Bruno Labbadia im Trainingslager des VfB Stuttgart (Foto: IMAGO, IMAGO / Sportfoto Rudel)

Fußball | Trainingslager in Marbella

Bruno Labbadia als Animateur des ruhigen VfB-Teams

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Johannes Holbein
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Michael Bollenbacher

Nach knapp zehn Jahren ist er zurück beim VfB Stuttgart: Bruno Labbadia. Im Trainingslager in Marbella spricht der Trainer-Routinier über eine ruhige Mannschaft, wie normal frühe Einheiten sind und die Fan-Kritik nach seiner Rückkehr.

Mit grauem Trainingsanzug und braunem Teint kommt Bruno Labbadia zum Interview mit SWR Sport im sonnigen Marbella. Gute Laune bringt der Trainer-Routinier mit, auch wenn er vor der Fragestunde nochmal ein Taschentuch hervorkramt. Ein paar Tage sei er leicht angeschlagen auf dem Platz gestanden. "Aber krank - das geht nicht", so die unmissverständliche Ansage des VfB-Coachs. Viel investieren für den Erfolg. Das, was wohl auch seine Mannschaft verinnerlichen soll.

Fast zehn Jahre nach seinem ersten Engagement, das bis im August 2013 andauerte, ist Labbadia also zurück beim VfB Stuttgart. Zwischendurch trainierte der 56-Jährige den Hamburger SV, den VfL Wolfsburg und zuletzt Hertha BSC. Nun wollen die Schwaben mit dem Routinier das große Ziel Klassenerhalt schaffen. Was treibt Labbadia um, und wie packt er die neue Aufgabe an?

Bruno Labbadia über seinen Veränderungsprozess in den letzten Jahren:

"Als Trainer verändert man sich gefühlt täglich, wöchentlich, monatlich, weil man permanent einen Entwicklungsprozess mitmacht und weil man natürlich auch mit der Zeit immer wieder gehen muss. Man muss vielleicht auch Dinge verändern bei der Mannschaft. Das ist, glaube ich, auch das Spannendste an meinem Job: Dass es eigentlich keinen Tag gibt, der gleich ist. Du musst jeden Tag gefühlt hunderte Entscheidungen treffen, die dich in ein paar Monaten einholen können. Sicherlich macht die Erfahrung einiges aus, aber das Entscheidende ist, dass man auch dieses Feuer in sich hat und diese Lust auf diesen Job: Denn der ist natürlich intensiv!", so Labbadia.

...Labbadia, wie er gelassener wurde und trotzdem vollen Ehrgeiz versprüht:

"Gelassenheit hat nichts mit Ehrgeiz zu tun. Ich glaube, das wäre schlimm, wenn ich den Ehrgeiz verloren hätte. Dann glaube ich nicht, dass ich noch Trainer wäre. Gerade in so einer Phase in der wir stecken, ist es auf der einen Seite sehr, sehr wichtig auf dem Trainingsplatz sehr intensiv zu sein, gerade bei unserer Mannschaft: Wir haben eine sehr ruhige Mannschaft, kaum einer der spricht; das heißt, ich will sie sehr, sehr animieren, dass sie auch aus sich herausgehen und Dinge umsetzen, die wir ihnen vorgeben. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir haben ein richtig dickes Brett vor uns in der Rückrunde, stehen auf Tabellenplatz 16. Momentan haben drei bis vier Stammspieler, die in der Vorrunde zur Verfügung standen, momentan kaum mittrainiert. Also die Situation ist nicht angenehm und trotzdem ist es wichtig, gerade da eine gewisse Ruhe und Gelassenheit zu haben."

"Das Allerinteressanteste an der Geschichte ist im Grunde, dass wir zwei Mal am Tag Fußball spielen"

...Labbadia über frühe Trainingseinheiten und manches Medien-Echo darauf:

"Es ist wie im normalen Berufsleben. Es ist ein bisschen schade, dass man aus Dingen, die man in der Vorbereitung machen muss, die eigentlich Normalität sein sollten, so ein großes Ding dreht. Ich glaube, das macht auch diese große Fußball-Blase, die es nicht nur von Spielerseite gibt, sondern auch das Ganze außenrum. Für mich ist es eigentlich eine Normalität, Dinge zu erarbeiten. Das Allerinteressanteste an der Geschichte ist im Grunde, dass wir zwei Mal am Tag Fußball spielen. Das ist der Grund, warum ich irgendwann mal mit Fußball angefangen habe:,um Fußball zu spielen und das tun wir. Das Einzige, was wir jetzt noch machen, ist morgendliche Regenerationsläufe mit reinzunehmen, weil uns da ein Stück fehlt und weil wir daran arbeiten müssen. Und eines noch: Ich habe noch keinen Bereich gesehen - ob Fußball oder etwas anderes - wo man nicht etwas investieren muss, damit man nachher was ernten kann."

Bruno Labbadia ist Sohn von Gastarbeitern. Seine Eltern kamen in den 1950ern mit einem Koffer aus Italien nach Deutschland. Der gebürtige Darmstädter wuchs mit acht Geschwistern auf. Arbeitsethos wurde ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Das versuchte er sowohl früher als Stürmer (328 Bundesligaspiele, 103 Tore), als auch als Trainer vorzuleben. Beim VfB Stuttgart nun zum zweiten Mal, ausgestattet mit einem Vertrag bis 2025.

...Labbadia über die Frage, inwiefern ihn seine Eltern geprägt haben?

"Ich war 19 Jahre Profi und bin jetzt schon 18 oder 19 Jahre Trainer und das immer auf dem Niveau. Das kriegst du nicht geschenkt. Du brauchst da eine eiserne Disziplin und die haben mir sicher meine Eltern mitgegeben, aber - und das gehört auch dazu - ich liebe Fußball und ich will Fußball sehen und auch das funktioniert nur, wenn ich etwas investiere. Und das sehen wir auch: Wir haben momentan eine große Diskrepanz zwischen Spielern, die alle Einheiten mitgemacht haben und leider haben wir auch einen ganz großen Teil, der ganz wenige Einheiten gemacht hat. Und das wird jetzt auch eine Kunst sein, wie wir die anderen in dieser kurzen Zeit auf dieses Level kriegen. Nehmen sie Laurin Ulrich, der leider krank war und das Trainingslager verlassen musste. Oder Borna Sosa, der nach der WM seine Probleme hat. Dinos Mavropanos, der so gut wie keine Einheit mitgemacht hat oder Atakan Karazor, der auch viele Einheiten nicht mitmachen konnte. Das ist natürlich sehr, sehr schade, aber ich versuche das Positive rauszuziehen."

...Labbadia über den Reiz, zu einer alten Liebe zurückzukehren:

"Ich kenne natürlich Stuttgart und ich habe beim VfB eine gute Zeit gehabt. Ich bin fast drei Jahre hier gewesen, habe den Verein vorm Abstieg gerettet und dann zwei Mal ins internationale Geschäft geführt (2012 & 2013, Anm. d. Red.) und ins Pokalfinale (2013). Natürlich ist da einiges hängen geblieben. Und der VfB ist schon auch echt ein Klub - also wirklich - da läuft mir so ein bisschen die Gänsehaut... Da ist schon auch so, dass da 'ne ganz große Wucht da sein kann und das kann ich sagen: Diese Wucht brauchen wir in der Rückrunde. Also auch bei der Baustelle (Stadion-Umbau, Anm. d. Red.), das ist egal, aber wir brauchen diese Wucht und das kann der VfB. Der Funke muss erst mal von uns überspringen auf die Leute. Aber ich weiß auch, dass unsere Fans auch echt schon was geben können. Und wir haben alle das Ziel, dass der VfB in der Liga bleibt und das wird einfach ein großes Brett, das wir durchbohren müssen. Dafür legen wir den Grundstein."

Zu viele Zweifel, den VfB in der Liga zu halten, hinterließ letztlich Pellegrino Matarazzo. Der großgewachsene Coach, von allen nur "Rino" genannt, musste trotz aller Sympathien, die er im Verein hatte, am 10. Oktober seinen Hut nehmen. In der WM-Pause trennte sich der VfB Stuttgart dann auch von Sportdirektor Sven Mislintat. Es gibt VfB-Fans, die insbesondere in der Labbadia-Verpflichtung die Abkehr des neuen Stuttgarter Weges sehen. Den des jungen, hippen Vereins, der mit dem Tandem Matarazzo/Mislintat für viele auch extrem lässig daherkam. Moderne Werte und alte Tugenden, kann man das verbinden? Das fragen sich wohl viele VfB-Anhänger in diesen Tagen. Kann der als Fitness-Fanatiker geltende Labbadia das Team mit den drittschlechtesten Laufwerten der Liga so fit und frisch machen, dass es den Abstieg abwenden kann?

...Labbadia über Fan-Kritik an seiner Rückkehr und wie er diesen Fans die Sorgen nehmen kann:

"Bis jetzt ist es so: Alle Menschen, die auf mich in Stuttgart zugekommen sind - und das sind einige - da war es eher umgekehrt. Von dem her kann ich das nicht bestätigen, weil die Menschen eher gesagt haben: 'Gut, dass Sie wieder da sind!' Weil ich den Verein schon mal in einer ganz, ganz schwierigen Situation gerettet habe, danach sogar weiterentwickelt und zwei Mal ins internationale Geschäft geführt habe. Ich glaube, ohne das jetzt zu groß zu machen, man muss sich nur den Weg des VfB Stuttgart nach mir ansehen, das sind Argumente genug."

...Labbadia, über den Fußball, für den der VfB Stuttgart unter ihm stehen soll:

"Erst mal dürfen wir momentan nicht träumen von einem Fußball, den ich in meiner Vorstellung habe. Jetzt geht es nur darum: Wie bleiben wir in der Liga? Aber auch da muss man die Vergangenheit angucken. Damals gab es begeisternden Fußball. Wenn ich an Spiele denke wie das 4:4 in Dortmund (30. März 2012, Anm. d. Red.). Ich will begeisternden Fußball spielen, definitiv. Das ist das, was mich total antreibt. Fußball mit Freude, Leidenschaft, aber auch fußballerischen Stärken und Automatismen. Nur, dafür braucht man Zeit und momentan wäre es das Falscheste, zu weit zu denken. Jetzt ist nur der Fokus: Wie bleiben wir in der Liga? Weil der VfB ist schon zwei Mal abgestiegen und das wollen wir verhindern. Wenn Sie mich fragen, wo will ich hin? Ich will Freude und Spaß haben am Fußball und das können wir aber nur, wenn wir gewinnen - ganz einfach!"

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