Grafik mit Aufschrift "Unsere Sporthelden" (Foto: SWR)

Verein als Vorbild

Prävention gegen sexualisierte Gewalt: Der TSV Tettnang gilt als Vorreiter

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Ein Ex-Jugendtrainer des SV Wehen Wiesbaden steht im Verdacht, Jugendliche vergewaltigt zu haben. Kann solch ein Fall verhindert werden? Beim TSV Tettnang haben sie ein Konzept gegen sexualisierte Gewalt entwickelt, das deutschlandweit als Vorbild gilt.

Ein ehemaliger Jugendtrainer des hessischen Fußball-Drittligisten SV Wehen Wiesbaden sitzt wegen des Verdachts der Vergewaltigung, des sexuellen Missbrauchs und des Herstellens von jugendpornografischen Schriften in Untersuchungshaft. Lars Weirauch kennt solche Fälle und hat sich zur Aufgabe gemacht, sie präventiv zu bekämpfen.

Er steht auf dem Trainingsplatz des TSV Tettnang und schaut den Fußballerinnen beim Training zu - darunter auch seine Tochter: "Ich hoffe, dass das nie, nie, niemals bei uns irgendwie ein Thema sein könnte oder sein wird, aber deswegen bin ich ja da, deswegen mache ich den Job."

Vorbildliches Engagement

Sein Job beim TSV Tettnang betrifft den Kinder- und Jugendschutz. Er hat für den Verein ein Schutzkonzept entwickelt. Dank seines Engagements also gilt der Verein als Vorreiter im Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Sport.

"Das kann nicht passieren mit einem Kind, das Sport treiben will, das den Trainer als Respektsperson hat, dass es so missbraucht wird."

Lars Weirauch engagiert sich beim TSV Tettnang für Kinder- und Jugendschutz. (Foto: SWR)
Lars Weirauch engagiert sich beim TSV Tettnang für Kinder- und Jugendschutz.

Was bedeutet "sexualisierte Gewalt"?

Im Begriff der sexualisierten Gewalt sind verschiedene Formen der Machtausübung mit dem Mittel der Sexualität zusammengefasst, erklärt Gitta Axmann von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS).

Die Forscherteams unterscheiden nochmal in:

  • Sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt: z.B. sexistische Witze, anzügliche Bemerkungen, Nachrichten mit sexuellem Inhalt
  • Sexuelle Grenzverletzungen: z.B. unangemessene Berührungen, Exhibition
  • Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt (auch sexuelle Gewalt): z.B. Küsse, sexuelle Berührungen, versuchter Sex

Wie viele Betroffene gibt es?

Anfang November wurde der Zwischenbericht der deutschlandweit größten Studie zu sexualisierter Gewalt im Breitensport veröffentlicht. An der Online-Befragung der Bergischen Universität Wuppertal und des Universitätsklinikums Ulm hatten sich 4.367 Vereinsmitglieder aus ganz Deutschland beteiligt. Jeder Vierte hatten demnach "mindestens einmal sexualisierte Grenzverletzungen oder Belästigungen (ohne Körperkontakt) im Kontext des Vereinssports" erlebt. Bei circa 19 Prozent sei mindestens einmal sexualisierte Belästigung oder Gewalt mit Körperkontakt vorgekommen.

Was macht der TSV Tettnang?

Die Verhaltensregeln für Trainer und Trainerinnen, die für viele Sportlerinnen und Sportler ebenso Vertrauensperson sind, dienen im Verein als präventive Grundlage und Anhaltspunkte - auch in kritischen Situationen.

Darin ist beispielsweise festgelegt, dass nicht mit den Spielern und Spielerinnen geduscht wird und auch der Aufenthalt des Trainers während des Umziehens in der Kabine nicht erlaubt ist. Außerdem heißt es in dem Konzept: "Fotos oder Videos der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen werden vom Trainer nicht privat über die sozialen Medien verbreitet, sondern lediglich über die festgelegten Kanäle des Vereins." Auch die Übernachtung zum Beispiel bei Trainingslagern ist geregelt: "Wir übernachten nicht mit unseren Spielern in gemeinsamen Zimmern. Vor dem Betreten der Zimmer der Spieler klopfen wir an. Wir vermeiden Situationen, in denen wir alleine mit einem Spieler in einem Zimmer sind. Ist dies nicht zu vermeiden, lassen wir die Türen geöffnet."

Einzeltraining ist nur nach Absprache mit den Eltern und der Jugendleitung möglich, bestenfalls ist eine dritte erwachsene Person dabei. Beim TSV Tettnang kommt hinzu, dass alle Betreuenden ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen, und es gibt Schutzbeauftragte, an die sich Sportler und Sportlerinnen vertrauensvoll wenden können, wenn sie sich nicht wohl fühlen.

Konzept kommt beim TSV an

Viele der Regeln klingen scheinbar selbstverständlich, Lars Weirauch macht aber die Erfahrung, dass sie das in manchen Sportvereinen nicht sind. Auch beim TSV Tettnang hat er schon viel bewegt, sagt Karin Rasch-Boos, die Sportliche Leiterin der Frauen und Juniorinnen: "Wie es in vielen Vereinen ist, jeder Ehrenamtliche ist irgendwo komplett ausgelastet und dann bleiben solche Themen leider oft liegen." Lars Weirauch habe das Thema anpackt, das sei ein Glücksfall für den Verein gewesen.

Sie hat an sich selbst auch eine Verhaltensänderung gespürt, denn sie habe sich oft nichts dabei gedacht, bei ihrer Mannschaft durch die Kabine zu laufen: "Inzwischen ist es schon so, dass ich, obwohl ich auch eine Frau bin, anklopfe." Sie sei sensibilisiert dafür, dass das vielleicht den Mädels gar nicht recht ist, "dass da dann eine ältere Frau durchläuft oder die Trainerin durchläuft, weil das ist einfach auch Privatsphäre von den Mädchen."

Prävention durch Sichtbarkeit

Vor allem durch das Engagement von Lars Weirauch ist die Fußballabteilung des TSV Tettnang zum Vorreiter im Kampf gegen sexualisierte Gewalt in Deutschland geworden. Das haben auch andere Vereine und Verbände gemerkt. Lars Weirauch bekommt dadurch auch immer wieder Anfragen für Vorträge, sogar der DFB hat sich bei ihm schon nach dem Konzept des TSV Tettnang erkundigt. Er erarbeitet seine Vorträge dann stundenlang - natürlich ehrenamtlich. Und, er habe noch keine Anfrage abgelehnt, erzählt er, weil sein Herzensthema einfach so wichtig ist.  

Der dreifache Familienvater weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt, aber mit jedem Gespräch über das Thema wird es sichtbarer. Mit der Sensibilisierung für die Entstehung von sexualisierter Gewalt und den präventiven Maßnahmen dagegen, steigt der Schutz für die Kinder und Jugendlichen im Sport in Deutschland.

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