Der Judoka Saeid Mollaei ersucht derzeit in Deutschland um Asyl (Foto: Privat)

Judo | Hintergrund Judo-Star Saeid Mollaei: Olympia-Gold gegen das Leid

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Der Iraner Saeid Mollaei wollte bei der Judo-WM in Tokio seinen Titel verteidigen. Der Iran hatte jedoch etwas dagegen und drohte seinem Athleten. Darum setzte sich Mollaei nach Baden-Württemberg ab.

Wir treffen Saeid Mollaei in einem Hotel in Süddeutschland. Der 27-jährige Iraner wirkt angesichts dessen, was er in den vergangenen Wochen und Monaten erleben musste, erstaunlich ruhig und aufgeräumt. Er hat eine weitreichende Entscheidung getroffen, die sein Leben verändern wird. Der Judo-Weltmeister von 2018 sagt im SWR-Gespräch: "Ich habe mich für ein selbst bestimmtes Leben entschieden und will im nächsten Jahr in Tokio Olympiasieger werden." Nicht als Athlet des Iran, sondern als Sportler eines anderen Staates oder unter der Flagge des Internationalen Olympischen Komittees (IOC).

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Um zu verstehen, warum der Modell-Athlet diese Entscheidung getroffen hat, muss man erzählen, was Mollaei vor 14 Tagen bei der Judo-WM in Tokio passiert ist. Er war in die japanische Hauptstadt gereist, um seinen Titel in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm zu verteidigen. 2018 hatte er bei der WM in Aserbaidschan triumphiert - als erster iranischer Judoka seit 15 Jahren. Mollaei war auch in Tokio in Topform. In den ersten Kämpfen ließ er seinen Gegnern keine Chance. Alles deutete darauf hin, dass er das Finale erreichen und dort auf den ebenfalls bärenstarken Israeli Sagi Muki treffen würde.

Saeid Mollaei besiegte den Russen Khasan Khalmurzaev bei der Judo-WM in Tokio (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Tetsuya Kikumasa)
Saeid Mollaei besiegte den Russen Khasan Khalmurzaev bei der Judo-WM in Tokio Tetsuya Kikumasa

Drohungen aus dem Iran

Am 29. August erhält Mollaeis Trainer einen Anruf vom stellvertretenden iranischen Sportminister. Die Anweisung ist eindeutig: Mollaei soll nicht weiterkommen. Seit Jahrzehnten verbietet der Iran seinen Sportlern, gegen Athleten aus Israel anzutreten. Der Iran erkennt Israel als Staat nicht an. Mollaei widersetzt sich der Anordnung. Er kämpft weiter und besiegt auch seine nächsten Gegner.

Unmittelbar vor dem Halbfinalkampf dringt ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft zu Mollaei in die Aufwärmhalle vor. Es kommt zu einem Videoanruf mit dem Chef des iranischen Nationalen Komittees. Mollaei erfährt, dass Sicherheitskräfte am Haus seiner Eltern waren. Eine klare Drohung. Mollaei bringt seinen Pass in Sicherheit und geht auf die Matte. "Es war extrem schwierig für mich," erzählt er rückblickend. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich musste mich entscheiden. Ich fühlte mich verloren und hatte große Angst. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren und musste in diesem Zustand auf die Matte." Er verliert sein Halbfinale gegen den Belgier Matthias Casse knapp. Nach dem Kampf brechen Wut, Angst und Verzweiflung aus ihm heraus.

Als Iraner ein Held in Israel

Trotzdem bestreitet Mollaei auch noch den Kampf um die Bronzemedaille. Doch er unterliegt gegen den unerfahrenen Gegner. Der Israeli Sagi Muki holt sich den Weltmeistertitel. Auf Instagram gratuliert Mollai seinem Nachfolger und wird für diese Geste in ganz Israel gefeiert. Muki, der neue Weltmeister, reagiert gerührt: "Danke, Saeid. Du bist eine Inspiration als Mensch und als Athlet."

Nach der WM setzt sich Mollaei nach Deutschland ab. Im Großraum Mannheim/Heidelberg lebt seine Partnerin. Mit Fabienne Bruckmann ist Mollaei seit längerer Zeit liiert, der Iraner ist regelmäßig bei ihr und ihren Eltern. Er besitzt ein Visum für zwei Jahre. Asyl habe er - entgegen anderer Meldungen aus dem Iran - nicht beantragt.

Beliebt beim KSV Esslingen

Auch beim KSV Esslingen (bei Stuttgart) nimmt man Anteil am Schicksal des Iraners. In der laufenden Saison bestritt Mollaei schon zehn Kämpfe für den schwäbischen Bundesliga-Verein. Trainer Carsten Finkbeiner schwärmt von seinem Athleten: "Saeid ist ein Typ mit zwei Gesichtern. Auf der Matte ist er ein Kämpfer, ein echtes Tier. Privat ist er dagegen ein ruhiger, sympathischer und sensibler Mensch. Er ist in der Mannschaft super integriert. Wir mögen ihn alle." Deshalb soll Mollaei auch schon wieder am kommenden Wochenende beim Bundesliga-Kampf in Abensberg für den KSV Esslingen ran.

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Olympisches Gold soll Leid lindern

Große Unterstützung für seine internationalen Ambitionen erhält Mollaei von der Internationalen Judo-Föderation (IJF). "Die IJF war immer über meinen Fall informiert," sagt er. "Der Verband hat versprochen, mir zu helfen, damit ich 2020 an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen kann. Entweder unter der Olympischen Flagge im Team der Flüchtlinge oder als Athlet eines anderen Staats."

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Mollaei hat sich für seinen Traum vom Olympiasieg entschieden - und damit gegen eine Rückkehr in sein Heimatland. "Ich weiß nicht, ob ich jemals in den Iran zurückkehren kann," erzählt er sichtlich betroffen. "Darunter leide ich sehr." Auch seine Familie wird er vielleicht niemals wiedersehen können. Seinen Eltern möchte er dann seine olympische Goldmedaille widmen, die er 2020 in Tokio anstrebt. "Vielleicht wird das Olympische Gold irgendwann mal unser Leid lindern."

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