STAND
AUTOR/IN

Silas Wamangituka ist der Shooting-Star beim VfB Stuttgart. Der 21-Jährige ist erst der dritte gebürtige Kongolese im Trikot der Schwaben. Landsmann Etepe Kakoko war vor 40 Jahren der erste - und erlebte abenteuerliche Dinge.

Es ist ein kalter Dezemberabend 1980. Es läuft die 89. Minute im Uefa-Pokal-Rückspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem VfB Stuttgart. Köln führt mit 3:1 und hat damit die 1:3-Hinspielniederlage ausgeglichen. Plötzlich kommt der Ball zu Etepe Kakoko. Der Stürmer steht völlig frei vor Kölns Nationaltorwart Toni Schumacher und kann den VfB Stuttgart ins Viertelfinale schießen. Doch der 30-Jährige, der erst zehn Minuten zuvor eingewechselt worden ist, scheitert am Keeper. Es geht in die Verlängerung, Köln gewinnt mit 4:1 und wirft die Schwaben aus dem internationalen Wettbewerb.

Geschenke vom Staatschef

Hätte Kakoko den Ball im Kölner Netz versenkt - es wäre seine perfekte Premiere bei den Profis des VfB Stuttgart gewesen. Doch die Karriere des 30-jährigen Stürmers aus Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, stagnierte anschließend. Dabei hatte sie mit einem steilen Aufstieg und beachtlichen Erfolgen begonnen. Bevor Kakoko 1977 zum VfB Stuttgart kam, spielte er 51 Mal für die Nationalmannschaft Zaires, landete 1973 bei der Wahl zu "Afrikas Fußballer des Jahres" auf Platz vier. Ein Jahr später gewann das Team den Afrika-Cup und qualifizierte sich als erstes schwarzafrikanisches Land für eine Fußball-WM.

Zaires Staatschef Mobutu, ein Despot, zeigte sich spendabel. Er lud die "Leoparden", wie die Nationalspieler Zaires heißen, in seinen prunkvollen Palast am Kongo-Ufer ein und verteilte Geschenke. "Es gab ein kleines Haus, oben auf dem Hügel", erinnert sich Etepe Kakoko. "Das Auto, ein Passat, habe ich meinem älteren Bruder Bongonge geschenkt."

kakoko zaire (Foto: Imago, imago)
Kakoko als Nationalspieler Zaires Imago imago

"Ihr seid Abschaum, Hurensöhne"

Doch die hochgelobten "Leoparden" erlebten bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland ein sportliches Debakel. Im ersten Gruppenspiel verloren sie gegen Schottland mit 0:2. Am Abend gab es Diskussionen um ausbleibende Prämiengelder. Die Stimmung war also schon vor dem zweiten WM-Spiel angespannt. Dann setzte es - mit Kakoko auf der linken Offensivseite der Afrikaner - eine herbe 0:9-Schlappe gegen Jugoslawien. Eine Demütigung für die stolzen "Leoparden". Staatspräsident Mobutu tobte am heimischen Fernseher und schickte der Mannschaft eine Drohbotschaft: "Ihr habt Schande über unser Land gebracht. Ihr seid Abschaum, Hurensöhne. Euer Führer ist von euch allen angewidert." Der Diktator ließ seine Spieler wissen, dass ihr Leben und das ihrer Familien bedroht sein würde, sollten sie auch noch im dritten Spiel gegen Brasilien mit mehr als drei Toren verlieren. Zaire verlor 0:3. Kakoko überlebte eingeschüchtert und wurde nach seiner Rückkehr in Zaires Hauptstadt Kinshasa fast wie ein Aussätziger behandelt. Der Staatschef drehte dem Fußball den Geldhahn zu.

Tolle Torquote

Kakoko kickte zwar weiter, arbeitete in seiner Heimat aber auch für Autohersteller Mercedes Benz. 1977 schickte ihn das Stuttgarter Unternehmen zur Weiterbildung nach Deutschland. Kakoko lernte schnell die deutsche Sprache, "schaffte" (Schwäbisch für arbeiten) als Lagerist und landete schließlich beim VfB Stuttgart. Der Afrikaner spielte in der Amateurmannschaft unter Trainer Willi Entenmann. Gemeinsam mit Sturmpartner Ilyas Tüfekci sorgte Kakoko mit seinen Toren dafür, dass das Team in die Oberliga aufstieg. In drei Spielzeiten erzielte der Stürmer 51 Tore - eine hervorragende Quote.

Bundesliga-Premiere und Publikumsliebling

Bei den Profis kam Kakoko nur zwei Mal zum Einsatz. Beim erwähnten Uefa-Pokalspiel in Köln und ein Jahr später, beim 2:2 im Bundesliga-Spiel bei Werder Bremen. Damals ließ VfB-Trainer Jürgen Sundermann Kakoko von Anfang an ran und setzte Torjäger Dieter Müller auf die Bank. Kakoko stürmte in dieser Partie an der Seite von Didier Six und Peter Reichert. Teamkollege Karlheinz Förster, der in Bremen den 2:2-Ausgleich für den VfB erzielte, kann sich kaum noch an seinen Mitspieler von damals erinnern. Obwohl Kakoko seines Wissens der erste dunkelhäutige Spieler in einem Bundesliga-Kader des VfB Stuttgart war. "Etepe hat zwar immer wieder mal bei uns Profis trainiert und fußballerisch auch keinen schlechten Eindruck gemacht", erzählt Förster, "aber für einen festen Platz hat es nicht gereicht." Förster verlor Kakoko bald aus den Augen. Denn die Partie in Bremen blieb sein einziger Bundesliga-Einsatz überhaupt. Im Sommer 1982 wechselte Kakoko zum 1. FC Saarbrücken, wo er schnell Publikumsliebling wurde. In 49 Spielen machte er 23 Treffer - wieder eine starke Quote. Vor wenigen Wochen feierte Kakoko seinen 70. Geburtstag. Heute lebt er in Hanweiler bei Saarbrücken.

Rasant - im Sprint und bei seinem Aufstieg

Erst viele Jahre nach Etepe Kakoko folgten weitere Spieler aus dem Kongo, die sich das Trikot des VfB Stuttgart überstreiften. Chadrac Akolo (inzwischen beim französischen Klub Amiens SC), Michael Mazingu-Dinzey (geboren in Berlin mit kongolesischer Herkunft) und eben Silas Wamangituka. Der Mann, der im Sommer 2019 für eine Ablöse von acht Millionen Euro vom FC Paris nach Stuttgart kam, ist der drittschnellste Spieler der Bundesliga – und rasant ist auch sein Aufstieg in Stuttgart. Sprints mit mehr als 35 km/h in der Spitze sind für den 21 Jahre alten Kongolesen keine Besonderheit, sondern Alltag. Seine Torquote ist mindestens so beeindruckend: sieben Treffer in zwölf Spielen. Wenn der junge Mann so weitermacht, wird er in seiner Heimat als Star gefeiert werden. Ganz anders als Etepe Kakoko es seinerzeit nach dem WM-Debakel erleben musste.

Stuttgart

Fußball | Bundesliga VfB-Sportdirektor Sven Mislintat: "Dann war es ein Selbstläufer"

Sportdirektor Sven Mislintat hat nach dem imposanten Sieg bei Borussia Dortmund vor zu großer Euphorie rund um den VfB Stuttgart gewarnt. Er sei aber "mit einem Lächeln aufgestanden", sagte er am Tag nach dem 5:1-Auswärtssieg im exklusiven Interview mit SWR Sport.  mehr...

Stuttgart

Fußball | Bundesliga VfB-Boss Thomas Hitzlsperger: Sven Mislintat soll "zeitnah" verlängern

Die Vertragsgespräche des VfB Stuttgart zur angestrebten Verlängerung mit Sportdirektor Sven Mislintat sind weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Doch das soll laut dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger bald geschehen.  mehr...

Stuttgart

Fußball | Bundesliga Lang, pfiffig, torgefährlich: VfB-Edeljoker Sasa Kalajdzic

Der österreichische Mittelstürmer Sasa Kalajdzic ist ein echter Gewinn für den VfB Stuttgart. Der 23-Jährige, der gegen Union Berlin beide Tore erzielte, ist nicht nur cool vor dem gegnerischen Tor. Auch seine Interviews sind äußerst unterhaltsam.  mehr...

STAND
AUTOR/IN