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Kinder und Jugendliche leiden massiv unter dem Lockdown. Doch eine neue Regel gibt den Kids eine erste Perspektive. Beim VfL Winterbach bei Stuttgart erfreut das nicht nur die Kinder.

Sonntagmorgen, 10 Uhr, in Winterbach. “Habt ihr nichts gefrühstückt?”, neckt Daniel Reik seine Jungs. Der E-Jugendtrainer vom VfL Winterbach bringt seine Kicker zum Schwitzen. Koordinationssprünge über Stangen. Vor - zurück, links - zurück, rechts - zurück, ein Keuchen. Dann der letzte Sprung nach hinten, zurück - und zack, ein Sprint. Das bringt die Kicker ordentlich zum Pumpen.

Seit Dienstag letzter Woche (27. April) bietet der Verein von den Bambinis bis zur D-Jugend wieder gemeinsames Gruppen-Training an. Auch die Handballer und Turner können draußen trainieren. Obwohl die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis am Tag des Trainings bei 205 liegt.

Eine erste Perspektive

Wo zuvor die Notbremse eingriff, bietet sich den Kids nun eine erste Perspektive: Seit dem 24. April dürfen Kinder unter 14 Jahren auch bei einer Inzidenz über 100 im Freien trainieren: In Gruppen bis maximal fünf Personen und kontaktlos - so steht es in der derzeitigen Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg seit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes durch den Bund.

Auch wenn keine Zweikämpfe und damit auch kein Abschlussspiel möglich sind: Die Kids freuen sich dennoch. “Ich find’s einfach wieder geil, dass wir kicken und auf dem Platz stehen können”, sagt Liam. Die Nachwuchskicker sind motiviert – 12 von dreizehn Kindern aus der Mannschaft stehen auf dem Sportplatz und powern sich aus. In drei Vierergruppen trainieren sie an Stationen Koordination, Dribbling und Abschluss.

Kinder und Jugendliche leiden massiv unter dem Lockdown

Die Gemeinde Winterbach im Remstal hat knapp 8.000 Einwohner, der Verein VfL Winterbach 2.300 Mitglieder. Er hat die neue Verordnung vom 24. April schnell umgesetzt. Denn: Mit wenigen Ausnahmen konnten Kinder seit vielen Monaten nicht mehr in der Gruppe im Verein trainieren.

Noch nie haben sich Kinder und Jugendliche so wenig bewegt wie momentan. Nur 16 von 100 Kindern und Jugendlichen waren im zweiten Lockdown mindestens eine Stunde am Tag sportlich aktiv. Auch deshalb wollte der Verein seinen Kids so schnell wie möglich wieder ein gemeinsames Training an der frischen Luft anbieten. “Ich selber habe einen Junior, der kickt – und man merkt einfach, dass es daheim langsam schwierig wird. Das Schöne ist: Die sollen sich austoben und heute Abend dann gemütlich einschlafen, mal wieder mit Sport in den Knochen”, sagt Winterbachs Vorstand Michael Rieger.

Drei Trainer betreuen die Kids. Alle brauchen vor dem Training einen negativen Corona-Schnelltest, der nicht älter als 24 Stunden sein darf - ein Aufwand für die ehrenamtlichen Trainer, was sie aber gern machen: “Mir macht’s einfach Spaß. Wenn ich dann sehe, dass die Jungs da mitziehen und auch miteinander den Spaß haben, dann kommt man gerne her”, sagt Trainer und Jugendleiter Daniel Reik.

Der Bürgermeister und die "schlaflosen Nächte"

Gefühlt habe man sich fast wöchentlich auf neue Vorschriften einstellen müssen, so Winterbachs Bürgermeister Sven Müller. Dabei seien juristische Spitzfindigkeiten und der gesunde Menschenverstand oft nicht einhergegangen. Manchmal habe er deshalb auch die “Hände über dem Kopf zusammengeschlagen”, sagt Müller. “Wir haben auch Briefe von Kindern bekommen, die mich persönlich angeschrieben haben: Bitte mach den Sportplatz wieder auf, wir wollen uns treffen.”

Grundrechte auf der einen, der Infektionsschutz auf der anderen Seite - keine einfache Situation: "Den Zwang und die Notwendigkeit, auch bei den Kids und auch das Miteinander, die Gesellschaft auch wieder zusammenzuführen, das Ehrenamt zu stärken, das sind dann manchmal schon auch schlaflose Nächte oder Gedankengänge nachts gewesen, wo du überlegt hast: 'Wie kannst du das jetzt am besten zusammenbringen?'”

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Kinder dürfen also wieder Sport machen. Vorausgesetzt, sie haben ihr 14. Lebensjahr noch nicht vollendet, trainieren in Kleingruppen von maximal fünf Personen, bleiben im Freien und haben einen frisch getesteten Übungsleiter an ihrer Seite. Das ist möglicherweise gut gemeint, aber nicht gut gemacht, findet SWR Sport Redakteur Christoph Pietsch.  mehr...

Während die 13-jährigen der C-Jugend in Gruppen zu fünft trainieren dürfen, muss sich der ältere, vierzehnjährige Teil der C-Jugend mit Individualtraining zu zweit begnügen. “Man darf nicht Sachen hinterfragen, die man nicht ändern kann”, sagt Rieger, vielmehr müssen man schauen, was man als Verein umsetzen könne. “Natürlich ist es aufwendig, aber wir geben halt Gas, dass wir das machen können, was die Kinder dürfen. Und es gibt Sachen, die kann man eben nicht ändern - man muss einfach machen."

Welche Folgen hat der Lockdown für den Amateursport?

2.000 Euro hat der Verein mithilfe von Sponsoren in die medizinischen Schnelltests investiert. Das hat sich nicht nur für die Kids, sondern auch für die Ehrenamtlichen des Vereins gelohnt: “Man grüßt wieder, man lobt einen. Das ist der Lohn des Ehrenamts, wenn man Kinder lachen hört”, sagt Vorstand Rieger.

Der FSV Waiblingen bietet seinen Fußballern derzeit Einzeltrainings auf dem Platz an. Der ein oder anderen Mannschaft wolle man in dieser Woche noch kontaktlose Gruppentrainings zu fünft anbieten. “Da sind wir grad dran”, sagt Jugendleiter Sandro Palmeri. Die Frage sei nur die Umsetzung: “Durch die Einzeltrainings wird die Platzkapazität irgendwann eng. Das Training Corona-konform zu gestalten ist nicht leicht.”

Kampf gegen Kündigungen

Auch in Waiblingen sei die Mehrheit der Kinder froh, auf dem Platz sein zu dürfen, so Palmeri. Dennoch merkt der Jugendleiter aber auch, dass sich manche Kids vom Verein abwenden: “Wir haben ein paar Spieler, die durch Corona gekündigt haben, weil sie den Spaß am Fußball verloren und unter diesen Bedingungen keine Lust haben, aktuell im Verein zu sein”, sagt Palmeri. “Pro Team haben wir mindestens zwei bis drei Spieler durch die Corona-Pause verloren.” Manche Eltern müssten ihre Kinder fast zum Training zwingen, weil sie erstmal wieder Zeit bräuchten, ihren inneren Schweinehund zu besiegen. “Das ist eine total schwierige Situation für alle”, betont Palmeri.

Herasuforderungen für viele Vereine zu groß

Trotz der geänderten Regel gibt es auch bei den unter 14-Jährigen einige Kinder und Jugendliche, die immer noch nicht im Verein trainieren können. Denn: Nicht alle Vereine können dem Nachwuchs unter den gegebenen Umständen ein Training anbieten. Vor allem für kleinere Vereine ist das eine oft zu große Herausforderung. Aufwand für die Einhaltung der Verordnung und Nutzen für Kinder und Trainer würden in keinem Verhältnis stehen, so Jugendleiter Florian Hämmerle von der Spielgemeinschaft SG Altheim Grünmettstetten, zweier kleiner Dorfvereine aus Horb am Neckar. “Was willst du mit fünf Kindern trainieren? Das kannst du vergessen”, sagt Hämmerle enttäuscht.

Noch sind die Spätfolgen des Lockdowns für den Amateursport nicht einschätzbar. Ein Jugendbezirkswart befürchtete zuletzt im Interview mit SWR Sport, dass dem Amateurfußball durch die Pandemie der Nachwuchs wegbricht. In Winterbachs E2-Jugend von Daniel Reik & Co. sind noch alle dabei. “Ein bisschen fauler sind sie geworden”, sagt Reik aber. Das wird ihnen ihr Trainer in Zukunft abtrainieren - und sie wieder schmunzelnd fragen: "Habt ihr nichts gefrühstückt?"

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