Tiago Tomas, Lilian Egloff und Enzo Millot (von links) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Fußball | Meinung

Hohe Identifikation trotz Talfahrt: Der VfB Stuttgart sollte seinen Weg weitergehen

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Johann Schicklinski

Der VfB Stuttgart steht schon wieder im Tabellenkeller der Bundesliga, der dritte Abstieg in sieben Jahren droht. Sind die Schwaben mittlerweile nur noch eine graue Maus und ein Fahrstuhlteam? Für SWR-Sportredakteur Johann Schicklinski ist eine Entwicklung sichtbar, die für Identifikation sorgt.

Zugegeben, ich hätte nicht erwartet, dass der VfB Stuttgart nach acht Spieltagen noch ohne Bundesligasieg dasteht. Ich hätte gedacht, dass die Mannschaft nach der enttäuschenden letzten Saison inklusive Last-Minute-Rettung früher den nächsten Schritt geht. Sowohl die zahlreichen jungen Spieler individuell als auch im Kollektiv. Dass der VfB sich in der Offensive für den enormen Aufwand mehr belohnt und hinten die Zahl der leichten Fehler zumindest minimiert.

Bis jetzt liege ich damit falsch. Stuttgart steht schon wieder im Tabellenkeller. Doch die Verantwortlichen bewahren die Ruhe. Sportdirektor Sven Mislintat sprach Trainer Pellegrino Matarazzo am Wochenende gegenüber SWR Sport eine Jobgarantie aus. "Matarazzo sei nicht Teil der Analyse" nach der Pleite in Wolfsburg, hieß es von Mislintat.

Der Weg des VfB Stuttgart ist sichtbar

Und das ist auch gut so. Der VfB sollte am eingeschlagenen Weg festhalten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Denn für mich als externen Beobachter ist dieser gut erkennbar, eine Identifikation sichtbar. Der Klub mit dem Brustring stand nach dem Abstieg 2019 am Abgrund, finanziell ausgeblutet, hatte viele ältere Spieler mit hoch dotierten Kontrakten und einem geringen Wiederverkaufswert unter Vertrag. Das Ergebnis einer jahrelangen Misswirtschaft.

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Viele Talente aus dem Ausland

Unter Mislintat, in der Branche auch als "Diamantenauge" bekannt und seit Frühjahr 2019 in Stuttgart am Ruder, hat sich das VfB-Profil fast diametral geändert. Der Klub setzt seitdem vorrangig auf Top-Talente aus dem Ausland, die sich in Stuttgart entwickeln und mithelfen sollen, den sportlichen Erfolg zu sichern. Gleichzeitig sollen sie den Schwaben bei einem späteren Weiterverkauf hohe Erlöse generieren.

Jüngste Mannschaft der Top-Fünf-Ligen Europas

Die Rechnung ging bisher in vielen Fällen auf. Resultat: Rückkehr in die Bundesliga 2020, Klassenerhalt 2021 und 2022 sowie ein enormes Plus auf dem Transfermarkt, in den letzten drei Jahren über 45 Millionen Euro. Und das mit den "neuen Jungen Wilden", aktuell die jüngste Mannschaft der Top-Fünf-Ligen Europas.

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Auch der Fußball wird globaler

Klar heißen die Protagonisten aktuell nicht Förster, Müller oder Hinkel, sondern Silas, Ahamada oder Ito. Trotzdem sorgen auch die "neuen Jungen Wilden" für eine große Identifikation, auch wenn es - wie immer im Leben - einige wenige vermeintliche Traditionalisten gibt, die kritisieren, dass der VfB ein eher internationales Profil aufweist. Doch diese haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Schließlich leben wir längst in einer globalisierten Welt, warum sollte das gerade im Fußball anders sein?

Hier ist bereits seit Jahren ein Wettrennen um die besten Talente im Jugendbereich entbrannt, auch und erst recht auf internationaler Ebene. Dem VfB bleibt gar nichts anderes übrig, als den aktuellen Weg zu gehen. Zumal an der Schnittstelle vom Nachwuchs- zum Profibereich in der jüngeren Vergangenheit einiges falsch gemacht worden ist, wie man zum Beispiel an Kimmich, Gnabry oder Leno sehen kann. Sie alle wurden in Stuttgart ausgebildet, machten andernorts Karriere und wurden später Nationalspieler.

Das soll unter Mislintat und Thomas Krücken, dem Direktor Sport Nachwuchs beim VfB, nicht mehr passieren. Fast alle Top-Nachwuchsspieler aus der U19, die dieses Jahr den DFB-Pokal holte, sowie aus der U17, die deutscher Vizemeister wurde, haben mittlerweile langfristige Verträge unterzeichnet.

Egloff und Kastanaras als positive Beispiele

Und auch im aktuellen Profikader zeigt sich, dass es nicht nur Talente aus dem Ausland sind, die für die Rot-Weißen auflaufen. Lilian Egloff hat sich unter den ersten 14 Spielern im Kader von Coach Matarazzo etabliert, feierte am fünften Bundesliga-Spieltag sein überfälliges Startelfdebüt. Der 20-Jährige bekam bereits vor zweieinhalb Jahren erste Einsätze, Verletzungen warfen Egloff aber immer wieder zurück. Mit Thomas Kastanaras debütierte jüngst gegen Frankfurt ein weiterer hochveranlagter Youngster.

"Jung und Wild" wird beim VfB Stuttgart also immer noch gelebt, aber in einer aktuelleren, ans Jahr 2022 angepassten Version. Die Fans goutieren das mehrheitlich, haben trotz der aktuellen sportlichen Misere Vertrauen in Mislintat und Matarazzo - auch wenn es - wie immer im Ländle - auch "Bruddler" gibt. Denn es ist ein Konzept erkennbar, das für Identifikation sorgt.

Dass zum Stuttgarter Weg weiterhin Geduld gehört, versteht sich von selbst. Diese scheint (noch) vorhanden zu sein. Und das ist auch gut so, denn der Plan ist erkennbar. Und für mich alternativlos.

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Johann Schicklinski

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