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Thomas Hitzlsperger, Vorstandsvorsitzender der AG, will Präsident des VfB Stuttgart e.V. werden. Die Vereinssatzung des schwäbischen Bundesligisten sieht das anders. Eigentlich...

Eins mal vorweg: Nach der gesetzlichen Rechtslage kann jeder der geschäftsfähig ist, Präsident eines eingetragenen Vereins werden. Das allein kann aber kein Argument für eine Präsidentschafts-Kandidatur von Thomas Hitzlsperger sein. Denn der VfB hat in der Vereinssatzung sozusagen eine Selbstregulierung vollzogen, um die Eignung mitzubestimmen und einzugrenzen.

"Der Vorschlag muss qualifizierte Bewerbungsunterlagen des Kandidaten, insbesondere Nachweise darüber enthalten, dass der vorgeschlagene Kandidat über eine mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder in einer vergleichbaren Führungsposition und/oder im aktiven Leistungssport verfügt."

Satzung VfB Stuttgart e.V., Paragraph 16 cc

Darf er, oder darf er nicht?

Der seit vielen Jahren sozial engagierte Ex-Profi beendete 2013 seine Karriere. Seit 2016 ist er in unterschiedlicher Funktion beim VfB Stuttgart tätig, im Feburar 2019 stieg er zum Sportvorstand der AG auf. Seit November 2019 ist Thomas Hitzlsperger Vorstandsvorsitzender der AG.

Natürlich sind auch Satzungen Auslegungssache. Genau das könnte das Problem für Hitzlsperger werden. Selbst nach wohlwollender Auslegung würden die Kriterien auf ihn dann nicht zutreffen. Wenn eine langjährige Karriere als Fußballprofi, selbst als Mannschaftskapitän, nicht das ist, was in der Satzung mit "Führungsposition im aktiven Leistungssport" gemeint ist. Wenn es hier ganz einfach um wirtschaftliche Kompetenz, idealerweise im Bereich des Sports, handelt. Dann stünde sich die Satzung selbst im Weg, denn als AG-Vorstand verfügt Hitzlsperger natürlich über wirtschaftliche Führungserfahrung. Aber eben erst seit deutlich weniger als 10 Jahren.

Das "und/oder" als möglicher Ausweg

Die Formulierung des Paragraphen 16 cc lässt aber auch eine andere Auslegung zu. Wenn nämlich das "oder" zum wichtigen Wort wird. Dann nämlich würde die "Erfahrung im aktiven Leistungssport" plötzlich zum entscheidenden Gut des Thomas Hitzlsperger. Eine unglückliche Formulierung der Satzung an einer ziemlich wichtigen Stelle kann also entscheidend werden. Vertretbar dürften am Ende beide Auslegungen sein.

Satzungsänderung für Hitzlsperger?

Natürlich könnte der Passus in der Vereinssatzung auch hin zur Eindeutigkeit geändert werden, das können aber in einem eingetragenen Verein nur die Mitglieder und dazu müsste es erst eine Mitgliederversammlung geben. Das spricht auch gegen kursierende Gerüchte, wonach das Mindestalter für einen Präsidentschaftskandidaten extra und klammheimlich für Hitzlsperger von 40 auf 35 Jahre geändert worden sei.

Doppelfunktion: Nur moralisch fragwürdig, oder auch rechtlich?

Die sogenannte "50+1 Regel" sieht in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vor, dass nach der Ausgliederung einer Profi-Abteilung die Kapitalanleger keine Mehrheit in den Kapitalgesellschaften erhalten. Eine mögliche Doppelfunktion von Thomas Hitzlsperger beim VfB, als Präsident des VfB e.V. und AG-Vorsitzendem böte der DFL keinen Grund zur Beanstandung. Ganz im Gegenteil wäre es eigentlich im Sinne der traditionalistischen Fans: Ihr Präsident hätte dann sogar maximalen Einfluss auf die AG. Wenn er denn auch als überzeugter Präsident im Sinne der e.V. handelt. Aufgrund seiner jetzigen AG-Tätigkeit ist genau das für viele Fans fraglich.

Immerhin schließt die Doppelfunktion aus, dass anders als jetzt Claus Vogt, ein Präsident Hitzlsperger nicht im Aufsichtsrat vertreten sein könnte. Vogt hat derzeit als Aufsichtsratsvorsitzender auch eine wichtige Kontrollfunktion inne. Der könnte Hitzlsperger in Doppelfunktion nicht gerecht werden.

Moralisch bleiben den Kritikern Zweifel, weil diese von Hitzlsperger angestrebte Allmacht höchst ungewöhnlich ist. Aber das wiederum ist nicht in der Vereinssatzung festgehalten - auch nicht als Auslegungssache.

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