Trainerin Daria Chudjakowa übt mit den Kindern Ballettschritte (Foto: SWR, Martin Thiel)

Krieg in der Ukraine

Kostenlose Ballettstunden in Stuttgart für ukrainische Kinder

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Dunja Fadel/Martin Thiel

Die gebürtige Russin Daria Chudjakowa war lange Balletttänzerin. Heute unterrichtet sie in der Tanzschule ihrer Mutter den Nachwuchs. Mit dabei sind nun auch Kinder, die mit ihrer Familie aus der Ukraine geflohen sind.

"Tanzen kennt keine Herkunft": Unter diesem Motto unterrichtet Daria Chudjakowa in der Ballettschule ihrer Mutter Natascha im Stuttgarter Stadtteil Stöckach. Jetzt bietet sie Kindern, die aus der Ukraine fliehen mussten, kostenlose Ballettstunden an. Für die 38-Jährige eine Selbstverständlichkeit. "Wenn man dadurch ein bisschen helfen kann, tut man es natürlich", sagt sie im Gespräch mit SWR Sport.

Ablenkung, Ausgleich und Zusammenführung von Nationen

Die Idee kam sofort, als klar war, es werden Geflüchtete nach Deutschland kommen. Weg von der Heimat in ein fremdes Land - ohne Freunde und mit dem schwerem Gepäck des Krieges: "Da ist es wichtig, Kinder direkt auf den richtigen Weg zu bringen und sie dabei zu unterstützen", sagt die Tänzerin. Das Training soll einen Ausgleich zu den schwer begreifbaren Geschehnissen bieten und den Kindern die Chance geben, ihre Ängste zu vergessen. Außerdem erhofft sich die Trainerin, die selbst einen sechsjährigen Sohn hat, die Kinder dadurch zusammenzuführen. "Wenn ein Kind mit anderen - auch russischen - Kindern zusammenkommt und sie Freunde werden, entsteht erst gar nicht der Eindruck, russische Kinder seien böse", sagt sie. Das Training soll Vorurteile schon vor dem Entstehen bekämpfen.

Trainerin Daria Chudjakowa übt mit den Kindern Ballettschritte.  (Foto: SWR, Martin Thiel)
Daria Chudjakowa trainiert mit ihren Ballettschülerinnen und Schülern. Mit dabei sind nun auch geflüchtete Kinder aus der Ukraine. Martin Thiel

"Der Hass, der jetzt entsteht, wird noch vielen Generationen weitergegeben."

Beim Tanzen spielt die Nationalität keine Rolle. Die Kinder sind gemeinsam auf der Fläche und unterstützen sich. Sie sind kreativ und entwickeln sich zusammen - ein Teamspirit, der Brücken bauen kann und gleichzeitig hilft, auf die Beine zu kommen. "Hier gibt es keine Besseren oder Schlechteren, nur ein 'Gemeinsam'", ergänzt Daria Chudjakowa.

Um die Kinder optimal zu fördern, ist das Training in zwei Gruppen aufgeteilt. Nachmittags, ab 15:15 Uhr, kümmert sich Chudjakowa um die Vier- bis Siebenjährigen. Im Anschluss folgen mit den Acht- bis Zehnjährigen die größeren Kinder. In beiden Gruppen tanzen nun auch ukrainische Mädchen.

Von Russland über Zürich und Berlin bis Stuttgart

Ihre Expertise hat die Trainerin von der ganz großen Bühne. Jahrelang war sie selbst Ballerina, tanzte unter anderem in den Opernhäusern in Zürich und Berlin. Schon als Baby krabbelte sie in der Tanzschule ihrer Mutter Natascha zwischen den Füßen von Ballerinas herum. Als Daria 15 Jahre alt war, kam die Familie in den 1990er-Jahren von Russland nach Deutschland. Die gebürtige Russin kennt das Gefühl, die Neue zu sein, auch wenn sie sehr gut aufgenommen wurde. Auch deshalb will sie nun helfen. "So kann ich mit dem, was ich am besten kann, meinen Beitrag leisten", sagt die 38-Jährige.

Kein Platz für Hass und Politik

Das Balletttraining gibt den Kindern ein Stück normales Leben zurück. Für die Trainerin ist das eine der wichtigsten Komponenten ihrer Arbeit, denn es wurde bereits deutlich, dass die Kinder mehr erlebt haben als sie sollten. "Ein Kind wollte eine meiner Schülerinnen schubsen, weil es dachte, man löst Probleme nun mit Gewalt", schildert die Trainerin. Eine Situation, die sie sofort auflöste.

Auch deshalb haben politische Themen keinen Platz in ihrem Ballettsaal. Die Kinder sollen Kind sein dürfen und dem Thema Krieg nicht mehr ausgesetzt sein als nötig. Die Eltern sind angehalten, die Tanzschule nicht zu einem Ort der politischen Debatte zu machen. Ohnehin sei der Krieg allgegenwärtig. Das Tanzen solle dabei helfen abzuschalten. Daria Chudjakowa drückt das - ihrem Wesen entsprechend - sehr direkt und kreativ aus: "In meiner Garderobe hängt ein Schild mit der Aufschrift 'art has no nation', am liebsten würde ich eines mit 'no politics here' darüber kleben". Also Kunst hat keine Nationalität und Politik hat in ihrem Ballettsaal nichts verloren.

Sie selbst findet trotzdem deutliche Worte zum Krieg. "Was dort passiert, ist einfach schrecklich", sagt die 38-Jährige. Krieg, so Chudjakowa, bringe nichts außer Leid für alle Beteiligten. "Die Politiker sollen das unter sich ausmachen und nicht auf dem Rücken der Zivilisten", fügt sie an.

Die ganze Familie hilft

Um Ukrainerinnen und Ukrainern den Neustart in Deutschland so einfach wie möglich zu machen, unterstützt auch der Rest der Familie die Geflüchteten. Darias Mutter Natascha trainiert ebenfalls ukrainische Flüchtlingskinder. Sie spezialisiert sich dabei auf Balletttänzerinnen, die bereits Vorerfahrung haben. Der Vater bietet kostenlosen Kunstunterricht an.

"Die Welt ist mein Zuhause."

Daria Chudjakowa hat durch ihre Engagements in ganz Europa früh gelernt, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Nun gibt sie ihre Expertise und offene Welteinstellung weiter. Auch wenn die Balletttrainerin durch die wechselnden Umstände mit vielen Zu- und Abgängen rechnet, bleibt das kostenlose Angebot für ukrainische Kinder bestehen, solange es nötig ist. Denn Tanzen kennt keine Nationen.

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