stephan Oberholz aus Leipzig. Mitglied des Sportgerichts ist Lorenz seit 1995, dessen Vorsitzender seit 2007.

Vom Phantomtor bis zum Platzsturm

In über 2000 - meist schriftlichen - Verfahren urteilten er und sein Gremium über Streitfälle und Fehlverhalten von Vereinen, Trainern, Spielern, Funktionären und Fans. Unzählige Geldstrafen und Sperren sprach Lorenz von der 1. Bundesliga bis zur Junioren-Bundesliga aus. Zu den spektakulärsten Fällen gehörte das Phantomtor von Stefan Kießling, der 2013 für Bayer Leverkusen in Hoffenheim durch ein Loch im Netz von außen ins Tor traf, und die TSG dann - vergebens - Einspruch gegen die Spielwertung einlegte. Oder wie nach dem sogenannten Platzsturm beim Relegationsspiel 2012 zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, als es für beide Clubs um die Zugehörigkeit im Oberhaus ging. Nicht ohne Stolz verweist Lorenz auf eine Rechtskraftquote von 99 Prozent beim Sportgericht.

Gelassenheit im hitzigen Fußballgeschäft

Die Gelassenheit ging Lorenz im emotionsgeladenen Fußballgeschäft nie verloren. Er hat vor seiner Pensionierung als Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer am Landgericht Mainz über ganz andere Dinge verhandelt: die Wormser Prozesse um Kinderschändung in den Neunzigerjahren zum Beispiel. Seinen Humor schätzten nicht alle Beteiligten bei Verhandlungen in der Frankfurter DFB-Zentrale. Den von Bundestrainer Joachim Löw verschmähten Kießling begrüßte er damals mit den Worten: "Jetzt haben Sie endlich mal eine Einladung vom DFB bekommen." Die Miene des Torjägers gefror. Eintracht Frankfurts arglosen argentinischen Abwehrspieler David Abraham ließ er bei einer Verhandlung erstmal von dessen früheren Mitspieler Lionel Messi erzählen - "um warm zu werden." Später brummte er ihm eine siebenwöchige Zwangspause auf, weil er Freiburgs Trainer Christian Streich an der Seitenlinie zu Boden gecheckt hatte. Sehr zum Ärger damals von Abrahams Anwalt Schickhardt. "Was ich mir gewünscht hätte, wäre der eine oder andere Freispruch mehr", sagt der Sportrechtler aus Ludwigsburg heute, betont jedoch: "Wir hatten ein paar hundert Verhandlungen und haben fast nur gestritten. Aber er ist ein hervorragender Profi, auch im Umgang mit Angeklagten."

Mut zu unpopulären Entscheidungen

Schickhardt war als Rechtsbeistand von Vereinen und Spielern in vielen Verfahren der Widerpart von Lorenz. Das streitbare Trio komplettierte all die Jahre der als unnachgiebig geltende DFB-Kontrollausschussvorsitzende Anton Nachreiner. "Hans E. Lorenz ist ein hervorragender Kenner der Materie Fußballstrafrecht in Theorie und Praxis. Er hat stets den Fußballsport im Blick und ist immer zu pragmatischen Lösungen bereit", sagt der Chefankläger des Verbandes ungewohnt milde. "Wo es angebracht war, konnte er aber auch Härte zeigen und hatte auch den Mut zu eher unpopulären Entscheidungen." Eine nicht unwesentliche Einmischung des DFB in die von Schickhardt gelobte unabhängige Sportgerichtsbarkeit gab es aber doch: Als der damalige Verbandspräsident Reinhard Grindel 2017 die Kollektivstrafe für Vereine bei Fan-Randalen abschaffte. Er wollte wohl die "Scheiß DFB!"-Rufe, mit denen die Anhänger gerne gegen Zuschauerausschlüsse protestierten, nicht mehr hören. "Die Verhältnisse in deutschen Stadien sind dadurch nicht schlechter geworden", urteilt Lorenz.

Als Richter und Journalist zu Objektivität verpflichtet

Die große Stärke von Hans E. Lorenz war und ist, dass er den Fußball in vielen Facetten über Jahrzehnte erlebt und beobachtet hat. Bereits während seines Jura-Studiums war er als freier Mitarbeiter von 1971 an, mit gerade mal 19, für den SWF/SWR tätig und kommentierte dabei rund 1000 Spiele von der ersten bis zur dritten Liga. Auch als Moderator der SWR-Sendung Flutlicht zeigte er über 100 Mal immer wieder Fachkompetenz, Objektivität und sein Unterhaltungspotential. Fähigkeiten, die ihn dann auch bei seiner Funktion beim DFB-Sportgericht geprägt haben.

Kritik an Kommunikation in der Verbandsspitze

Dem DFB hinterlässt Lorenz, der Mitglied der Disziplinarkommission bei der UEFA ist, mahnende Worte. Die interne Kommunikation sei etwas, "was mir beim DFB in den letzten Jahren stark zu kurz gekommen ist. Das hängt natürlich auch mit Corona zusammen, aber nicht nur", kritisiert er. "Die Kommunikation innerhalb des Verbandes hat, auch weil die Spitze viel mit sich selber zu tun hatte, maßgeblich gelitten. Sie muss dringend in der nächsten Legislaturperiode intensiviert werden - in allen Richtungen."

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