Dr. Sebastian Wolf (Foto: SWR)

Hintergrund | Depressionen Sportpsychologe: "Manchmal steckt bei den Athleten mehr Leid dahinter"

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Sebastian Wolf (Tübingen) betreut als Sportpsychologe viele Leistungssportler. Er weiß: Depressionen führen nicht unweigerlich zum Karriereende, sofern sie rechtzeitig behandelt werden.

SWR Sport: Herr Wolf, wer kommt zu Ihnen?

Es kommen Leistungssportler zu mir, die eine klassische sportpsychologische Betreuung möchten. Da geht es um Leistungssteigerung oder Teamentwicklung. Und dann kommen Sportler zu mir, die aktuell leiden. Athleten, die psychische Probleme haben oder an psychischen Erkrankungen leiden. Es sind so gut wie alle Sportarten dabei.

Menschen in Deutschland mit psychischen Problemen müssen durchschnittlich fünf Monate warten, bis sie einen Termin bei einem Facharzt bekommen. Wie schnell können Sie Leistungssportlern Hilfe anbieten?

Ich fühle mich persönlich verantwortlich, weil ich zum Beispiel bei dem Programm "Mental gestärkt" von der Deutschen Sporthochschule in Köln dabei bin. Leistungssportler bekommen deshalb schnell einen ersten Termin bei mir. Dabei geht es dann um die Klärung: Brauchen sie einen psychiatrischen Kontakt, wo es um Medikamente geht? Oder kann ich als Sportpsychotherapeut selbst meine Unterstützung anbieten?

Mit welchen Anliegen kommen die Sportler zu Ihnen?

Es passiert häufig, dass die Sportler erst einmal mit einem sportlichen Anliegen kommen. Es stellt sich dann aber oft heraus, dass da noch mehr Leid dahintersteckt. Zum Beispiel Essstörungen, Angststörungen oder depressive Erkrankungen.

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Über Probleme reden

Sind Leistungssportler aufgrund des hohen Drucks durch Verein, Fans oder Medien besonders anfällig für psychische Erkrankungen?

Rein statistisch gesehen erkranken Leistungssportler nicht häufiger als Normalbürger an der Psyche. Allerdings treten manche Erkrankungen wie beispielsweise Essstörungen bei Sportlern bestimmter Disziplinen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.

Was kann ein Sportler tun, wenn er Anzeichen einer mentalen Erschöpfung oder Erkrankung bei sich wahrnimmt?

Zunächst einmal ist es wichtig, diese Anzeichen ernst zu nehmen und sich in irgendeiner Weise gegenüber Personen aus dem näheren sozialen Umfeld zu öffnen. Man sollte ihnen vertrauen und sich gut fühlen dabei. Der nächste Schritt könnte der Hausarzt sein, eine Beratungsstelle oder eine von etlichen Anlaufstellen, die es mittlerweile für Leistungssportler gibt. Da hat die Robert-Enke-Stiftung einiges auf den Weg gebracht. Oder man sucht sich selbst einen Psychotherapeuten oder Psychiater.

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Führt eine Depression unweigerlich zum Karriereende?

Eine Depression geht mit Energieverlust, Schlafstörungen oder Konzentrationsstörungen einher. Wenn das – vor allem bei schweren Depressionen – nicht behandelt wird, kann das zum Karriereende führen. Es muss aber nicht dazu führen, wenn frühzeitig interveniert wird. Es gibt gute Chancen, Depressionen zu behandeln.

Darf ein Spitzensportler schwach sein?

Ja und nein. Ich muss natürlich in bestimmten Momenten alles abrufen können und hier sollte ich stark sein. Auch im Umgang mit Kritik sollte man "stark sein" und das nach außen hin auch zeigen. Aber dann ist es auch ganz natürlich, mal schwach zu sein. Hier ist es dann umso wichtiger, von einem funktionierenden sozialen Umfeld aufgefangen werden zu können.

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