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Das Gewichtheben steckt in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Eine ARD-Doku deckt auf, wie im Weltverband Doping und Korruption praktiziert und vertuscht werden. Bei den Gewichthebern im Odenwald weckt das Hoffnung.

Fein säuberlich liegen die breiten, 25 Kilo-Hantelscheiben im "Kraft-Werk" Schwarzach bereit. Betrieben wird es von Oliver Caruso, einst Weltmeister und Olympia-Dritter von Atlanta, bis 2016 Bundestrainer der deutschen Gewichtheber. Heute trainiert er die starken Jungs von heute in Schwarzach im Odenwald, einer echten Gewichtheber-Region.

Europameister - auch weil zehn Nationen gesperrt waren

Einer davon ist Nico Müller, Europameister 2018 in Rumänien. Müller holte sich den Titel, weil es ausnahmsweise "cleane" Titelkämpfe waren. Zehn Nationen, darunter Russland, Kasachstan oder die Türkei waren damals gesperrt. Der heute 26-Jährige holte sich mit 346 kg in der Zweikampfleistung und mit 191 kg im Stoßen jeweils den Titel. Doch die Last, die seit Jahren auf dieser Sportart liegt, kann auch der Muskelmann Nico Müller nicht heben.

"Einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart"

Eine ARD-Dokumentation zeigt, wie skrupellos die olympische Sportart Gewichtheben regiert und in welchem Dilemma die sauberen Athleten stecken. Tamas Ajan, seit dem Jahr 2000 Präsident des Weltverbands der Gewichtheber, ist inzwischen für 90 Tage suspendiert worden. Auch Sportlern drohen Konsequenzen: So könnte die thailändische Star-Gewichtheberin Rattikan Gulnoi, Bronze-Gewinnerin von London 2012, ihre Medaille verlieren. Einem ARD-Undercover-Team schilderte sie, wie sie bereits mit 18 mit dem Dopen begann und wie dopingverseucht das Gewichtheben ist. Als sie die Mittel nahm, habe sie "einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart" bekommen. Nur ein Aspekt von vielen in der Dokumentation.

Oliver Caruso: "Wie wenn ich mit einer Pistole gegen einen Panzer kämpfen muss"

Für Oliver Caruso sind Doping-Fälle im Gewichtheben schon aus seiner eigenen Wettkampf-Karriere hinlänglich bekannt. Trotzdem tue es "unglaublich weh", wenn man sich lange auf einen Wettkampf vorbereite und es keine gleichen Bedingungen gebe. "Wir sehen es ja auch an den vielen positiven Fällen: über 700 in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, und es trifft halt immer die gleichen Nationen", moniert Caruso. Er vergleicht die ungleichen Wettkampfbedingungen: "Das ist wie wenn ich mit 'ner Pistole gegen einen Panzer kämpfen muss. Wenn ich eine Pistole hab' und muss gegen einen Panzer kämpfen, dann verliere ich den Wettkampf." Der Olympia-Dritte von 1996 fordert Gerechtigkeit, "sonst hat die Sportart keine Zukunft."

Nico Müller: "Ein doofes Gefühl"

Nico Müller, der Europameister von 2018, beschreibt es als "doofes Gefühl", zu internationalen Titelkämpfen zu fahren und nicht zu wissen, wer sauber ist und wer nicht. Dennoch sei er es gewohnt, da es im Jugendbereich bereits anfangen würde mit unsauberen Titelkämpfen. "Man fährt einfach zu den Wettkämpfen, man gibt sein Bestes - vielleicht hat man mal Glück wie 2018." Europameister-Titel als Glückssache.

Oft passiert es auch, dass durch nachträgliche Disqualifikationen Sportler auch Jahre später erst zu Siegern werden. Der prominenteste Fall: Die Spanierin Lydia Valentin, bei Olympia 2012 zunächst auf Rang vier. Die drei vor ihr platzierten Sportlerinnen aus Kasachstan, Russland und Weißrussland wurden nachträglich disqualifiziert. Vier Jahre später erst war Valentin Olympiasiegerin. Ein schwacher Trost. Auch Nico Müller spricht davon, dass man im Nachhinein dann eben schaue, welche Sportler wegen Dopings noch aus der Wertung rausfallen. "Ein doofes Gefühl", sagt der gebürtiger Obrigheimer.

"Ein komischer Beigeschmack ist immer dabei - aber man kann es nicht ändern"

In Deutschland seien die Kontrollen sehr streng, über eine App wird für die Doping-Kontrolleure genau dokumentiert, wo sich die Sportler aufhalten. Zudem gibt es Quartalsmeldungen, die man abgeben muss. "Wir sind eigentlich rund um die Uhr überwacht, der Kontrolleur kann immer kommen", sagt Müller zur Kontrolle in Deutschland. Die internationalen Wettkämpfe werden hauptsächlich von der ungarischen Anti-Doping-Agentur HUNADO durchgeführt, durch die Doping nachweislich auch vertuscht wurde. Müller wünscht sich daher "unabhängige Kontrollen von verschiedenen Kontrollorganisationen."

Oliver Caruso glaubt, dass die ARD-Dokumentation zu positiven Veränderungen führt

Die ARD-Doku hat das Gewichtheben erschüttert - und aufgerüttelt. Auch deswegen glaubt Oliver Caruso an eine positivere Zukunft seines Lieblingssports. "Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass es Veränderungen geben wird." Sein Vorschlag: ein gemeinsamer Weg mit den sauberen, korrekten Nationen und dem europäischen Verband. Mit dem aktuellen Weltverband sei das nicht möglich. Die mindestens 90 Tage dauernde Suspendierung des Uralt-Präsidenten Ajan ist dazu ein erster Schritt.

Dann können sie sich auch die starken Jungs im "Kraftwerk-Schwarzach" wieder Hoffnung machen, mit ihren gestemmten Kilos Medaillen gewinnen zu können.

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