Ein Schiedsrichter zeigt die Gelbe Karte. (Foto: IMAGO, IMAGO / Avanti)

SWR-Umfrage unter Schiedsrichter-Vertretern

Schiedsrichter-Mangel: Das sind die Gründe und Lösungsvorschläge

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AUTOR/IN
Kira Rutkowski

Zu jedem Fußballspiel gehört ein Schiedsrichter, aber in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz fehlen Hunderte. SWR Sport hat Vertreter nach Gründen und Lösungen gefragt.

"Ich bin verzweifelt", sagt Benjamin Haug von der Schiedsrichtergruppe Calw. In seiner Gruppe gibt es 125 aktive Schiedsrichter. Sie pfeifen Spiele von der Kreisliga C bis in die Regionalliga, also von der untersten bis zur höchsten Amateurliga. Das bedeutet, dass er mehr als 3.000 Partien pro Spielzeit besetzen muss. Jeder seiner Schiedsrichter pfeift etwa 28 Spiele pro Saison. In seinen Augen sind das zu viele. Die Schiedsrichter seien überlastet, Spiele mussten wegen des Schiedsrichter-Mangels schon verlegt oder abgesagt werden. Mit solchen Situationen muss nicht nur die Schiedsrichtergruppe in Calw umgehen. Das zeigt eine nicht repräsentative Umfrage des SWR unter Schiedsrichter-Vertretern.

Zahl der aktiven Schiedsrichter ist laut Teilnehmern kleiner geworden

Der Großteil der Befragten gibt an, dass die Zahl der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter seit 2017 kleiner geworden sei. 30 Prozent der Teilnehmer meldeten zurück, dass die Anzahl gleich geblieben sei. Drei von 40 Befragten antworteten, sie hätten in den vergangenen fünf Jahren Schiedsrichter dazugewonnen. Je nach Gruppe fehlen zwischen zehn und 100 Spielleiter. Benjamin Haug beschreibt die Lage als "gravierend". Elf weitere Befragte empfinden das genauso. Die meisten (20) geben an, die Lage sei ernst. Dass der Mangel in den kommenden Jahren zu einem Problem werden könnte, befürchten elf Schiedsrichter-Vertreter. In zwei anderen Gruppen könne die Situation gut oder sehr gut gestemmt werden.

Rund 60 Prozent der Befragten berichten, dass wegen fehlender Unparteiischer Spiele verlegt oder abgesagt werden. 32 Prozent halten das in Zukunft für möglich, etwa acht Prozent antworten, dass ein solches Szenario nicht drohe. Eine deutliche Mehrheit der Befragten (fast 80 Prozent) ist sich einig: Ihre Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind durch zu viele Spielansetzungen überlastet.

Mangel an Schiedsrichtern: Diese Gründe geben die Befragten an

Die Antworten der Befragten zeigen: Die Gründe für den Schiedsrichter-Mangel sind vielfältig. Für Benjamin Haug reichen die Probleme "von Beleidigungen über Gewalt bis zu keiner Zeit und zu wenig Wertschätzung". 29 Teilnehmer der Umfrage geben an, dass Lustlosigkeit und andere Interessen dazu führten, dass Schiedsrichter ihrer Gruppe aufgehört hätten. Es sei "häufig schlicht Interessenlosigkeit - man merkt nach einiger Zeit, dass das Hobby keinen Spaß (mehr) macht", schreibt ein Befragter. Ein anderer stellt ein "unregelmäßiges Freizeitverhalten vor allem bei den Jugendlichen und U25-Jährigen" fest. Sie machten gerade das, was "in" sei. Das sei nicht nur im Schiedsrichter-Wesen zu beobachten, sondern auch in anderen Sport-, Musik- oder sonstigen Vereinen. Eine weitere Antwort aus der Umfrage: Die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, werde geringer.

"Das Amt ist der Inbegriff von unsexy."

Die Schiedsrichterei ist zeitaufwendig

Wer Schiedsrichter ist, muss Zeit investieren. Durch lange Anfahrten und teilweise mehrere Spielansetzungen pro Wochenende bleibt weniger Zeit für Familie, Beruf, Studium, Schule und andere Hobbys. 16 Teilnehmer der Umfrage berichten, dass fehlende Zeit ein Grund ist, warum Schiedsrichter aufhören.

Für einige fehlt die Wertschätzung 

Ein weiterer Grund, der ebenfalls häufig von den Teilnehmern der Umfrage genannt wird, ist fehlende Wertschätzung. Von "mangelndem Respekt gegenüber den Schiedsrichtern" oder "zu geringer Wertschätzung von den aktiven Fussballern und den Vereinen" ist zu lesen. Für einen Großteil der Befragten ist zu geringe Wertschätzung und Anerkennung der wichtigste Grund, warum Schiedsrichter in ihrer Gruppe nicht mehr pfeifen. Ein Befragter schreibt, das sei ein gesellschaftliches Problem, da "mangels Wertschätzung durch die Allgemeinheit" die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu betätigen, stark abnehme.

Welche Rolle spielen Beleidigungen gegenüber Schiedsrichtern?

Ebenfalls ein großer Teil der Befragten hält Beleidigungen, Beschimpfungen und verbale Anfeindungen für Ursachen des Schiedsrichter-Mangels. In den Antworten ist von "aggressiven Eltern bei Jugendspielen" und "steigende[r] Aggressivität auf und neben den Sportplätzen durch Zuschauer und Fans" zu lesen. Sechs Teilnehmer haben physische Gewalt oder die Angst davor als Grund dafür genannt, dass Schiedsrichter ihr Amt niederlegen. Ein Teilnehmer weist daraufhin, dass nicht allein die Gewalt gegen Schiedsrichter problematisch sei, sondern ebenfalls die Gewalt unter Spielern und Zuschauern.

Weitere Gründe, die von den Teilnehmern genannt wurden

Die Befragten haben weitere Ursachen genannt, die ihrer Auffassung nach dazu führen, dass Schiedsrichter ihre Tätigkeit beendet. Hier eine Auflistung:

  • hohe Einstiegshürde
  • geringe Aufwandsentschädigung
  • schlechtes Image
  • Stellenwert in den Vereinen zu gering, keine wertschätzende Behandlung
  • positive mediale Berichterstattung fehlt
  • altersbedingtes Aufhören
  • parallele Belastung durch Schule oder Beruf ist zu groß
  • Corona-Pandemie
  • Vetternwirtschaft bei Aufstieg in höhere Ligen, Bevorzugung bestimmter Kreise bei Aufstieg, Bevorzugung extrem/zu junger Schiedsrichter beim Aufstieg in höhere Ligen trotz Mangel an Erfahrung

Die Gründe sind vielfältig, dementsprechend benennen die Befragten unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten.

Schiedsrichter-Mangel: Das sind Lösungsvorschläge

Die Vereine hätten keinen richtigen Anreiz, Schiedsrichter-Nachwuchs zu fördern, schreibt ein Befragter. Mehrfach wird deshalb vorgeschlagen, härtere Sanktionen einzuführen, wenn Vereine das Schiedsrichter-Soll nicht erfüllen, also wenn sie im Verhältnis zu ihren Mannschaften im Spielbetrieb zu wenig Schiedsrichter stellen. Einige fordern, die Vereine nicht mit Geldstrafen wie bisher zu sanktionieren, sondern mit Punktabzug, dem Wegfall des Aufstiegsrechts oder mit Zwangsabstieg. Stellen Vereine keine aktiven Schiedsrichter, sollten sie nicht mehr am Spielbetrieb teilnehmen dürfen, schreibt ein Teilnehmer der Umfrage. Das Schiedsrichter-Soll könne eine Grundvoraussetzung, eine Auflage zur Teilnahme am Spielbetrieb, werden, schlägt ein Befragter vor. Eine weitere Möglichkeit sei es, einen verpflichtenden Schiedsrichter-Beauftragten in jedem Verein einzuführen. Ein anderer Teilnehmer fasst zusammen: "Wer Fußball spielen will, muss auch Schiedsrichter abstellen."

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Das Image der Schiedsrichterei aufbessern

Auch ein besseres Image spielt für viele der befragten Schiedsrichter-Vertreter eine wichtige Rolle. Vorschläge dazu sind unter anderem: mehr Rückendeckung für Schiedsrichter im Zusammenhang mit der Bundesliga-Berichterstattung, den Stellenwert des Schiedsrichters auch in der Bundesliga steigern und die positiven Seiten des Schiedsrichterseins in der öffentlichen Berichterstattung hervorheben. Meistens seien die Schiedsrichter nur dann in den Medien präsent, wenn es zu Problemen oder sonstigen Ausschreitungen komme, heißt es in einer Antwort.

Aufwandsentschädigungen erhöhen

Vorbereitung, Anfahrt, Spiel pfeifen, Spielbericht schreiben, Rückfahrt - die Schiedsrichterei ist zeitaufwendig. Viele Befragte schlagen deshalb eine höhere Aufwandsentschädigung vor. "Spesenanpassung im Jugendbereich - eventuell einen U18-Bonus" oder "bessere Spesen, bessere Bezahlung, höhere Aufwandsentschädigung", antworten einige.

Zudem wird in der Umfrage vorgeschlagen, das Management rund um das Spiel zu vereinfachen und somit wieder "mehr den Spaß, das Hobby in den Mittelpunkt zu rücken". Schiedsrichter im Fußballverband Rheinland seien etwa angewiesen, innerhalb von 60 Minuten den Spielbericht auszufüllen. Im Amateursport sei das jedoch die wichtigste Halbzeit: Unterhaltung mit den Sportlern bei einem kühlen Getränk.

Fazit: 23. Mann ist unverzichtbar

Benjamin Haug von der Schiedsrichtergruppe Calw wünscht sich, dass die Vereine geeignete Kandidaten stellen, dass die Spieler den Schiedsrichtern "Respekt" entgegenbringen und dass die Verbände die Strafen erhöhen und den Mannschaften bei Fehlverhalten Punkte abziehen. Nur so könne gelingen, woran alle interessiert sind: den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. "Und das geht ohne den 23. Mann nicht!"

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