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Rainer Kraft liebt den Fußball und das Abenteuer. Der Stuttgarter Trainer arbeitete schon in Iran, China und Aserbaidschan. Aktuell betreut der 58-Jährige in Ghana den Zweitliga-Klub Accra Lions. Ihn begeistert die Lebensfreude der Menschen - und der gelassene Umgang mit Corona.

Der Mann an den Bongos gibt den Takt vor. Die jungen Spieler der Accra Lions singen laut und tanzen in voller Montur in der Kabine - mit Fußballschuhen, Stutzen, Hose und Trikot. Sie gehen im Kreis, klatschen in die Hände oder trommeln mit Wasserflaschen. Simba, das gelbe Maskottchen mit der Nummer 99 auf dem Rücken, ist mittendrin. Es klingt wie ein Fangesang in einer Stadionkurve. Der deutsche Coach Rainer Kraft steht an der Kabinentür und freut sich über die Ausgelassenheit seiner Spieler.

Zehn Monate Spielpause

Wer denkt, die Spieler feiern grad den Meistertitel, der irrt. Es ist die ganz normale Einstimmung des Teams auf das Spiel am Nachmittag. Allerdings ist dieser Tag durchaus ein besonderer. Die Zweitligasaison in Ghana startet endlich nach der langen Corona-Pause. Die Jungs dürfen ihr erstes Meisterschaftsspiel seit dem Saisonabbruch vor zehn Monaten, am 15. März 2020, bestreiten. 

Kraft arbeitet seit August 2019 als Cheftrainer und Sportdirektor der Accra Lions in Ghana. Accra, die Hauptstadt mit 2,3 Millionen Einwohnern, liegt im Süden des Landes, direkt am Atlantik. Die Lions spielen in einer der drei regionalen Gruppen der zweiten Fußballliga. Es ist eine junge Mannschaft, das Durchschnittsalter liegt bei gut 19 Jahren.

Rudi Gutendorf (Foto: Imago, Sven Simon)
Rudi Gutendorf – Er ist sozusagen der Erfinder des Weltenbummler-Trainers: Der gebürtige Koblenzer trainierte auf fünf Kontinenten insgesamt 55 Mannschaften aus 32 Ländern. Damit hat er sich auch einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde gesichert, als Trainer mit den meisten internationalen Engagements. In der Bundesliga coachte er unter anderem den VfB Stuttgart (1965-1966). Im Jahr 2019 starb Gutendorf im Alter von 93 Jahren. Imago Sven Simon Bild in Detailansicht öffnen
Jürgen Klopp – der momentan erfolgreichste Trainer im Ausland, ausgezeichnet als zweifacher Welttrainer: Der 53-Jährige wurde an Rosenmontag 2001 beim 1. FSV Mainz 05 vom Spieler zum Trainer befördert. 2008 folgte der Wechsel nach Dortmund. In sieben Jahren wurde er unter anderem zweimal Deutscher Meister mit dem BVB. Seit 2015 steht er beim FC Liverpool an der Seitenlinie. Dort gewann er mit seiner Mannschaft 2019 die Champions League und 2020 die Trophäe in der Premier League. Imago Jan Huebner Bild in Detailansicht öffnen
Jörn Andersen – ehemaliger Nationaltrainer einer der umstrittensten Diktaturen der Welt: Nordkorea. Der Norweger trainierte in Deutschland unter anderem den 1. FSV Mainz 05 und den Karlsruher SC. Über die Zwischenstation Austria Salzburg landete der 57-Jährige 2016 in Nordkorea, wo er bis März 2018 die Nationalmannschaft betreute. Im April 2018 wagte er dann den Sprung über die Grenze nach Südkorea und trainierte ein Jahr lang den Erstligisten Incheon United. Aktuell ist er vereinslos. Imago Eibner Europa Bild in Detailansicht öffnen
Sandro Schwarz – der Trainer, der mit extremer Kälte klar kommen muss: Seit Oktober 2020 trainiert der 42-Jährige den russischen Erstligisten Dinamo Moskau, wo derzeit minus 16 Grad herrschen. Dort bekommt es der ehemailige Mainzer Spieler und Trainer nicht nur mit eisigen Temperaturen zu tun, sondern auch mit einigen anderen ehemaligen 05ern wie Roman Neustädter, Andrej Woronin (Co-Trainer) und Zeljko Buvac (Sportdirektor). Imago imago images / ITAR-TASS Bild in Detailansicht öffnen
Tom Dooley – der Trainer, der mit der Hitze klar kommen muss: Als Coach des malaysischen Erstligisten Pahang FA freut sich der ehemalige FCK-Spieler (1988-1993) sicherlich über die ein oder andere Abkühlung, denn dort herrschen derzeit Temperaturen um 30 Grad. Auch schon zu seiner Zeit als philippinischer Nationaltrainer (2014-2018) oder bei seinem Engagement als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann in den USA (2011-2014) musste sich der 59-Jährige mit hohen Temperaturen auseinandersetzen. Imago imago images / Alfred Harder Bild in Detailansicht öffnen
Marco Kurz – unser Pokalheld in Australien: Als Spieler wurde er 1995 Deutscher Meister mit Borussia Dortmund, zwei Jahre später Pokal-Sieger mit Erzrivale Schalke 04. Nach verschiedenen Trainerstationen in Deutschland (u.a. 1. FC Kaiserslautern und TSG Hoffenheim) gewann er als Chefcoach mit Adelaide United den FFA-Cup. Das bislang letzte Kapitel seiner Trainerlaufbahn war der australische Erstligist Melbourne Victory, wo er nach nur 13 Spieltagen wieder entlassen wurde. Imago imago images / AAP Bild in Detailansicht öffnen
Otto Rehhagel – unser Wunder-Trainer: "König Otto", wie er von vielen genannt wird, schaffte eine einmalige Sensation in der Bundesligageschichte: Als Trainer des damaligen Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern holte er 1988 die Deutsche Meisterschaft. Sein international größter Erfolg: 2004 führte er Underdog Griechenland zum EM-Titel. Imago imago images / Laci Perenyi Bild in Detailansicht öffnen

Mit Blaulicht in Quarantäne

Kraft ist froh, dass es endlich wieder los geht. Denn das Corona-Jahr 2020 war zum Vergessen. Zwei Tage nach dem Saisonabbruch nahm der Trainer den Flieger zurück nach Deutschland. Kurz darauf wurde der Flughafen in Accra dicht gemacht. Ende Juni kam Kraft mit einer von einer ghanaischen Gesellschaft gecharterten Maschine wieder zurück. "Wir wurden direkt nach unserer Ankunft von der Polizei in Empfang genommen und mit Blaulicht und Sirene ins Quarantäne-Hotel gebracht", erinnert er sich. Ganze zwei Mal durfte Kraft in den kommenden 14 Tagen sein Zimmer verlassen - für Corona-Tests. Das Essen wurde ihm vor seine Zimmertür gestellt. Das öffentliche Leben in Ghana war heruntergefahren.

Heute sieht das anders aus. Das afrikanische Land mit seinen gut 30 Millionen Einwohnern hat lediglich 346 Tote (Stand: 18.1.2021) im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung zu beklagen. Dies mag auch am Durchschnittsalter der Bevölkerung liegen. Während in Deutschland vor allem alte Menschen an Corona sterben, leben in Ghana viele junge Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 21,5 Jahren. Trotz der niedrigen Zahlen und obwohl Ghana laut RKI nur "mäßig stark" von Covid-19 betroffen ist, weist das deutsche Auswärtige Amt das Land als "Risikogebiet" aus.

Respekt statt Beleidigungen

Dabei ist vieles möglich. An den Schulen und Universitäten hat ab Mitte Januar der reguläre Unterricht wieder begonnen. Versammlungen, Veranstaltungen und Konferenzen sind mit Einschränkungen erlaubt. "Es gibt in Accra zwar eine Maskenpflicht, sobald man das Haus verlässt", berichtet Kraft, "aber es halten sich nicht alle daran." Im letzten Sommer seien es gefühlt 50 Prozent gewesen, die eine Maske trugen, jetzt vielleicht noch fünf Prozent.

Was Kraft besonders imponiert: Die Menschen in Ghana gehen trotz der Pandemie gelassen, entspannt und fröhlich ihrem Alltag nach. Über die Maßnahmen werde nicht großartig diskutiert. Beleidigungen oder Beschimpfungen gebe es in Ghana kaum. Während Kraft aus seiner Heimat immer wieder höre, dass sich die Lager der Maßnahmenbefürworter und -kritiker unversöhnlich gegenüberstünden, herrsche in Ghana ein freundlicher Umgang. "Die Menschen gehen sehr höflich und respektvoll miteinander um. Sie sitzen gemeinsam im Sammeltaxi, der eine hat eine Maske auf, der andere nicht. Da wird niemand denunziert, jeder wird in Ruhe gelassen." Generell sei das Interesse der ghanaischen Bevölkerung an dem Thema deutlich zurückgegangen. "Die Leute beschäftigen sich mit anderen Dingen."

"Ich sage zum ersten Mal in meinem Leben: Ich bin wirklich froh, derzeit nicht in Deutschland leben und arbeiten zu müssen."
(Fußballtrainer Rainer Kraft)

Nachdem Kraft kürzlich wegen des Geburtstags seines Vaters einen Abstecher nach Stuttgart gemacht und die Stimmung in seiner Heimat mitbekommen hatte, ist er nun froh, wieder zurück in dem afrikanischen Land zu sein. "Ich lebe grad lieber in Ghana. Ich sage zum ersten Mal in meinem Leben: Ich bin wirklich froh, derzeit nicht in Deutschland leben und arbeiten zu müssen." Und das sagt er nicht, weil in Accra aktuell Temperaturen von 32 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent herrschen.

Während im deutschen Fußball die Hygienekonzepte für alle drei Profiligen perfektioniert wurden, die Spieler und Betreuer permanent getestet werden und so der Spielbetrieb erst möglich gemacht wird, werden in Ghana lediglich die 18 Klubs der Premier League regelmäßigen Tests unterzogen. Die Kicker von Zweitligist Accra Lions wurden lediglich Anfang Dezember einmal getestet, das musste reichen.

Schüchtern und zurückhaltend

Der Trainer liebt die Zusammenarbeit mit seinen jungen Spielern, auch wenn der 35-Mann-Kader aktuell etwas zu groß ist. Der Schwabe mit der sonoren, tiefen Stimme ist eine Autoritätsperson für die Kicker, alle nennen ihn respektvoll "Coach". Teilweise sind sie so zurückhaltend und schüchtern, dass sie sich nicht trauen, nachzufragen, wenn sie seine Anweisungen im Training nicht verstanden haben. "Ich merke dann manchmal bei der Ausführung der Übungsteile, dass sie es nicht kapiert haben", schmunzelt er. Dann kommt der Pädagoge in ihm zum Zug, und er versucht, den jungen Leuten in Einzelgesprächen Selbstvertrauen zu vermitteln.

Im Saisonauftaktspiel gegen die Accra City Stars hat das offensichtlich schon gefruchtet. Vor den 500 Zuschauern, die sich in der 50.000-Mann-Arena auf den Rängen verteilten, konnten seine Jungs einen 0:2-Rückstand in einen 3:2-Erfolg verwandeln. Danach wurde in der Kabine wieder gesungen und getanzt.

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