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Seit dem 28. März 1971 gibt es das "Tor des Monats" in der ARD Sportschau. Auch aus dem Südwesten gab es eine Vielzahl an Gewinner*innen, die mit akrobatischen, spektakulären, wichtigen oder sogar zeithistorischen Treffern glänzten. SWR Sport stellt einige davon vor. Heute: Unsere Besten - die Torschützen des Jahres aus dem Südwesten.

Als Jürgen Wilhelm am 2. Oktober 1983 mit seinem Verein Hassia Bingen auf den FC Homburg traf, konnte er nicht ahnen, dass ihm in diesem Spiel der bisher größter Erfolg in seiner Karriere gelingen sollte. Wilhelms erfolgreichste Zeit als Fußballer lag zu diesem Zeitpunkt bereits elf Jahre zurück: Für Borussia Dortmund erzielte Wilhelm als Stürmer von 1971 bis 1972 in sieben Spielen drei Bundesligatore.

Es blieben seine einzigen Einsätze in Deutschlands höchster Spielklasse: Wilhelm stieg mit Dortmund aus der ersten Liga ab. Nach einer Saison und acht Toren in der Regionalliga West für Dortmund wechselte Wilhelm zurück in die Heimat.

Den Großteil seiner Karriere verbrachte der in Rheinland-Pfalz geborene Kicker im südwestdeutschen Amateurfußball bei Eintracht Bad Kreuznach und Hassia Bingen. Für Bingen spielte der damals 32-Jährige als Libero. Was also sollte an jenem Tag im Oktober 1983 schon passieren, in einem Spiel der Amateur-Oberliga Südwest, der damaligen dritten Liga? Doch ausgerechnet im Trikot eines Amateurvereins gelang Wilhelm Historisches.

53 Minuten waren gespielt, als Jürgen Wilhelm ein Kunststück vollbrachte: Eine Flanke verwertete der Stürmer vom Elfmeterpunkt links oben ins Eck - per direktem Seitfallzieher. Es war das 2:1 für seine Mannschaft aus Bingen am Rhein, das knapp 30 Kilometer entfernt von Mainz liegt.

"Die Flanke war eigentlich verunglückt. Es war Glück, dass ich den Ball überhaupt noch erreicht habe", sagt Wilhelm über seinen Treffer im Gespräch mit SWR Sport. Bingen gewann am Ende mit 3:2.

Sein Tor war eine akrobatische Meisterleistung, die ihn noch einmal in den Fokus der Öffentlichkeit rückte: Über 200.000 Zuschauer der ARD Sportschau wählten Wilhelms Tor zum besten des Jahres 1983. Er setzte sich dabei gegen die Treffer namhafter Spieler wie Felix Magath und Rudi Völler durch - und schrieb Geschichte: als erster Torschütze des Jahres aus dem Amateurfußball. Ein großer Erfolg für Wilhelm, wie er in einem Auftritt bei der Sportschau 1984 erzählte.

Ein gebürtiger Karlsruher lässt eine ganze Nation aufatmen

13 Jahre später gelang auch Oliver Bierhoff Historisches. Der gebürtige Karlsruher sorgt am 30. Juni 1996 für die Jubelsprünge einer ganzen Fußballnation. Im Europameisterschafts-Finale gegen Tschechien wurde Bierhoff eingewechselt. Es war erst sein drittes Pflichtspiel für Deutschland. Erst glich Bierhoff das Spiel aus, dann schoss er Deutschland mit seinem Treffer zum 2:1 in der 95. Minute zum Europameister. Bierhoffs Siegtor war das erste "Golden Goal" in der Geschichte des Fußballs. Die Zuschauer der Sportschau wählten es zum Tor des Jahres 1996.

Das Kuriose: Berti Vogts, damals Bundestrainer, war sich vor der EM unsicher, ob er Bierhoff überhaupt nominieren sollte. Erst seine damalige Frau Monika soll Vogts von Bierhoffs Nominierung überzeugt haben.

Oliver Bierhoff (rechts knieend) jubelt nach seinem Golden Goal zum 2:1 und wird von Jürgen Klinsmann (li.) und Thomas Häßler beglückwünscht. (Foto: Imago, IMAGO / Horstmüller)
Ein Tor für die Ewigkeit: Oliver Bierhoff (rechts knieend) jubelt nach seinem Golden Goal zum 2:1 und wird von Jürgen Klinsmann (li.) und Thomas Häßler beglückwünscht. Imago IMAGO / Horstmüller

Tor des Jahres 2010: Der Strahl von Stahl

Kurios war auch das Tor des Jahres 2010 von Michael Stahl. In der 2. Runde des DFB-Pokals traf der in Rheinland-Pfalz geborene Fußballer mit der TuS Koblenz auf Hertha BSC Berlin. In der Vorsaison hatte Stahl noch für die zweite Mannschaft in der Bezirksliga gekickt - nun gelang ihm mit seinem Weitschuss-Tor aus 61 Metern der 1.0-Führungstreffer für den Underdog, der sich am Ende mit 2:1 gegen die Hertha aus Berlin durchsetzte.

Petersens Geniestreich aus 40 Metern

Ein ähnliches Traumtor schoss Nils Petersen im Trikot des SC Freiburg. Im Spiel gegen Borussia Dortmund fing Petersen 2018 einen Ball im Aufbauspiel der Dortmunder ab und sah, dass BVB-Keeper Roman Bürki weit vor seinem Tor stand. Es folgte ein Geniestreich: Aus 40 Metern hob Petersen den Ball über Bürki hinweg ins Tor - das 2:1 für die Freiburger. Zuvor hatte Petersen bereits für den SC ausgeglichen. Das Spiel endete zwar 2:2, doch Freiburg konnte erstmals nach 16 Jahren wieder in Dortmund punkten - auch dank Schlitzohr Petersen, dessen Treffer zum Tor des Jahres 2018 gewählt wurde.

Ein Fallrückzieher gegen den FC Bayern München

Unter den Toren des Jahres mit Südwest-Beteiligung reihen sich neben Weitschusstoren und Seitfallziehern auch Fallrückzieher ein. Der wohl Spektakulärste gelang dem in Göppingen geborenen Jürgen Klinsmann, im Trikot des VfB Stuttgart - als 23-Jähriger im Spiel gegen die Bayern im Jahr 1987. Auch der 1. FC Kaiserslautern hat einen Torschützen des Jahres gehabt: Olaf Marschall, der im September 1998 für den damaligen amtierenden Meister im Spiel gegen Hertha BSC Berlin traf - natürlich auch per Fallrückzieher.

Wilhelm ist in Kreuznach eine Legende

Anders als Klinsmann, Marschall & Co. blieb Jürgen Wilhelm der Traum von der großen Fußballkarriere verwehrt. Doch rund um seinen Wohnort und Ex-Verein Bad Kreuznach ist der heute 70-Jährige eine Legende. Für Kreuznach schoss er allein in einer Saison 49 Tore. Dem Fußball ist Wilhelm auch nach seiner Spielerkarriere treu geblieben: 2007 stieg er mit dem FSV Bretzenheim in die Landesliga auf - als Spielertrainer, mit 57 Jahren. Seine körperliche Fitness begründet Wilhelm mit ehrgeizigen Trainingseinheiten: "Wenn ich etwas angefangen habe, habe ich das richtig gemacht."

Fußballer Jürgen Wilhelm im Trikot von Borussia Dortmund.  (Foto: Imago, IMAGO / Sven Simon)
Jürgen Wilhelm spielte von 1970 bis 1973 bei Borussia Dortmund. Für den Stürmer reichte es aber nur zu sieben Einsätzen in der Bundesliga. Imago IMAGO / Sven Simon

Wilhelm kickt noch immer

Noch heute hat Wilhelm Kontakt zu seinen Mitspielern aus der Amateuroberliga - mit einigen trainiert er noch mittwochs und donnerstags bei der Kreuznacher Altherrenmannschaft. "Ich muss mich ja bewegen", sagt Wilhelm dazu - und es klingt fast so, als wäre es für ihn das Normalste auf der Welt, mit 70 Jahren immer noch zu kicken. Und mit seinem Traumtor im Jahr 1983 gelang es ihm, sich als Amateurfußballer in die Liste prominenter Fußball-Größen einzureihen - und sich einen Namen als Vorgänger von Petersen, Klinsmann & Co. zu machen.

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