Michael Sternkopf (Foto: SWR)

Fußball | Hintergrund Michael Sternkopf: Eine Karriere mit Ängsten und Depressionen

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Michael Sternkopf, ehemaliger Profi des Karlsruher SC und des FC Bayern München, litt fast während seiner gesamten Karriere an Depressionen und Ängsten. Heute spricht er schonungslos offen über seine Krankheit und die Fußball-Branche.

Am Anfang ist die Leichtigkeit. Michael Sternkopf ist erst 18, als er einen Profivertrag beim Karlsruher SC erhält. Der junge Schlaks war mit 14 Jahren zum KSC gekommen und hatte sich unter Jugendtrainer Rainer Ullrich prächtig entwickelt. So prächtig, dass Proficoach Winfried Schäfer den schnellen Offensivspieler 1988 in den Bundesligakader der Badener holt. Gleich in seinem ersten Bundesligaspiel erzielt "Sterni", wie er von allen gerufen wird, sein erstes Tor im Fußball-Oberhaus. Im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen trifft der Jungstar schon nach sechs Minuten zur 1:0-Führung. Was für ein Bundesliga-Debüt.

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Der Wirbelwind vom Wildpark

"So vom Kopf her frei zu sein, wie ich’s in Karlsruhe war, habe ich nie mehr gespielt", erzählt er im SWR-Gespräch. Der Wirbelwind mit den dünnen Beinen stürmt auch schnurstracks in die Herzen der KSC-Fans. Hier lieben sie ihn. Er ist als gebürtiger Karlsruher einer von ihnen. Das Wildparkstadion ist sein Wohnzimmer. Hier fühlt er sich unbekümmert und pudelwohl. Hier kann er das tun, was er am liebsten macht: Fußball spielen und die Leute unterhalten. "Damals habe ich über Fehler gar nicht nachgedacht, ich habe einfach drauflos gespielt," sagt er.

Michael Sternkopf zu seiner Zeit beim Karlsruher SC (Foto: Imago, Kicker/Liedel)
Michael Sternkopf zu seiner Zeit beim Karlsruher SC Imago Kicker/Liedel

Auch in der deutschen U21-Nationalmannschaft startet Sternkopf durch. Der damalige Bundestrainer Berti Vogts ist vom Sturm und Drang des langhaarigen Karlsruhers angetan. "Ich bin froh, dass wir so einen Spieler in Deutschland haben. Man ist froh um jeden Star in der Bundesliga. Man ist froh, wenn ein Junger allein mit wehenden Haaren über den Platz läuft. Er setzt schon enorme Akzente." Das merken auch die Bayern. Manager Uli Hoeneß und Trainer Jupp Heynckes locken ihn nach München. Als erster KSC-Spieler wechselt Sternkopf an die Isar. Viele weitere (Oliver Kreuzer, Mehmet Scholl, Oliver Kahn, Thorsten Fink, Michael Tarnat) werden folgen.

"Es hat sich scheiße angefühlt"

Mit 20 Jahren wechselt Sternkopf zum Giganten der Liga - für die damalige Rekord-Ablösesumme von 3,4 Millionen Mark. Doch das große deutsche Fußball-Talent ist plötzlich nur noch ein Mitläufer in einer Ansammlung von Weltstars. 1990 ist Deutschland Fußball-Weltmeister geworden. Allein sechs Titelträger spielen beim FC Bayern. Hinzu kommen viele internationale Stars aus anderen Ländern. Die Folge: Sternkopf sitzt oft auf der Bank, ist viel verletzt - und verliert seine Unbekümmertheit.

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Nach 14 Monaten bei den Bayern sucht er sich Hilfe. "Ich bin damals zum Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt gegangen. Ich habe ihm gesagt ‚Ich kann mich kaum konzentrieren. Ich zittere. Meine Augen werden schnell müde.‘ Ich weiß nicht, ob das eine Depression war, aber es hat sich scheiße angefühlt. Ich kam damit einfach nicht mehr klar."

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"Harte Zeit" für Sternkopf

Sternkopf wird an einen Psychiater verwiesen. Der verschreibt ihm Anti-Depressiva. Über seine psychischen Probleme soll der junge Profi lieber nicht reden. Er erinnert sich: "Damals hieß es dann: 'Sieh zu, dass das der Verein nicht erfährt, denn dann ist deine Karriere womöglich in Gefahr.' Was natürlich den Druck nicht geringer macht, wenn man das für sich behalten muss. Das war hart." Nur sein Zimmerkollege und Freund Oliver Kreuzer bekommt damals mit, dass er regelmäßig diese Pillen schluckt.

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Nassgeschwitzt vor Angst

Sternkopf hält sich mit Medikamenten über Wasser. In manchen Spielen blitzt gelegentlich sein Können auf. Dann ist er wieder der kleine Junge, der eigentlich nur Fußballspielen will. Doch der Druck im Verein, das Gerangel um die Stammplätze, die Erwartungen der Fans und Medien und der eigene hohe Leistungsanspruch machen ihm permanent zu schaffen. "Ich saß teilweise im Bus - egal, mit welchem Verein - vom Hotel ins Stadion, dann sind wir da angekommen, und ich war nassgeschwitzt vor lauter Angst zu versagen später auf dem Platz. Wenn du solche Gedanken und Gefühle hast, dann ist es natürlich wahnsinnig schwer, deine Leistung zu bringen." Trotzdem hält Michael Sternkopf durch. Nach der Station bei den Bayern (1994 gewinnt er den Meistertitel) spielt er noch für Mönchengladbach, Freiburg, Bielefeld und Offenbach.

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16 Jahre zieht er durch als Fußballprofi - immer wieder geplagt von Versagensängsten und den körperlichen Reaktionen. "Wie oft saß ich im Flieger, wenn wir dann wieder nach dem Spiel zurück sind, ich hatte Magenkrämpfe und habe gekotzt, obwohl eh nichts drin war. Aber das sieht ja niemand, und da spricht niemand darüber. Das gab’s früher bei mir und auch bei anderen, und das wird es auch heute geben."

Auch später, als Manager von Kickers Offenbach, hat er psychische Probleme. 2011 zieht er die Reißleine. Sternkopf macht seine Burnout-Erkrankung öffentlich - ähnlich wie der frühere KSC-Torhüter Markus Miller - und lässt sich in einer Klinik im Schwarzwald behandeln.

"Es hat sich nach Enkes Tod nichts geändert"

Sternkopf macht es anders als der ehemalige Nationaltorwart Robert Enke, mit dem er in seiner Gladbacher Zeit zusammen spielte. Enke verschwieg, dass er unter schweren Depressionen litt. Aus Angst, dass dies seiner Karriere und seiner Familie schaden könnte. Am 10. November 2009 beging Enke Selbstmord. Seither hat seine Frau Teresa mit ihrer Robert-Enke-Stiftung einiges erreicht in Sachen Aufklärung zum Thema Depressionen. Es gibt mittlerweile ein Netzwerk von 70 Psychiatern, die die Profis bei mentalen Problemen kontaktieren können. Das ist schon viel in einer Gesellschaft, in der psychische Erkrankungen häufig stigmatisiert werden. Doch Sternkopf reichen diese ersten Erfolge nicht.

"Meiner Meinung nach hat sich in den vergangenen zehn Jahren seit Roberts Tod nichts geändert," stellt er ernüchtert fest. Noch immer würden die Medien Spieler teilweise gnadenlos kritisieren, ohne zu hinterfragen, was sie bei dem Menschen anrichten. Noch immer würden Trainer regelmäßig in Frage gestellt, obwohl sie kurz zuvor noch Erfolg hatten. Auch die sozialen Medien würden die Spieler mit vernichtender Kritik überschütten.

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Über Schwächen reden

"Ich würde mir wünschen, dass sich etwas dahingehend ändert, dass man in der Öffentlichkeit auch mal über Schwächen sprechen darf, ohne dafür bestraft zu werden," sagt Sternkopf. Er selbst tut dies. Nicht mehr als Teil des großen Fußball-Business. Aber in seiner neuen Aufgabe als Referent. Der 49-Jährige, der mittlerweile in Gießen lebt, hat sich selbständig gemacht. In seinen Vorträgen an Schulen oder in Vereinen spricht er offen über seine Erfahrungen als Fußballprofi ("Ich habe meine Identität verloren. Ich habe mich verkauft"), spricht ehrlich über seine Ängste und macht seinen Hörern Mut, authentisch zu leben.

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Sternkopf, Vater eines 13-jährigen Sohnes, geht es heute gut. Es war ein langjähriger Prozess der Identitätssuche. Therapeuten hätten ihm "bis zu einem gewissen Grad" geholfen, gesund zu werden. Heilung habe er aber letztlich durch seinen christlichen Glauben erfahren. Sternkopf ist überzeugt: "Gott liebt mich bedingungslos. Egal, ob ich erfolgreich bin oder versage. Er liebt mich so oder so. Das gibt mir die Ruhe und die Gelassenheit, auch mal versagen zu dürfen. Dafür schäme ich mich nicht mehr. Angst habe ich auch nicht mehr. Ich mache mir keinen Kopf mehr, was andere über mich denken."


Heute, nach vielen schweren Jahren, ist Michael Sternkopf endlich mit sich im Reinen.

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