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Der Präsenzunterricht kann unter Einschränkungen an Grundschulen und Abschlussklassen wieder durchgeführt werden. Allerdings sieht die Verordnung des Kultusministeriums keinen Sportunterricht vor. Bekommt die Bewegung der Jugendlichen zu wenig Beachtung?

Prof. Dr. Ansgar Thiel, Direktor des Tübinger Sportinstituts, blickt besorgt auf die aktuellen Beschlüsse für den Schulsport. Während Hauptfächer wie Mathematik und Deutsch wieder im Präsenzunterricht stattfinden können, bleibt der Sportunterricht - einmal mehr - außen vor.

Dabei sei die Infektionsgefahr unter Einhaltung der Hygieneregeln im Sportunterricht sogar geringer als im Klassenzimmer, da die Abstände in Turnhallen oder unter freiem Himmel noch besser eingehalten werden können. Darüber hinaus "verbessert sportliche Betätigung das Immunsystem" und sorge für die psychische und physische Gesundheit der Jugendlichen, so Thiel.

Kultusministerium BW ohne klaren Plan für Präsenzunterricht im Sport

Auf Anfrage von SWR Sport verweist das Kultusministerium darauf, dass die Grundschulen bereits im Juli 2020 darauf hingewiesen wurden, "eine tägliche Bewegungszeit zur Rhythmisierung unabhängig vom Sportunterricht einzuplanen". Anregungen könnten sich die Schulen auf der Seite "lernen über@all" des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) holen. Außerdem sei das digitale Sportangebot "Mach mit - bleib fit!" speziell für Schülerinnen und Schüler entwickelt worden.

Doch ein klares Konzept, wie auch der Sportunterricht wieder in Präsenz stattfinden kann, gibt es nicht. Das Kultusministerium verweist lediglich darauf, dass man den praktischen Sportunterricht zwar wieder ermöglichen wolle, dies aber mit dem "Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen und auch nach Rücksprache mit den Gesundheitsfachleuten, u.a. vom Landesgesundheitsamt", geschehe.

Höhere Belastung der Lehrkräfte

Frederik Merz, Schulleiter der Merz-Schule in Stuttgart, bedauert, dass es aktuell keinen Sportunterricht gibt. Immerhin konnte er seinen Schülern in den letzten Wochen zumindest virtuelle Sportangebote anbieten. Doch durch den seit dieser Woche eingeführten Wechselunterricht sei es schwierig, weiterhin virtuelle Sportveranstaltungen anzubieten, "da die Schulen aktuell an den Grenzen des Machbaren arbeiten, wenn sie einen Stundenplan zusammenstellen", sagt Merz.

Benjamin Simmance, Sportlehrer an einer weiterführenden Schule, hat ebenfalls gute Erfahrungen mit dem Online-Sportunterricht gemacht. "Einige sind mit dem Konzept sehr gut zurecht gekommen. Natürlich lässt es sich aber nicht überprüfen, ob die Schüler auch mitmachen". Kritischer ist dagegen Michael Oelschlegel. Er unterrichtet Sport am Burg-Gymnasium in Schorndorf und äußerte Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes: "Man stellt als Lehrer ungern eigenes Bildmaterial ungeschützt ins Netz."

Kreatives Sportkonzept: "Beat the teacher"

Eine innovative Idee der Waldschule Degerloch ist die sogenannte "beat the teacher"-Challenge. Die Lehrerinnen und Lehrer forderten ihre Schüler im Seilspringen, Wandsitzen, Pingpong und Unterarmstütz heraus. In jeder Disziplin ging es darum, möglichst lange durchzuhalten. Die Schüler bekamen eine Vorbereitungszeit von drei Wochen und übten fleißig für diesen Wettbewerb. Am zwölften Februar kam es dann zum "Online-Duell" zwischen den Schülern und ihren Lehrern.

Schulleiter Kai Buschmann erhielt "sehr gute und positive Rückmeldungen." Von rund 660 Schülerinnen und Schülern hätten sich 61 an den Challenges beteiligt, was Buschmann als sehr guten Wert bezeichnete. Der Einsatzwille der Schüler wurde belohnt - drei der vier Disziplinen gingen an die Heranwachsenden, die ihren Lehrern somit keine Chance ließen und den Wettbewerb für sich entschieden.

Prof. Dr. Ansgar Thiel: "Es besteht ein Infektionsschutz-Paradox"

Trotz dieser positiven Beispiele aus der virtuellen Sportwelt liegt der Fokus der Schulen in den nächsten Wochen auf den Kernfächern. Prof. Dr. Ansgar Thiel bemängelt daher die fehlende Priorisierung des Sports. Es bestehe ein "Infektionsschutz-Paradox".

Man schützt die Menschen durch Lockdowns vor Infektionen, aber gleichzeitig nimmt die psychische Belastung zu und physisch baut die Bevölkerung immer mehr ab.

Prof. Dr. Ansgar Thiel

Laut des aktuellen Kinder- und Jugendsportberichts halten 80 % der Kinder das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Maß an Bewegung nicht ein. Für einen Großteil der Schüler sei es daher "eine Katastrophe", wenn der Sportunterricht ausfällt. Denn für viele ist das der einzige feste Sporttermin im Kalender.

Hygienemaßnahmen für den Sportunterricht

Dabei könne es mit den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft möglich gemacht werden, den Sportunterricht durchzuführen. Folgende Maßnahmen müssten beachtet werden:

Thiel mahnt: "Schulen haben eine Verpflichtung für die Gesundheit ihrer Kinder." Natürlich sollten die Schüler vor Infektionen geschützt werden, doch auch der steigende Bewegungsmangel darf nicht unterschätzt werden.

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