Ein Frau joggt durch den Wald. (Foto: Imago, imago images / Westend61)

Breitensport | Hintergrund

Wie Corona unser Sportverhalten verändert

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Das Mannschaftstraining fällt aus, die Fitnessstudios sind geschlossen. Sporttreiben ist schon seit vielen Wochen eine einsame Beschäftigung. Das kann Folgen für die ganze Gesellschaft haben.

Doris Staudt schiebt ihr Sofa zur Seite, rollt eine Fitnessmatte aus und platziert einen Lautsprecher. Gleichzeitig baut ihr Sohn zwei Lampen und ein Stativ für die Kamera auf. Wie an jedem Morgen um 9:30 Uhr wird sie gleich ein 40-minütiges Fitnessprogramm leiten - mit Liveübertragung in knapp 30 andere Wohnzimmer. Dieses Angebot des SV Leonberg-Eltingen ist in diesen Zeiten die einzige Möglichkeit für den Verein, das Training wenigstens ein bisschen aufrecht zu erhalten und mit den Mitgliedern in Kontakt zu bleiben - trotz der Konkurrenz zahlreicher Fitnessvideos im Netz.

Tricks gegen Ausreden

"Wir wollen es wirklich nur live machen, für den Augenblick, damit die Teilnehmer bewusst für diese Zeit einen Termin haben", sagt Doris Staudt. Ansonsten sei die Verlockung groß, die Trainingseinheit zu verschieben. Wissenschaftliche Erhebungen bestätigen, dass der Lockdown das Sportverhalten vieler Menschen verändert hat.

Studie: Ein Drittel hat Sportpensum reduziert oder eingestellt

Eine Studie von Sportwissenschaftlern der Universität Gießen aus dem ersten Lockdown zeigt: Vor allem über 30-Jährige haben sich in dieser Zeit insgesamt weniger bewegt. Von den rund 1000 Befragten gaben 33 Prozent an, trotz der Einschränkungen weiter Sport gemacht zu haben. 31 Prozent aber reduzierten demnach ihr Sportpensum sehr stark oder stellten es sogar ein. 36 Prozent gaben an, weder vor noch nach dem Lockdown Sport gemacht zu haben.

Sport fehlt als emotionaler Puffer

Die Gießener Forscher haben auch Erkenntnisse darüber, dass sich die Inaktivität negativ auf die Stimmung niederschlägt. Sport sei grundsätzlich ein guter Puffer gegenüber Gefühlen wie Ärger und Einsamkeit. Deshalb sollte er während der Pandemie soweit wie möglich und im Einklang mit den geltenden Regeln beibehalten werden, rät der Gießener Sportsoziologe Prof. Michael Mutz. Denn: Menschen, die vor der Corona-Zeit sportlich sehr aktiv waren und danach mit dem Sport pausierten, berichteten besonders oft von vermehrten negativen Emotionen.

Vor allem intensive Bewegung bleibt aus

Die Studie zeigt allerdings auch, dass leichte Bewegungsaktivitäten und Ausdauersport im Freien wie Joggen oder Radfahren zugenommen haben. Rund ein Viertel der Deutschen sei während der Pandemie verstärkt im Freien aktiv gewesen; jeder sechste habe versucht, zu Hause mit Fitnessübungen wie Gymnastik, Krafttraining, Yoga oder Online-Fitnesskursen aktiv zu bleiben. Auch Kinder und Jugendlich haben sich im Alltag mehr bewegt, wie eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) herausgefunden hat. Demnach haben Kinder und Jugendliche im ersten Lockdown knapp 18 Minuten mehr pro Tag mit sogenanntem unorganisiertem Sport (Kicken, Basketball- oder Federballspielen) verbracht (24 statt knapp sieben Minuten vor dem Lockdown). "Allerdings hat das nicht dieselbe Intensität wie Training und Wettkämpfe im Verein. Außerdem fallen ohne Verein und Schule die sozialen Aspekte weg", betont der Sportwissenschaftler Prof. Alexander Woll.

"Wie sich der Wegfall von Sport in Schule und Verein langfristig auf die Motorik oder das Übergewicht auswirkt, wissen wir noch nicht."

Kontakte fehlen - Wertevermittlung fehlt

Fitness als Vorbeugung von Krankheiten ist nur ein Aspekt, warum Menschen Sport treiben. Ebenso wichtig sind die sozialen Kontakte durch gemeinsame Aktivitäten. Die Fitnesstruppe von Doris Staudt vom SV Leonberg-Eltingen versucht diese sozialen Interaktionen wenigstens ein wenig durch eine WhatsApp-Gruppe aufrecht zu erhalten. Aber vielen Mannschaftssportlern fehlt die Gesellschaft, der Austausch mit Teamkollegen oder Trainern.

Individualisierung wird verstärkt

Sportsoziologe Prof. Ansgar Thiel von der Uni Tübingen sieht diese Entwicklung im Breitensport skeptisch. "Wir sind jetzt schon in einem Prozess der hochgradigen Individualisierung von Menschen. Ich denke, durch solche Entwicklungen wird das noch radikalisiert." Es sei die explizite Aufgabe von Vereinen und Menschen, Gruppen und Gemeinschaften zu bilden. "Wenn sie nicht mehr diejenigen sind, die die Menschen erreichen, dann wird sich das für die Gesellschaft negative Effekte haben im Hinblick auf soziales Zusammenleben und auf Kooperationsfähigkeit, beispielsweise auch auf politisches Engagement." Ob es soweit kommt und ob diese Befürchtungen tatsächlich eintreten, ist noch nicht abzusehen. Das wird sicherlich auch davon abhängen, wie lange die Einschränkungen der Pandemie noch anhalten.

Verlieren die Verein an Bedeutung?

Dass die Menschen nach dem Lockdown ganz automatisch wieder zum angebotenen Vereinssport gehen, das sei auf keinen Fall sicher, so Thiel. "Möglicherweise gewöhnen sich die Menschen an den Zustand, wie er jetzt ist, und den Vereinen gehen dann viele Mitglieder verloren."

Doris Staudt aus Leonberg wird ihre Fitnesskurse auf jeden Fall noch eine Weile anbieten. Während sie die Übungen vormacht, stelle sie sich einfach vor, dass die Teilnehmer in echt vor ihr sind. Sie macht ihren Job gerne, das spüren alle, die mitmachen. Trotzdem warten sie alle sehnlichst auf den Moment, wieder gemeinsam Sport treiben zu können - in einem Raum, ohne Distanz und mit persönlicher Nähe.

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