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Silas Wamangituka hat zwei Jahre lang unter falscher Identität für den VfB Stuttgart gespielt. Der Verein sieht ihn jedoch als "Opfer" seines ehemaligen Spielervermittlers.

Der VfB Stuttgart spricht von "Menschenhandel". Der Spieler von "ständiger Angst". Fakt ist: Was der VfB Stuttgart am Dienstagmorgen auf seiner Homepage verkündete, wirft ein grelles Licht auf die ansonsten eher dunklen Seiten des Fußball-Geschäfts. Dort heißt es: Silas Wamangituka sei auf den Klub zugekommen und habe offenbart, dass "Wamangituka" nicht sein richtiger Name sei. Der Mann, den Fans und Verein nach einer bis zu seinem Kreuzbandriss starken Saison in ihr Herz geschlossen haben, heißt in Wirklichkeit: Silas Katompa Mvumpa. Das gehe aus offiziellen Dokumenten hervor, die der VfB Stuttgart mit Silas' Hilfe aus der Demokratischen Republik Kongo erhalten habe. Auch das zunächst angegebene Geburtsdatum (6. Oktober 1999) sei falsch. Stattdessen sei er am 6. Oktober 1998 geboren. Dahinter stecken laut Verein die "Machenschaften seines ehemaligen Spielervermittlers". Der Spieler selbst sieht sich als deren Opfer.

"Ich habe in den letzten Jahren in ständiger Angst gelebt und mir auch um meine Familie im Kongo große Sorgen gemacht. Es war ein schwerer Schritt für mich, meine Geschichte zu offenbaren."

In der Hand des Spielervermittlers

Diese Geschichte beginnt laut VfB im Jahr 2017, als der damals 18-Jährige vom belgischen Topclub RSC Anderlecht zu einem Probetraining eingeladen wird. Um von der Demokratischen Republik Kongo nach Belgien reisen zu können, erhält er ein zeitlich befristetes Visum. Nach drei Monaten will der RSC ihn wohl verpflichten, da sein Visum jedoch vor dem Ablauf steht, muss Silas zunächst zurück in die Heimat, um ein neues zu bekommen. An dieser Stelle schaltet sich der ehemalige Spielervermittler ein, den Silas aus dem Kongo kannte. Unter massivem Druck solle er den Spieler davon überzeugt haben, dass er nicht mehr nach Europa zurückkehren dürfe, wenn er Belgien einmal verlasse und in die Demokratische Republik Kongo reise.

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In Paris habe der Vermittler den damals 19-Jährigen systematisch isoliert, wodurch der Spieler nach und nach von ihm abhängig wurde. Dieser Vermittler habe Silas bei sich in Paris wohnen lassen und ihm anschließend Papiere als Silas Wamangituka (ein Name seines Vaters) mit dem veränderten Geburtsdatum besorgt. Der VfB vermutet, dass dies nicht aus  aufenthaltsrechtlichen Erwägungen passierte, sondern um die Verbindung des Stürmers zu seinem Ausbildungsverein im Kongo zu unterbrechen. Zum anderen habe sich dadurch Silas' Abhängigkeit vom Vermittler noch einmal verstärkt - da er von nun an erpressbar gewesen sei. "Wenn man es mit der Überschrift Menschenhandel beschreibt, dann kommen wir dem Thema schon sehr nah", bewertet VfB-Sportdirektor Sven Mislintat die Situation. "Wir glauben, dass Silas kein Einzelfall ist in Europa. Er übernimmt damit auch gewissermaßen ein Stück Verantwortung für das, was im weltweiten Fußball so stattfindet." Der VfB Stuttgart erwägt, gegen den Spielervermittler vorzugehen.

Mislintat: "Silas ist vor allem ein Opfer"

Silas habe sich dem Verein anvertraut. Daher sehe Mislintat auch keinen Grund für Konsequenzen: "Silas bleibt der Spieler und der Mensch, der sich in die Herzen unserer Fans und seiner Mitspieler gespielt hat, seit er hier in Stuttgart ist. In Bezug auf die Namensänderung ist er vor allem Opfer. Entsprechend werden wir ihn auch schützen."

Wenn er nichts gesagt hätte, hätte er seine Karriere, ohne dass irgendetwas passiert wäre, sehr einfach fortsetzen können, völlig problemlos. Trotzdem hat Silas sich dazu entschlossen, die Wahrheit zu erzählen.

So reagieren DFL und DFB

Der VfB Stuttgart stehe bereits mit den deutschen Behörden, der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Kontakt. Derzeit gehen die Verantwortlichen davon aus, dass die "Silas-Affäre" keinen Einfluss auf dessen Spielberechtigung hat. Ein Sprecher der DFL sagte dazu lediglich: "Zur möglichen Erteilung einer neuen Spielerlaubnis für den Spieler unter seinem wahren Namen müssen die nach der Lizenzordnung Spieler (LOS) notwendigen Unterlagen, unter anderem ein behördlich erteilter, gültiger Aufenthaltstitel, eingereicht werden."

"Der DFB-Kontrollausschuss wird die Angelegenheit im Hinblick auf ein mögliches sportstrafrechtliches Fehlverhalten des Spielers überprüfen", sagte Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. "Es liegt eine durch die DFL wirksam erteilte Spielerlaubnis vor. Davon abgesehen sind beim DFB-Sportgericht keine Einsprüche gegen Spielwertungen anhängig. Diese können wegen Fristablauf auch nicht mehr eingelegt werden", fügte Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, an.

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