Kim Bui am Schwebebalken (Foto: IMAGO, IMAGO / Schreyer)

Turnen | Ganzkörperanzüge

Turnerin Kim Bui: "Ich ziehe an, worauf ich Bock hab"

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In München laufen aktuell die European Championships. Die deutschen Turnerinnen kämpfen dort nicht nur um die Plätze, sondern auch für mehr Selbstbestimmtheit in ihrem Sport.

Bis vor einem Jahr war ganz klar: Turnerinnen turnen in knappen hautengen Anzügen. Dann kamen die Olympischen Spiele in Tokio und die Turnwelt stand Kopf, denn die deutschen Damen liefen zum ersten Mal auf großer Bühne in Ganzkörperanzügen auf. Etwas, was bis dahin undenkbar war. Eine Revolution. Sogar die internationale Presse, wie die New York Times oder das People Magazine, berichten darüber. Dabei war die Botschaft denkbar einfach, wie die deutsche Rekordmeisterin Eli Seitz damals erklärte: "Zieht an was ihr wollt und wann ihr es wollt. Hauptsache ihr fühlt euch wohl."

Deutsche Turnerinnen im Ganzkörperanzug bei Olympia (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)
picture alliance/dpa | Marijan Murat

Umdenken findet statt

Turnanzüge mit langen Beinen sind nach dem Regelwerk nicht verboten, trotzdem hatte sich bei den Frauen die kurze Variante, ähnlich eines Badeanzugs, etabiliert. Trikots, in denen sich Eli Seitz nicht immer wohl gefühlt hat. "Wenn nur minimal was verrutscht, dann sieht jeder mehr als er sehen sollte", erzählt sie. "Vor allem, weil wir häufig auch Spagate machen." Mehr als einmal habe sie schon Bilder von sich gesehen, bei denen Fotografen die Kameras auf ihren Schritt gerichtet hatten.

Deshalb Ganzkörperanzüge. Und da merke man mittlerweile auch eine positive Entwicklung - ein Umdenken, das stattfinde, so Seitz. "Nur weil Dinge schon immer so waren, heißt es nicht, dass sie für immer so bleiben müssen."

Thema Selbstbestimmtheit im Fokus

"Für uns ist es nach wie vor wichtig dazu zu stehen", erklärt auch Trainings- und Mannschaftskollegin Kim Bui. Dabei sei für sie vor allem ein Thema im Fokus: Selbstbestimmtheit. Wer Lust auf einen kurzen Anzug habe, solle den tragen, wer lieber einen mit langen Beinen haben möchte, solle das auch tun können, erklärt die 33-Jährige. Sie selbst trägt beide Varianten und möchte andere Turnerinnen motivieren, dasselbe zu tun. "Wenn ihr Lust habt langbeinige Anzüge zu tragen, weil ihr euch darin wohler fühlt, dann tut das", apelliert sie, "wenn ihr das nicht wollt, dann ist das okay. Das ist eure eigene Entscheidung."

Deutsche Damen als Vorreiterinnen

Die Botschaft kam an. Nach ihrem Auftritt in Tokio erreichten Bui Nachrichten von Bundesliga-Vereinen, die sich daraufhin auch einen langbeinigen Anzug angeschafft hatten. "Hey Danke, ihr seid so ne Inspiration für uns gewesen, dass wir das auch machen wollen", erinnert sich Bui an eine der Nachrichten zurück. "Wenn ich so was dann lese, dann geht mir das Herz auf, weil ich mir denke: Den Einsatz, den wir gemacht haben und der Welt gezeigt haben, dass Turnen auch mit langen Anzügen schön und ästhetisch aussehen kann, der hat sich gelohnt."

Turnerinnen erleben Bodyshaming

Mehr Selbstbestimmtheit, mehr Gleichberechtigung und weniger Angriffsfläche für Kommentare zum Körper der Turnerinnen bieten - das ist das Ziel. Viel zu oft wird nur auf die knappen Outfits der Turnerinnen geachtet, ihr Körper beurteilt - vor allem in den sozialen Netzwerken. "Ich selbst hab leider auch was abbekommen in Richtung Bodyshaming", erinnert sich Eli Seitz. Ein User hatte sich damals abwertend über ihren Körper geäußert. "Ich bin froh, dass ich gefestigt genug bin und mich das nicht kaputt macht. Viele Leuten können daran aber kaputt gehen." Gerade das sei vielen Menschen, die anonym im Netz "Dampf ablassen", wohl nicht bewusst. "Mir tun solche Leute leid, die den Drang haben auf Social Media gegen andere Leute zu gehen", fasst Seitz zusammen.

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SWR