Die Sportverbände wollen einem Energie- Lockdown der Schwimmbäder im Winter verhindern (Foto: IMAGO, Imago/ Future Image)

Energiekrise

Droht im Winter der Energie-Lockdown für den Sport?

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Stefan Kersthold

Noch ist Sommer, noch sind Heizungen und Öfen ausgeschaltet. Doch der nächste Winter kommt bestimmt. Und damit stellt sich auch die Frage: Was passiert mit den Sportstätten, wenn Gas und Öl knapp werden?

Knapp 88.000 Sportvereine sind in Deutschland registriert. Diese Zahl sinkt seit 2011 kontinuierlich, damals war der Höchststand von 91.250 erreicht. Auch die Mitgliederzahl hat sich in den letzten Jahren verringert, so organisierten sich Ende 2021 "nur" noch 23,4 Millionen Sportbegeisterte deutschlandweit in Vereinen. Der Rückgang hat natürlich auch etwas mit dem Lockdown in der Corona-Pandemie zu tun, sagt der Geschäftsführer des Landessportbundes Rheinland-Pfalz, Christoph Palm: "Durch die Pandemie haben Sportvereine an Mitgliedschaften verloren, Menschen leiden zunehmend unter Bewegungsmangel im Alltag und deren physischen und psychischen Folgen", so Palm. Den Fehler einer Schließung von Sportstätten dürfe man jetzt, auch wenn der Winter wegen der sich abzeichnenden Energiekrise zu einigen Einschränkungen und Entbehrungen führen wird, nicht wiederholen.

Energie Lockdown für den Sport verhindern

Besonders am Herzen liegt den Verbänden das Thema Schwimmbäder. "Rund 60 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmerinnen und Schwimmer", sagt Michaela Röhrbein, Vorstand Sportentwicklung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Deshalb fordert der Dachverband zusammen mit dem LSB Rheinland-Pfalz die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen auf, für das Schwimmenlernen geeignete Bäder bzw. Wasserflächen so lange wie möglich geöffnet zu halten. Im weiteren Jahresverlauf gelte dies auch für Sporthallen. LSB und DOSB verurteilen die Empfehlung des Deutschen Städtetages, kurzfristig Hallenbäder zu schließen. "Bäder sind Orte der Gesundheitsförderung, Schwimmausbildung, des Vereinssports, der Bildung und Bewegung im Wasser, der Rettungsausbildung, der Lehr- und Fachkräfteausbildung und zur Vermeidung des Ertrinkungstodes enorm wichtig", betont der Präsident des Landessportbundes Rheinland-Pfalz, Wolfgang Bärnwick. So heißt es in der offiziellen Positionierung des DOSB, dass laut dem Expert*innenrat der Bundesregierung zu COVID-19 "die Sicherung der sozialen Teilhabe durch sportliche und kulturelle Aktivitäten weiterhin höchste Priorität genießen muss". Diese Bewertung müsse auch auf die Energiekrise übertragen werden.

Bleiben die Sporthallen im Winter kalt und leer? DOSB und LSB wollen Energie-Lockdown verhindern (Foto: IMAGO, IMago/ Lobeca)
Bleiben die Sporthallen im Winter kalt und leer? DOSB und LSB wollen Energie-Lockdown verhindern IMago/ Lobeca

Bewegungsmangel vor allem bei Jugendlichen

Der Lockdown, aber auch das geänderte Freizeitverhalten hat vor allem Auswirkungen auf die jüngere Generation. So habe, so DOSB Vorstand Michaela Röhrbein, jedes sechste Kind im Verlauf der Pandemie an Gewicht zugenommen, sechs Prozent litten an Adipositas, also an Fettleibigkeit. Fast ein Drittel der Kinder und Jugendlichen im Alter von sieben bis 17 Jahren hätten psychische Auffälligkeiten. Ein Drittel der älteren Menschen erreicht nicht die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Mindestmaß an Bewegung. Auch bei älteren Menschen hängen Bewegung und geistige sowie körperliche Zufriedenheit eng zusammen. Je körperlich aktiver ältere Menschen sind, umso seltener sind sie depressiv oder ängstlich. Diese gesellschaftlichen Schäden dürften durch erneute Schließungen von Sporthallen und Bädern nicht noch weiter verstärkt werden, so Röhrbein.

Drei-Stufen-Plan für die Energieversorgung

Langfristig gelte es, die Sportstätten von fossilen Energien unabhängig zu machen. Mit umfassenden energetischen Beratungen, darauf basierenden Investitionen und zusätzlichen Förderlinien könnte die Umrüstung auf regenerative Energieträger vorangetrieben werden. So bieten die Dachflächen von rund 39.000 deutschen Sport- und Tennishallen ein großes Potenzial für Kommunen und Sportvereine, Sportanlagen so schnell wie möglich weitgehend mit regenerativer Solarenergie zu versorgen. Gleichzeitig sieht sich der gemeinwohlorientierte Sport unter dem Dach des DOSB auch selbst in der Verantwortung, Energie- und Gasverbräuche zu reduzieren. In Abstimmung mit der Bäderallianz wird ein Drei-Stufen-Plan für den Betrieb der überwiegend gasbetriebenen Bäder für den Fall einer Gasnotlage, insbesondere für Schulen und Vereine, vorgeschlagen:

Stufe 1: Abschaltung der hochtemperierten Außenbecken und ggf. zusätzlich Freibäder unbeheizt bis zum Saisonende weiter betreiben

Stufe 2: Alle freizeitaffinen Becken und Saunen (alles außer Sportbecken und Lehrschwimmbecken) außer Betrieb nehmen

Stufe 3: Wassertemperatur in den verbleibenden Sport-/Lehrschwimmbecken auf 26 °C absenken

Können im Winter die Turnhallen noch beheizt werden? Die Sportverbände waren vor einem Energie-Lockdown. (Foto: IMAGO, Imago/ Christine Roth)
Können im Winter die Turnhallen noch beheizt werden? Die Sportverbände waren vor einem Energie-Lockdown. Imago/ Christine Roth

Massiver Nachholbedarf beim Thema Sanierung

Laut der DOSB Statistik stehen in Deutschland etwa 230.000 Sportstätten, darunter 39.000 Sport- und Tennishallen, 9.340 Bäder, 8.000 Schießanlagen und 60.000 Vereinsheime bzw. Funktionsgebäude. Insgesamt übernehmen für etwa zwei Drittel der Sportstätten Kommunen die Trägerschaft, bei dem verbleibenden Drittel sind Sportvereine die Eigentümer. Der Sanierungsstau bei den Investitionen für Sportstätten verursacht vor allem beim Thema Energie negative Folgen. Bei der Wärmeversorgung dominieren vor allem fossile Energieträger wie Ölheizungen, Gasheizungen oder sogar Nachtspeicheröfen. Die Verwendung von regenerativen Energiequellen zur Wärmeversorgung stellt die Ausnahme dar. Das gleiche gilt für die regenerative Energieversorgung durch Photovoltaik-Anlagen. Die unzureichende Gesetzeslage zur Finanzierung und zum Betrieb von Photovoltaik-Anlagen schreckt viele Sportvereine vor diesem Investment ab.

Sportvereine durch Preissteigerungen enorm belastet

Dazu kommt, dass die Vereine nach der Pandemie durch die aktuelle Krise erneut finanziell betroffen sind. Deshalb fordern DOSB und LSB, neben Entlastungen für Privatpersonen und Unternehmen, auch direkte finanzielle Hilfen für Sportvereine. Beitragserhöhungen seien keine Option, da die Vereinsmitglieder auch privat massiv von den Preissteigerungen betroffen sind. Bund und Länder dürften die Kommunen mit den Energiepreissteigerungen nicht allein lassen.

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