Kai Wagner, Profifußballer bei Philadelphia Union in der MLS (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Fußball | MLS

MLS-Profi Kai Wagner: "Zum VfB Stuttgart würde ich niemals Nein sagen"

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Johannes Holbein

Auf der Schwäbischen Alb großgeworden, in Philadelphia zu einem der besten Linksverteidiger der MLS gereift. Jetzt will Kai Wagner im europäischen Profifußball durchstarten. Was macht ihn aus?

Zwei Jahrzehnte sind seither vergangen, aber diesen Satz hat Kai Wagner nicht vergessen. Als er in seiner Kindheit beim SV Lonsee spielte, einem Dorfklub auf der Schwäbischen Alb, nahm ihn sein Trainer Manfred Scheel zur Seite und sprach ihm zu: "Aus dir kann mehr werden." Dieser Satz hat Wagner so geprägt, dass er ihn noch heute zitiert. Wahrscheinlich wäre er auch ohne ihn Fußballer geworden. Aber auf seinem Weg zu einem der besten Linksverteidiger der Major League Soccer (MLS), der höchsten Spielklasse im US-amerikanischen und kanadischen Fußball, hat ihn die Erinnerung daran bestärkt.

Kai Wagner: Von der MLS in den europäischen Spitzenfußball?

Seit mehr als drei Jahren spielt Wagner, 25, für Philadelphia Union in den USA. In 108 Spielen hat er 22 Tore vorgelegt und vier erzielt. Mit seinem Team hat er 2020 das begehrte Supporters Shield gewonnen, das an die Mannschaft geht, die in einer Saison die meisten Punkte holt. 2021 wurde er ins All-Star-Team der MLS gewählt. Auch über die USA hinaus hat sich der Linksfuß einen Namen gemacht. Er wird mit europäischen Klubs in Verbindung gebracht und sagt selbstbewusst: "Wir wollen zurück nach Europa."

Wagner ist ein Junge von der Schwäbischen Alb

Wir, damit meint er seine Frau und seine zwei Kinder, mit denen er in einem Haus mit großem Garten abseits des urbanen Trubels Philadelphias lebt. Sie haben viele Metropolen in den USA bereist, das internationale Flair New Yorks aufgesogen. Aber der Blick aus seinem Haus auf eine riesige Farm fühlt sich vertrauter an. Schließlich ist Wagner in Radelstetten aufgewachsen, einem Ort unweit von Ulm, der nicht mehr als 200 Einwohner zählt. Er ist ein Junge vom Dorf, der täglich stundenlang mit seinen Kumpels Fußball spielte und davon träumte, in der ersten Mannschaft des SV Lonsee zu spielen – Bezirksliga. Er nennt das eine "klassische Kindheit". Was unterscheidet ihn von denen, die größer träumen und es nicht so weit schaffen?

Schnell, robust und vor allem extrem ehrgeizig

Wer mit Manfred Scheel, seinem Entdecker, spricht, mit Stephan Baierl, seinem ersten Herren-Trainer beim SSV Ulm, mit Ernst Tanner, seinem Förderer in den USA, der lernt viel über Wagners Fähigkeiten: Er ist Linksfuß und als solcher gefragt. Er ist schnell und ausdauernd. Er hat ein gutes Passspiel, kann Standards schießen, schlägt Flanken "direkt auf die Birne" der Stürmer. Er ist mit seinen 1,83 Metern robust und kaum verletzt. Was alle herauskehren: Wagners "unglaublichen Biss".

Wagners untypischer Weg nach oben

Sein Weg nach oben verlief untypisch. Erst kurz vor seinem 18. Geburtstag, kam er ins Nachwuchsleistungszentrum des FC Augsburg. Lange blieb er nicht. Er setzte sich nicht durch, ihm fehlte das Zutrauen. Also wechselte er zurück in die Heimat, zum SSV Ulm, für den er nach seiner Kindheit beim SV Lonsee in der Jugend gespielt hatte. In Ulm traf der zunächst zurückhaltende Wagner auf Stephan Baierl, der ihn stärkte und in seinem letzten Jahr als Jugendspieler in die erste Mannschaft in der Oberliga integrierte. Wagner wurde zum Leistungsträger, stieg mit der Mannschaft in die Regionalliga auf. "Er ist immer reingegangen, hat nicht zurückgezogen, war auf dem Platz frech", erinnert sich Baierl. "Er kommt wie ich von der Schwäbischen Alb. Er ist aus kernigem Holz geschnitzt. Wichtig ist aber, dass er einen Trainer hat, der ihm vertraut."

Das Abenteuer in der MLS

Von Ulm kam Wagner über die zweite Mannschaft des FC Schalke 04 zum Drittligisten Würzburger Kickers. In anderthalb Jahren machte er dort 47 Spiele. Als er noch ein halbes Jahr Vertrag hatte, verdeutlichte ihm der Verein, dass er verlängern solle, ansonsten würde er weniger spielen. "Das hat mir einen Stich versetzt. Sowas lasse ich nicht mit mir machen", sagt Wagner. Deutsche Zweitligisten bemühten sich um ihn, doch Wagner hatte andere Pläne: "Ich hatte Lust auf ein Abenteuer, darauf, etwas Neues zu sehen."

Kai Wagner im Trikot des FC Schalke 04 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Die ersten Jahre seines Lebens war Wagner VfB-Fan. Als er dann ein Spiel auf Schalke sah und sich von der Atmosphäre anstecken ließ, schlug sein Herz für die Königsblauen. Später das Trikot der Knappen tragen zu dürfen, war ein Traum für ihn. Picture Alliance

Und er sehnte sich nach jemandem, der ihm vertraut und einen Weg aufzeigt, nach jemandem wie Ernst Tanner, Sportdirektor der Philadelphia Union. Tanner, der als Nachwuchsleiter bei 1860 München, der TSG Hoffenheim und RB Salzburg gearbeitet hat und sportlicher Leiter und Geschäftsführer bei der TSG war, holt talentierte Spieler in die USA, entwickelt sie weiter und verkauft sie nach Europa. Für junge Spieler, die den Weg in die höchsten Klassen nicht über eine zweite Liga gehen wollen, ist das attraktiv. Denn die MLS, sagt Tanner, biete ihnen die Möglichkeit, Praxis in einer anspruchsvollen Liga zu sammeln, der Niveau "irgendwo zwischen den Topligen und der Zweitklassigkeit liegt". Hier können sich Spieler weiterbilden, um es dann in einer ersten Liga in Europa zu versuchen. Wie schon in Ulm hat Wagner hat das Vertrauen zurückgezahlt. "Er hat drei sehr gute Saisons hier gespielt", sagt Tanner. Ob er ihm den Schritt nach Europa zutraut? "Kai kann das."

Bundesliga, Premier League: Wo zieht es Wagner hin?

Ein Jahr hat er noch Vertrag in Philadelphia. Seine Familie und er genießen das Leben in den USA. "Wir haben so viel erlebt, was wir in Deutschland nicht erleben hätten können. Diese Zeit kann uns niemand nehmen.“ Trotzdem will Wagner am liebsten diesen Sommer den nächsten Schritt machen. "Ich glaube, die Bundesliga und die Premiere League sind Ligen, die mir ziemlich gut stehen würden. Aber ich höre mir natürlich alles an und gucke, wo ich die besten Zukunftschancen habe."

Zurück in die schwäbische Heimat?

Der 1. FC St. Pauli soll interessiert sein, auch in Verbindung mit Hertha BSC und Leeds United ist sein Name gefallen. Und eine Rückkehr ins Schwäbische? Wagner bezeichnet sich als Familienmensch. Seine Eltern hätten ihn immer unterstützt, seien entscheidend gewesen, dass er seinen Weg machen konnte. Er wünscht sich, dass sie seine Kinder aufwachsen sehen. Wenn der VfB Stuttgart anrufen würde, für den Wagners Herz in frühester Kindheit schlug, wäre er also nicht abgeneigt. "Ich würde niemals Nein sagen." Das hätte auch den Vorteil, dass er sich eines seiner Leibgerichte, original schwäbische Maultaschen, zu Gemüte führen könnte. Dieser Tage hat er einen Store gefunden, der sie im Sortiment hat. Aber die "Swabian raviolis" können mit dem Original "kein bisschen" mithalten, sagt er und grinst.

Über eine Heimkehr würde sich auch sein Entdecker Manfred Scheel freuen. Um Wagners Spiele zu sehen, steht er wegen der Zeitverschiebung nachts auf - manchmal schläft er dann vor dem Fernseher ein. Scheel muss schmunzeln, als er gefragt wird, wie Wagner als Kind war. Er erinnert sich, wie "der Kai" sich als Kind im Training mit dem Torhüter gezofft hat. Anstatt sich, wie vom Trainer gewünscht, zu entschuldigen und weiter zu trainieren, setzten sie sich Rücken an Rücken an den Rand des Trainingsplatzes und sprachen eine Stunde kein Wort miteinander. "Er war ein Dickkopf, er wollte einfach nicht nachgeben", sagt Scheel. "Vielleicht ist er auch deshalb so weit gekommen."

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