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Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau wollte der Mainzer Guido Kratschmer die Goldmedaille holen. Doch dann marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein und alles wurde anders.

Guido Kratschmer gilt als der deutsche Sportler, den der Olympiaboykott 1980 am härtesten traf. Der Zehnkämpfer aus Mainz gewann vier Jahre vorher Silber, galt als Goldfavorit. Er wollte den Höhepunkt seiner Karriere feiern. Diese Chance wurde ihm genommen. Am 19. Juli 1980 begannen die Olympischen Spiele in Moskau - ohne ihn.

Mai 1980: Westdeutsches NOK beschließt Boykott

Es war der 15. Mai 1980, die Mitgliederversammlung des westdeutschen Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Millionen Fernsehzuschauer konnten die Diskussion live mitverfolgen. US-Präsident Jimmy Carter hatte bereits den Verzicht der USA bei den Spielen in Moskau als politische Reaktion auf den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan durchgesetzt. An jenem 15. Mai wurde über die Haltung der Bundesrepublik diskutiert. Mit dabei auch Thomas Bach, als damaliger Athletensprecher der einzige Aktive, der sich äußern durfte. Gehört wurde er nicht. Am Ende sprach sich die Mehrheit der Delegierten für einen Boykott aus, 59 zu 40. Es war das erste Mal überhaupt, dass Deutschland freiwillig auf eine Teilnahme an Olympischen Spielen verzichtete.

Der Traum von Olympia-Gold geplatzt

Für Guido Kratschmer zerplatzte ein Traum. Drei Jahre lang hatte er sich voll auf die Spiele in Moskau fokussiert, wollte den Sieg holen und war sich sicher, dass ihm das gelingen könnte.

"Nach meiner Silbermedaille in Montreal war mir eigentlich klar: '80, da wirst du die Goldmedaille gewinnen"

Guido Kratschmer, 2020

Als Zeichen für seine sportliche Überlegenheit und als Trotzreaktion auf die Entscheidung des NOK kündigte Kratschmer an, einen Weltrekord im Zehnkampf aufstellen zu wollen. Kurz vor den Spielen, am 14. Juni 1980, gelang ihm das. "Im Nachhinein ist es eine Rechtfertigung und es ist ein wunderbares Gefühl es geschafft zu haben. Der Weltrekord war eine unheimliche Genugtuung, es tut einem gut, dass man das geschafft hat. Aber so glücklich war ich nicht, weil es nicht das war, was ich mir eigentlich als Ziel gesetzt hatte", sagt Kratschmer 40 Jahre später.

Kratschmer als Zuschauer zu den Spielen

Zu den Olympischen Spielen nach Moskau reiste er trotzdem. Er war live dabei, aber eben nur als Zuschauer. Lange hatte er überlegt und sich dann gesagt: "Warum eigentlich nicht?" Heute ist er froh, dass er es gemacht hat:

"Weil ich erlebt habe, dass der Boykott in der Bevölkerung gar nichts bewirkt hat, das kam gar nicht da an. In keiner Weise kam es an, dass das boykottiert wurde. Im Gegenteil, die Russen haben noch mehr Medaillen gewonnen. Das hat mich dann auch besonders getroffen, so im Nachhinein."

Guido Kratschmer, 2020

Heute kann Kratschmer besser mit allem umgehen. "Inzwischen klingt es nicht mehr so an wie früher, aber die Emotionen kommen immer noch leicht hoch", sagt er. Unmittelbar danach habe es ihn unheimlich betroffen, inzwischen könne er gut darüber reden, so der heute 67-Jährige. Trotzdem werde es immer schlimm bleiben.

"Olympia ist einfach das Nonplusultra. Man kann das mit nichts anderem vergleichen. Wer es nicht erlebt hat, der kann es auch nicht beschreiben."

Guido Kratschmer, 2020

1984 in Los Angeles war Kratschmer wieder dabei, wurde Vierter. Für den Zehnkämpfer war die Luft raus. Er selbst sagt, in Moskau '80 wäre er auf dem Zenit seiner Leistung gewesen, mit 27 im besten Sportleralter. Danach wollte er alles lockerer nehmen, nur noch so trainieren, dass es ihm Spaß macht.

Kratschmer fährt weiter zu Olympischen Spielen

Ihre Faszination haben die Olympischen Spiele für Kratschmer trotz allem nie verloren. Er versucht weiterhin so oft wie möglich als Zuschauer dabei zu sein, war zum Beispiel 2000 in Sydney und 2012 in London. Moskau 1980 war für Guido Kratschmer eine verpasste Lebenschance. Olympische Spiele aber sind für ihn bis heute das Allergrößte.

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